Mi., 12.12.2018

Arbeitnehmerseite will konstruktiv sein – Lösung im Weihnachtsgeld-Streit? Gerry Weber ringt um Zukunft

Gerry Weber in Halle.

Gerry Weber in Halle. Foto: dpa

Von Oliver Horst

Halle (WB). Bei dem ums Überleben kämpfenden Haller Modekonzern Gerry Weber AG starten an diesem Mittwoch die Verhandlungen über einen Sanierungstarifvertrag. Die IG Metall fordert vor der Aufnahme der Gespräche, das widerrechtlich einbehaltene Weihnachtsgeld auszuzahlen. In dieser Frage soll es im Konzern Bewegung geben, erfuhr das WESTFALEN-BLATT.

Die Arbeitnehmervertreter Ute Herkströter (IG Metall Bielefeld/kleines Foto, von rechts), Betriebsratschef Lutz Bormann und Manfred Menningen (IG Metall) verhandeln von diesem Mittwoch an mit der Spitze des angeschlagenen Haller Modekonzerns Gerry Weber. Foto: Oliver Horst

Dem Vernehmen nach wird im Hintergrund an einer Lösung gearbeitet, damit die betroffenen rund 1200 Tarifbeschäftigten – vor allem in Halle – zumindest einen Teil des eigentlich mit dem Novembergehalt fälligen Geldes zeitnah erhalten. Details könnten womöglich heute zum Auftakt der Gespräche bekannt werden. Einige Mitarbeiter, vor allem in den Filialen, sollen regulär Weihnachtsgeld erhalten haben, teilte die IG Metall gestern mit. Betriebsratsvorsitzender Lutz Bormann berichtete derweil von Schockstarre, Wut und auch Nöten von Mitarbeitern, für die das Weihnachtsgeld nicht nur für den Geschenkekauf verplant sei.

Der Vorstand des von Umsatzrückgängen, Millionenverlusten und hohen Schulden geplagten Konzerns fordert als Beitrag der aktuell 6500 Mitarbeiter zur Sanierung des Unternehmens den Verzicht auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie mögliche Tariferhöhungen für drei Jahre. Insgesamt soll es um mehr als zehn Millionen Euro gehen. Weiterer Bestandteil der Sparpläne ist der Abbau von 900 Stellen und die Aufgabe von 230 Verkaufsflächen.

Es gehe nicht nur um Zahlen

Die IG Metall sei als Tarifpartner grundsätzlich zu konstruktiven Gesprächen bereit, sagt Ute Herkströter, 1. Bevollmächtigte der Gewerkschaft in Bielefeld. »Ein Tarifbruch, wie beim Weihnachtsgeld geschehen, ist aber nicht hinnehmbar und eine Belastung für die Verhandlungen, die wir im Auftrag der Mitarbeiter führen.« Herkströter sagt: »Wir wollen nachhaltig Beschäftigung sichern. Wenn die Mitarbeiter Verzicht leisten sollen, müssen wir wissen, wofür sich das lohnt und wie die Zukunft aussehen soll.« Es gehe nicht nur um Zahlen, sondern die Strategie, wie die Wende geschafft werden und der Konzern künftig aufgestellt sein soll. »Und es geht um Ausgewogenheit im Umgang mit Banken und Belegschaft«, sagt Manfred Menningen von der IG Metall in Frankfurt, der zugleich im Aufsichtsrat des Modekonzerns sitzt.

Bormann wird derweil mit der Konzernführung über einen Sozialplan und Interessenausgleich im Zuge des Stellenabbaus verhandeln. Dieser solle zu einem großen Teil auch die Verwaltung und Logistik in Halle treffen. »Es gibt in dem Umstrukturierungskonzept Punkte, die wir nicht mitgehen, aber auch andere, die wir seit langem fordern«, sagt der Betriebsratschef. »Wir wollen unsere Ideen, die Ideen der Mitarbeiter einbringen.« Als der Konzern noch von den Gründerfamilien Weber und Hardieck geführt worden sei, sei es schwieriger gewesen, Gehör zu finden. Viele Fragen gebe es vor allem zur Zukunft des Logistikzentrums mit 300 der 1100 Mitarbeiter in Halle. Diesbezüglich seien die Pläne der Konzernführung bislang noch völlig unklar.

Mehr als 80 Prozent der Beschäftigten vermittelt

»Wir wollen eine Transfergesellschaft wie bei den zwei vorangegangenen Stellenstreichungen«, sagt Bormann. Mehr als 80 Prozent der Beschäftigten seien so jeweils in Arbeit vermittelt worden. Zudem fordert der Betriebsratschef eine ähnliche Abfindungsregelung wie zuvor – das Sanierungskonzept des Konzerns sehe aber deutlich weniger Geld vor.

Die Zeit drängt: Bis Ende Januar müssen zumindest die Eckdaten feststehen. Dann muss der Konzern mit Geldgebern ein langfristiges Finanzierungskonzept vereinbart haben. Die Rückzahlung fälliger Anleihen über 31 Millionen Euro ist bis dahin gestundet. Die Angst vor der Insolvenz sei in der Belegschaft präsent, sagt Betriebsrat Bormann: »Wir haben als Unternehmen nur noch einen Schuss frei. Der muss sitzen.«

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