Fr., 18.01.2019

Deutsches Rotes Kreuz will mit Selbstverteidigungsseminar Rettungskräften mehr Sicherheit vermitteln Wenn Retter sich selbst schützen müssen

Insgesamt zehn Teilnehmer lassen sich von Michael Flohr trainieren.

Insgesamt zehn Teilnehmer lassen sich von Michael Flohr trainieren. Foto: Sara Mattana

Von Sara Mattana

Halle (WB). Rund um die Übergriffe in der Silvesternacht 2015 war die »Armlänge Abstand« in aller Munde. Dass diese Armlänge bei aggressiven Menschen aber bei weitem nicht ausreicht, erklärt Michael Flohr nun einer Gruppe ehrenamtlicher Rettungshelfer.

Der DRK-Mann Michael Flohr, hauptberuflich Abteilungsleiter in der Bauverwaltung Halle, betreibt seit 1985 selbst Kampfsport und ist ehrenamtlich als Gewaltschutztrainer im DRK-Kreisverband tätig. Seine Zielgruppe sind größtenteils Rettungskräfte – denn diese erleben bei ihren Einsätzen immer wieder Aggression und Handgreiflichkeiten.

Zehn Tipps für den Alltag

Halle (WB/mat). Michael Flohr lehrt Maßnahmen aus dem israelischen Kampfsport Krav Maga. Der 53-Jährige gibt den Lesern des WESTFALEN-BLATTES einige Tipps für mehr Sicherheit in ihrem Alltag:

1. Man kann sich nicht unsichtbar machen und es ist keine Schande, wegzulaufen. Wichtig ist die innere Bereitschaft, sich einer Bedrohung zu stellen.

2. Meiden Sie gefährliche Situationen und Orte.

3.Haben Sie keine Angst vor der Angst. Angst ist ein gutes, natürliches und gesundes Warnzeichen.

4. Denken Sie während eines Konflikts nicht zu viel an die Folgen. Zweifel schränken die Handlungsfähigkeit ein.

5. Vermeiden Sie direkten Augenkontakt. Beobachten Sie mögliche Gefahrenquellen immer unauffällig.

6. Finden Sie die richtige Haltung. Wer eine Kampfstellung einnimmt, lässt sich auf das Spiel ein.

7. Die offene Hand ist wirksamer als die Faust. Offene Hände sind gute Überraschungswaffen.

8. Halten Sie Distanz zu Ihrem Gegenüber.

9. Die Stimme ist eine Verteidigungswaffe. Schreien Sie im Notfall auch dann, wenn niemand zu sehen ist, der zu Hilfe kommen kann.

10. Das oberste Ziel sollte es immer sein, überhaupt keine körperliche Gewalt anzuwenden. Man lernt Kampfsport, damit man ihn nicht einsetzen muss, sagt Flohr.

Die zehn Helfer des DRK, die am Wochenende am sechsstündigen Kurs des Deeskalations-Experten teilnehmen, sind selbst noch nie Ziel eines Angriffs gewesen. »Aggressive Patienten hatten wir aber alle schon genug«, berichtet Rettungssanitäter Michael Wille. Und diese Erfahrung spiegelt sich auch in der Statistik wider: So zeigt die Bestandsaufnahme zur Gewalt gegen Rettungskräfte der Ruhr-Universität Bochum, dass es sich bei den Tätern zu etwa 70 Prozent um Patienten handelt und die Täter in fast 90 Prozent der Fälle männlich sind. Michael Flohr möchte mit seinen Kursen deshalb erreichen, dass es gar nicht erst zu einer körperlichen Auseinandersetzung kommt.

Achtsamkeit ist das Stichwort

Achtsamkeit ist dabei das Stichwort – und die beginnt nicht erst am Einsatzort. »Wenn Stichworte wie häusliche Gewalt, Messerstiche oder eine Nachforderung der Polizei fallen, ist Vorsicht geboten«, sagt Michael Flohr, der stets dazu rät, gefährliche Situationen zu umgehen: »Wir dürfen natürlich nicht weglaufen, wenn Menschen in Gefahr sind. Wir sind aber nicht die Polizei und müssen nicht dafür sorgen, den Täter zu stellen.« Hat ein Täter also von seinem Opfer abgelassen, ist ein schneller Rückzug aus der Situation gefragt. »Wir beleidigen ihn nicht, denn das bringt ihm Energie. Wir dürfen uns aber auch nicht sichtlich ins Bockshorn jagen lassen«, erklärt Michael Flohr.

Und dieses souveräne Handeln beginnt in einer Konfrontation schon mit der Körperhaltung. »Eine Armlänge Abstand ist absolut nicht ausreichend«, sagt Flohr, der dennoch dazu rät, beim Rückzug aus der Situation die Hände geöffnet nach vorn zu strecken. Denn dies ist nicht nur eine beschwichtigende Geste, sondern kann im Ernstfall lebenswichtig sein. Holt der Täter nämlich zum Schlag aus, kann ein Großteil seiner Kraft über die erhobenen Arme abgefangen werden.

Druck in die Drosselgrube

Spitzt sich die Situation dann aber zu, ist schnelles und bestimmtes Handeln nötig, beispielsweise beim Drücken in die Drosselgrube des Angreifers. Diese befindet sich zwischen den Schlüsselbeinen und oberhalb des Brustbeins und wie unangenehm der Druck auf diese Stelle ist, dürfen die Kursteilnehmer am eigenen Leib erfahren. In Partnerübungen trainieren sie Maßnahmen der Deeskalation und Selbstverteidigung – sei es im Gespräch oder beim Herauswinden aus dem Würgegriff. Und eine Lektion lernen sie dabei besonders schnell: Zielt der Angreifer auf den Hals, können hochgezogene Schultern und ein schräg in die Luft gezogener Arm so einiges bewirken.

Licht, Lärm und Leute suchen

Dass unangenehmer Kontakt aber schon viel früher anfangen kann, demonstrieren Michael Flohr und Teilnehmerin Julia Hillemeyer. Denn wenn sich ein Mann nachts in einem leeren U-Bahn-Wagon plötzlich unmittelbar neben eine junge Frau setzt, entsteht schnell ein ungutes Gefühl – eine Situation, die Julia Hillemeyer selbst schon erlebt hat. Während bei ihr jedoch ein Platzwechsel genügte, bleibt Flohr im Rollenspiel hartnäckiger. »Wir sind dazu erzogen, höflich zu sein. Man muss in dieser Situation aber nicht mit dem Fremden sprechen.

Julia und Fabian Hillemeyer, Sandra Müller, Alina Böckemann, Mirko Meyer, Jürgen Klingebiel, Dominik Bücker, Michael Wille, Peter Werz und Michael Eckert trainieren mit Gewaltschutztrainer Michael Flohr (von links). Foto: Sara Mattana

Wenn das Ignorieren nicht hilft, gilt es grundsätzlich, Licht, Lärm und Leute zu suchen«, sagt Flohr, der Rettungskräften mit seinem Kurs mehr Sicherheit in ihrem Beruf vermitteln möchte – denn in diesem spielen gewalttätige Angriffe derzeit leider verstärkt eine Rolle. »Ich bin mit der aktuellen Lage bewusst und möchte gut vorbereitet sein, wenn ich einmal in gefährliche Situationen komme«, sagt Teilnehmer Peter Werz.

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