Sa., 01.06.2019

Viel Schülerzuwachs in den höheren Klassen: Für viele junge Menschen hat die Schule sehr erfolgreich gearbeitet Nach 51 Jahren endet Geschichte der Hauptschule Halle

Trotz der im Sommer anstehenden Schließung der Hauptschule blicken der ehemalige Konrektor Liborius Rzeha (68) und die noch amtierende Schulleiterin Andrea Kersebaum (35) auf eine erfolgreiche Arbeit mit Schülern zurück.

Trotz der im Sommer anstehenden Schließung der Hauptschule blicken der ehemalige Konrektor Liborius Rzeha (68) und die noch amtierende Schulleiterin Andrea Kersebaum (35) auf eine erfolgreiche Arbeit mit Schülern zurück. Foto: Stefan Küppers

Von Stefan Küppers

Halle (WB). Wenn am 5. Juli nach 51 Jahren mit der Hauptschule ein Stück Haller Schulgeschichte endet, dann werden wieder mal knapp 60 Entlassschüler ein vor allem praxis-orientiertes Rüstzeug für ihren weiteren Lebensweg mitbekommen haben. Eine Schule, die im Abschlussjahrgang drei Klassen und gute Ergebnisse vorweisen kann: Das klingt eigentlich nicht danach, dass man sich von ihr verabschieden müsste. Und dennoch ist so.

Wer die Entwicklung der Haller Hauptschule über die Jahre verfolgt hat, weiß, dass diese Schule nie ein großes Aufhebens um ihre Arbeit gemacht hat, irgendwie stets unterm Radar geflogen ist. Als dann die Anmeldezahlen in der 5. Klasse immer schlechter wurden, sprachen auch hier Schulpolitiker von der »Restschule«, die keine Zukunft habe, und bereiteten die Gesamtschule vor.

»Das kommt davon, wenn man den Elternwillen in den Vordergrund stellt.«

Tatsächlich fungierte die Hauptschule in ihren höheren Jahrgängen mehr und mehr als erfolgreiche Auffangstation für die jungen Menschen, die an Gymnasium oder Realschule nicht zurechtkamen. Die Abschlussklassen waren daher regelmäßig drei Mal so groß wie die Eingangsklassen .Und in den vergangenen Jahren war die Hauptschule die maßgebliche Lehranstalt, an der die meisten Flüchtlinge, oft mit null Sprachkenntnissen, in »internationalen Klassen« mit Grundlagen der Bildung auf weitergehende Integration vorbereitet wurden. Abgesehen von behinderten Kindern, die bereits in den 90er Jahren in Integrationsklassen aufgenommen wurden - eine Vorreiterrolle.

Der ehemalige Konrektor Liborius Rzeha (68), der von 1976 bis 2014 an der Hauptschule wirkte und auch den Schultausch 2006 an der Bismarkstraße mitmachte, bedauert sehr im Sinne der benachteiligten Schüler, dass das Modell Hauptschule nun auslaufen muss. »Das kommt davon, wenn man den Elternwillen in den Vordergrund stellt«, sagt Rzeha und hat bei dieser Aussage Mütter und Väter vor Augen, die sich nicht wirklich gut schulisch um ihre Kinder kümmern konnten.

Um Schulschwänzer und Störer hat sich die Schule intensiv gekümmert

Weil es bei einigen Schülern auch an Erziehung mangelte (Unterrichtsstörer, Schulschwänzer), ließ sich das Kollegium einiges einfallen und war auch hier Vorreiter in Halle. Das konsequente Ford-Programm für Störer oder die Dienste der Sozialarbeiterin Valeska Szitnik, die Schulschwänzer morgens von zuhause abholte, waren solche Maßnahmen. »Manche Schulschwänzer kamen dann freiwillig, weil ihnen das Auftauchen der Sozialarbeiterin zu peinlich war«, erzählt Rzeha.

Rzehas spätere Nachfolgerin in der Schulleitung, Andrea Kersebaum, bestätigt die Aussage, dass die Hauptschule personell immer gut ausgestattet gewesen sei. Da habe die Schulaufsicht beim Kreis drauf geachtet, heißt es. »Wir hatten auch keinen Vertretungsnotstand«, unterstreicht die 35-Jährige, die zum Sommer wieder zur Gesamtschule Halle zurückkehrt, von der sie für die Hauptschul-Leitung abgeordnet wurde. Wie sich die Gesamtschule künftig um Hauptschüler kümmern kann, bleibt abzuwarten. Über die Personallage hat sich die Gesamtschul-Leiterin vor Schulpolitikern kürzlich sehr kritisch geäußert.

Schöne Erinnerungen an aufregende Klassenfahrten

Zurück zur Hauptschule: Liborius Rzeha hat besonders gute Erinnerungen an die Klassenfahrten und auch den Gemeinschaftssinn, der dadurch geweckt wurde. Die Einnahmen, die die Schüler auf dem Stand der Hauptschule auf dem Haller Nikolausmarkt erzielten (»Wir waren jedes Jahr dabei.«) wurden angelegt und von den Zinsen (»Die gab es damals noch.«) konnten Schüler, deren Familien kein Geld hatten, die Reise ebenfalls mit antreten. Unvergessen sind Schüleraustausche mit Polen, die Besuche in Elbing (Elblag) oder im Riesengebirge, die Skifreizeiten im Walsertal und auch eine Reise nach Italien. Weil ein Schüler ohne Pass mitfuhr, wurde der kurzerhand auf der Rückbank versteckt. Mitunter ging es halt auch etwas abenteuerlich zu.

Liborius Rzeha weiß, dass die engagierte Arbeit des Kollegiums in vielen gute Früchte getragen hat. Ihm fallen spontan viele Namen von ehemaligen Hauptschülern ein, die heute beruflich sehr erfolgreich sind und dafür offenbar das passende Rüstzeug mitbekamen. Am 5. Juli wird es an der Hauptschule eine Feier mit geladenen Gästen geben. Für ehemalige Schüler soll es später die Gelegenheit zur Besichtigung der ehemaligen Schule an der Bismarckstraße geben.

 

 

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