Do., 18.04.2019

Heimische Spediteure aus Halle und Versmold rüsten sich für britischen EU-Austritt Banger Blick über den Ärmelkanal

Timo Röckert schickt seine Lkw vor allem mit Pharma-Produkten durch Europa, mehrfach pro Woche auch nach England.

Timo Röckert schickt seine Lkw vor allem mit Pharma-Produkten durch Europa, mehrfach pro Woche auch nach England. Foto: Klaus-Peter Schillig

Von Klaus-Peter Schillig

Halle (WB). Die Ungewissheit ist auf beiden Seiten des Ärmelkanals gleich groß. Ob Großbritannien am 12. April ausgetreten wäre oder das vielleicht Ende Oktober tut – viele Produzenten und Kunden bangen um den reibungslosen Fortgang ihrer Geschäfte. Die Logistik-Unternehmen trifft es besonders, sie müssen täglich über die jetzt noch offene Grenze.

Die Sattelschlepper der Haller Spedition Röckert sind vier bis fünf mal pro Woche in Richtung England unterwegs. Die Fahrer hätten schon in den vergangenen Wochen gespürt, wie es nach einem ungeregelten Brexit aussehen könnte, schildert Firmenchef Timo Röckert. Die Röckert-Lkw rollen meist durch Belgien nach Calais und von dort mit der Fähre nach England. Die französischen Zöllner haben auf der Strecke schon mal den Ernstfall geprobt.

 

Kontrollen an der belgisch-französischen Grenze als Test

Die sind aber - nach jahrelangem freien Warenhandel innerhalb der EU - personell gar nicht auf umfangreichere Kontrollen eingerichtet. So wurden die Kontrollen vom Hafen Calais vorverlegt an die Grenze zwischen Belgien und Frankreich. Aber auch das wurde für die Brummi-Fahrer zur Geduldsprobe. »Es gab schon Tage, da sind wir wieder umgedreht und haben versucht, über Rotterdam und die Fährlinie nach Nordengland zum Ziel zu kommen«, erzählt Timo Röckert.

Die ist natürlich wesentlich länger und zeitaufwendiger – vor allem, wenn man dann wieder 400 Kilometer zusätzlich Richtung London fahren muss. Die Fähren ab Rotterdam seien auch meist ausgebucht, man müsse sich also schon von unterwegs bemühen, einen möglicherweise frei werdenden Platz zu ergattern. Auch dafür gibt es inzwischen Agenturen. »Wir buchen jetzt schon vorsichtshalber die langen Fährpassagen«, sagt der Logistik-Unternehmer. Wenn man sie nicht benötige, könne man sie über die gleichen Agenturen auch wieder an andere Speditionen weitergeben.

Paletten für 20 Länder müssen einzeln abgefertigt werden

Es ist aber nicht nur die Fahrt nach England, die Röckert Sorgen bereitet. Künftig könnte es noch komplizierter werden, über England nach Irland zu kommen. Der doppelten Kontrolle könne man nur entgehen, wenn man von Brest am westlichen Ende der Bretagne direkt nach Irland übersetze. Und auch der Rückweg aus dem Vereinigten Königreich wird zeitaufwendiger, wenn Großbritannien ungeregelt die EU verlassen sollte. »Wir laden in England oft Paletten aus der dortigen Pharma-Industrie für 20 verschiedene Länder«, erzählt der Haller. Da würden dann 20 verschiedene Zollpapiere fällig. Und natürlich werde man da penibel kontrolliert.

Auch beim Logistik-Riesen aus dem interkommunalen Gewerbegebiet Borgholzhausen-Versmold, der Nagel Group, steckt man permanent in den Vorbereitungen. Und immer wieder neu, wie Pressesprecher Nils Ortmann mitteilte: »Die Komplexität durch die wechselnden Termine, häufige Veränderungen hinsichtlich der Zollabwicklungen und die teils erst spät bekannt gewordenen Rahmenbedingungen führen zum hohem Vorbereitungsaufwand.«

Nagel hat gerade erst neue Niederlassung in Liverpool eröffnet

In Großbritannien unterhält Nagel eine seiner größten Landesniederlassungen, nämlich Nagel Langdons. Am 1. März ist eine weitere große Niederlassung in Liverpool eingeweiht worden. Deshalb sei aus Mitarbeitern beiderseits des Ärmelkanals eine fünfköpfige Task Force eingerichtet worden, die sich schon seit dem britischen EU-Austrittsgesuch mit dem Thema beschäftigt. Diese kleine Gruppe informiert die Kunden, führt direkte Gespräche mit Behörden und Infrastrukturbetreibern, um so frühestmöglich bestens informiert zu sein.

Ortmann gibt den Optimismus des Unternehmens weiter: »Die Briten werden in der Startphase eines Brexit keine zusätzlichen physischen Kontrollen als zuvor für EU-Produkte vornehmen und zeigen sehr hohes Engagement, um den Warenfluss möglichst störungsfrei aufrecht zu erhalten.« Nagel habe auch selbst investiert: In Dover sei eine eigene Zollabteilung eingerichtet worden, um für die Kunden sowohl die Import- als auch die Export-Zollabfertigungen und -anmeldungen zu leisten.

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