So., 10.02.2019

Soziologe sagt, wie man Zahnräder der Diskriminierung stoppen kann »Überzeugen Sie die Skeptiker«

Referent Jürgen Schlicher (Mitte) hielt im Begegnungszentrum Remise einen Vortrag über die Anatomie von Diskriminierungsstrukturen. Eingeladen hatten Karin Elsing (links) vom Mehrgenerationenhaus – Kreisfamilienzentrum der Diakonie im Kirchenkreis Halle und Jenni Hamkens (rechts) von der Integrationsagentur DRK Soziale Dienste und Einrichtungen Gütersloh.

Referent Jürgen Schlicher (Mitte) hielt im Begegnungszentrum Remise einen Vortrag über die Anatomie von Diskriminierungsstrukturen. Eingeladen hatten Karin Elsing (links) vom Mehrgenerationenhaus – Kreisfamilienzentrum der Diakonie im Kirchenkreis Halle und Jenni Hamkens (rechts) von der Integrationsagentur DRK Soziale Dienste und Einrichtungen Gütersloh. Foto: Tibaudo

Von Anna Lisa Tibaudo

Halle (WB). Wie fühlt es sich an, wenn man als Mensch plötzlich grundlos diskriminiert wird? Wie funktionieren solche Mechanismen, die auch hinter Sexismus, Mobbing oder Ausländerfeindlichkeit stehen? Darüber hat Jürgen Schlicher, Diplom-Politikwissenschaftler, Soziologe und Trainer für Diversity Management, gesprochen.

Er redete zum Thema »Der Rassist in uns – Zur Anatomie von Diskriminierungsstrukturen« vor rund 50 Zuhörern im Begegnungszentrum Remise.

Anhand mehrerer Beispiele illustrierte Schlicher, wie Rassismus funktioniert. Vereinfacht gesagt, beeinflusst eine Autoritätsperson A eine Gruppe namens B mit seinen negativen Äußerungen über eine weitere Gruppe namens C, die er außerdem grob nachteilig behandelt. Die vielen Bs übernehmen allmählich As Meinung – ob bewusst oder unbewusst – und beginnen die Gruppe C ebenfalls zu benachteiligen oder zu demütigen.

»Wie schafft es unser Gehirn, dass wir als empathische Menschen uns entsolidarisieren?«

»Wie schafft es unser Gehirn, dass wir als empathische Menschen das hinbekommen, uns zu entsolidarisieren?« fragt Schlicher rhetorisch in die Runde und kommt unter anderem auf den Blue-Eyed-Workshop zu sprechen. Den hat die amerikanische Grundschullehrerin und Antirassismus-Aktivistin Jane Elliott 1968 entwickelt, um ihren damaligen Schülern zu erklären, weshalb Martin Luther King erschossen worden war.

In diesem Workshop, der Initiator für weltweite Antirassismus-Workshops wurde, teilt Elliott die Gruppen in Blau- und Braunäugige ein. Die (gemeinhin eher positiv assoziierten) Blauäugigen werden mit negativen Eigenschaften besetzt, die Braunäugigen dagegen mit positiven. Beide Gruppen bekommen eine dazu passende wohlwollende oder diskriminierende Behandlung seitens des Gruppenleiters A. Im weiteren Verlauf erfahren die Teilnehmer den gruppendynamischen Prozess und wie sich ihr Rollenverhalten verfestigt. Besonders die diskriminierte Gruppe C erfährt, wie schwer es ist, aus diesem künstlich erzeugtem Wertesystem auszubrechen und resigniert.

»Damit Rassismus funktioniert, reicht es für die braven Leute aus, nichts zu tun.«

Woher nimmt A die Macht, das mit C zu tun? »Weil B es zulässt«, antwortet der Experte. »Wenn sich die vielen Bs mit C solidarisieren, hat A keine Macht.« Um es mit Elliotts Worten zu sagen: »Damit Rassismus funktioniert, reicht es für die braven Leute aus, nichts zu tun.« »Es ist so billig, Leute gegeneinander aufzuhetzen«, betont Schlicher, der seit über 20 Jahren bundesweite Antirassismus-Workshops für Unternehmen, Schulen und Behörden durchführt. In diesem Zusammenhang entstand in Kooperation mit dem ZDF der Dokumentarfilm »Der Rassist in uns«, aus dem Schlicher Ausschnitte zeigt.

Dass Menschen dennoch unberechenbar bleiben, ihren ursprünglichen Standpunkt vertreten und keine Privilegien genießen wollen, die sie für ungerecht halten, gibt es ebenfalls zu berichten. Schlicher schildert das Beispiel einer Frankfurter Schulklasse mit starkem Migrationshintergrund, in der ein Lehrer die Gruppe C diskriminierte. In diesem Fall solidarisierte sich die Gruppe B mit der Gruppe C gegen Gruppe A. Sie schafften es, gemeinsam mit Hilfe der Eltern, Schulpflegschaft und letztendlich des Schulleiters den diskriminierenden Lehrer der Schule zu verweisen. Was hilft also? »Suchen Sie sich Verbündete und überzeugen Sie als erstes die Skeptiker. Versuchen Sie aus bremsenden Menschen zunächst einmal Skeptiker zu machen, um sie schließlich ganz für sich zu gewinnen«, empfiehlt der Fachmann. »Oft reicht nur ein wenig persönlicher Einsatz, um die Zahnräder der Diskriminierung sich langsamer drehen zu lassen und schließlich zum Stillstand zu bringen.«

Die Veranstaltung fand auf Einladung des Mehrgenerationenhaus, Kreisfamilienzentrum der Diakonie im Kirchenkreis Halle und der Integrationsagentur DRK Soziale Dienste statt.

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