Di., 02.04.2019

Insolvenzverfahren eröffnet – bald erste Kündigungen – Verkauf von Logistikzentrum? Gerry Weber forciert Investorensuche

Bei Gerry Weber – hier die Bielefelder Filiale – sollen im Insolvenzverfahren die »Baustellen« im Konzern abgearbeitet werden.

Bei Gerry Weber – hier die Bielefelder Filiale – sollen im Insolvenzverfahren die »Baustellen« im Konzern abgearbeitet werden. Foto: Bernhard Pierel

Von Oliver Horst

Halle (WB). Der um die Rettung ringende Haller Modekonzern Gerry Weber AG darf seine Sanierung in Eigenverwaltung vorantreiben. Das Amtsgericht Bielefeld eröffnete am Montag wie erwartet ein entsprechendes Insolvenzverfahren. Der hochverschuldete Konzern forciert nun die Suche nach einem Investor. Auch ein Verkauf des Logistikzentrums in Halle ist offenbar Teil der Sanierungspläne.

Mit der Eröffnung des am 25. Januar beantragten Insolvenzverfahrens für die Konzernmutter rücken der Abbau von bis zu 900 der insgesamt 6500 Stellen und die Schließung von bis zu 230 der rund 1200 Filialen näher. Etwa 50 Mitarbeiter in Halle haben von sich aus das Unternehmen in den vergangenen Wochen verlassen, heißt es.

Die ersten betriebsbedingten Kündigungen sollen noch im April ausgesprochen werden, weitere bei der für die Filialen zuständigen Retail-Tochter im Mai, wenn auch für diese das Eigenverwaltungsverfahren eröffnet wird. Auch langlaufende Miet- und Ar­beits­verträge können dann gemäß des Insolvenzrechts mit dreimonatiger Sonderkündigungsfrist beendet werden. Eckpunkte für einen Sozialplan und Interessenausgleich, der Abfindungen regelt, sind so gut wie ausgehandelt.

Drei Millionen Euro Einsparvolumen

Der Konzern verspricht sich durch das Sparpaket Kostensenkungen von jährlich rund 20 Millionen Euro. Hinzu kommen kurzfristige Einsparungen bei den Personalkosten durch den mit der Gewerkschaft IG Metall ausgehandelten »Zukunfts­tarifvertrag«.

Dieser sieht Einbußen der Tarifbeschäftigten bei Ur­laubs- und Weihnachtsgeld sowie den Flächentariferhöhungen für dieses und die kommenden zwei Jahre vor. Das gesamte Einsparvolumen der Vereinbarung soll bei rund drei Millionen Euro liegen.

Dank dieser Effekte und besser laufender Geschäfte strebt der Konzern die Rückkehr in die Gewinnzone für das Jahr 2021 an. Damit der Plan aufgeht, werden frisches Geld und ein Schuldenschnitt benötigt. Die von der Investmentbank Macquarie weltweit geführte Investorensuche läuft auf Hochtouren, heißt es aus dem Konzern.

Erste Gespräche mit Interessenten geplant

Es soll mehrere ernsthafte Interessenten geben, die einen Einstieg prüfen. Dem Vernehmen nach handelt es sich dabei ausschließlich um Finanzinvestoren und nicht um Firmen aus der Modebranche. Erste Gespräche mit Interessenten sollen bald stattfinden. Sie sollen dann auch Zugriff auf Unternehmenszahlen erhalten.

Einem Konzernsprecher zufolge soll möglichst bis Ende Juni Klarheit herrschen, ob ein Investor zum Zuge kommt oder der Konzern durch einen Insolvenzplan entschuldet werden soll.

Dann wird die Tochter Hallhuber vermutlich nur noch eine kleine Rolle spielen. Die Investmentgesellschaft Robus Capital könnte schon im Mai die für eine Finanzspritze von zehn Millionen Euro im Februar vereinbarte Kaufoption ziehen. Gerry Weber behielte dann nur noch zwölf oder 14 Prozent am erst 2015 übernommenen Münchner Unternehmen.

Familie will Gerhard Webers Aktienpaket sichern

Derweil wird im Konzernumfeld spekuliert, ob Unternehmensgründer Gerhard Weber (77) und sein Sohn Ralf (55), der im Herbst als Vorstandschef abgelöst wurde, in den Investorenprozess eingreifen. Ralf Weber hat seit Februar drei Viertel seiner Aktien, die fast vier Prozent der Konzern-Anteile bedeuteten, außerbörslich verkauft.

Die Familie beschafft sich zudem durch Immobilienverkäufe Geld. Ziel der Familie dürfte es sein, das fast 30 Prozent große Aktienpaket von Gerhard Weber zu sichern. Den Aktionären droht im Falle einer Übernahme durch einen Investor im schlechtesten Fall der Totalverlust. Denn das operative Geschäft könnte auf eine andere Gesellschaft übertragen werden – die Aktiengesellschaft wäre dann eine leere Hülle.

Um Kosten zu sparen und weniger strengen Berichtspflichten wie der Veröffentlichung von Quartalszahlen zu unterliegen, hat der Konzern gestern einen Wechsel des Börsensegments beantragt – vom Prime in den General Standard. Der luxemburgische Investmentfonds Axxion hat derweil weitere Anteile des Konzerns verkauft und hält nach einst 8,62 Prozent nur noch 2,09 Prozent.

Konzernsprecher dementiert Verkaufspläne

Nach WESTFALEN-BLATT-Informationen plant der Konzern auch den Verkauf seines 2015 in Betrieb genommenen Logistikzentrums mit 300 Mitarbeitern an der Autobahn 33 in Halle. Das 90 Millionen Euro teure Projekt gilt als überdimensioniert.

Der Konzern will stattdessen die Logistik offenbar wieder externen Dienstleistern übertragen und Millionen einsparen. Fraglich scheint, ob sich ein Käufer findet, der einen akzeptablen Preis zahlt. Der Konzernsprecher dementierte gestern konkrete Verkaufspläne.

Kommentare

Traurig aber wahr

Im Namen des Vaters und des Sohnes aber ohne ihre Angestellten Amen. Wenn die Gier der Unternehmensgründer zu groß wird, leiden nicht die Gierigen sondern die Angestellten. Die GIERINGEN bringen ihre Pfründe in Sicherheit. Die Angestellten dürfen erstmal zahlen. Eine Rettung des Unternehmens ist sehr unwahrscheinlich. Das Unternehmen werden Investoren übernehmen , dann werden die nächsten Weihnachten für die Angestellten noch unerträglicher werden. Die Schornsteine rauchen nur noch im Wellnessbereich von Vater und Sohn Armen. Die Sauna und Schwimmbad i sind immer bereit. Meine aufrichtige Anteilnahme für alle Angestellten Punkt

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