Mi., 09.10.2019

Literaturkritikerin Annemarie Stoltenberg kommt am 15. Oktober nach Halle »Ein Autor muss sich sein Herz zerreißen«

Literaturkritikerin Annemarie Stoltenberg (62) stellt am 15. Oktober in Halle ihre aktuellen Buch-Favoriten vor.

Literaturkritikerin Annemarie Stoltenberg (62) stellt am 15. Oktober in Halle ihre aktuellen Buch-Favoriten vor. Foto: NDR Kultur

Halle (WB). Am Vorabend der Frankfurter Buchmesse kommt Annemarie Stoltenberg im Rahmen der »LiteraTour« der Stadtbücherei nach Halle. Sie will die besten Bücher dieses Herbstes vorstellen. WESTFALEN-BLATT-Mitarbeiterin Kerstin Panhorst hat vorab mit der 62-jährigen Autorin und Literaturkritikerin gesprochen.

Frau Stoltenberg, Sie kommen im Oktober mit neuen Buchtipps nach Halle. Ist 2019 ein gutes Jahr für neue Bücher?

Annemarie Stoltenberg: Es gibt viele tolle neue Bücher dieses Jahr. Norwegen ist ja das diesjährige Land der Buchmesse und es ist ein tolles Literaturland mit einer großartigen Literaturlandschaft. Und es gibt da eine Entdeckung aus Amerika, Delia Owens und ihr Buch »Der Gesang der Flusskrebse«. Das ist schon jetzt das Lieblingsbuch der Buchhändler, es ist ein Buch, mit dem man zum Lesen zurückkommen kann. Weil es so spannend ist und man es nicht zur Seite legen kann. Wenn man es durch hat, möchte man es gleich noch einmal lesen.

Jedes Jahr erscheinen alleine in Deutschland ca. 70.000 Bücher – wie viele lesen sie im Schnitt und wie wählen sie aus?

Stoltenberg: Ich schaue mir die Prospekte der Verlage an und wähle nach den Autorenbeschreibungen und Inhaltsangaben die Bücher aus, die ich mir zur Rezension bestelle. Von ungefähr zehn Büchern, die ich lese, kommt im Schnitt eines in meine Empfehlungssendung.

Wie lesen sie? Ein Buch nach dem anderen oder mehrere parallel? Und lesen sie jedes Buch bis zum Ende?

Stoltenberg: Ich lese immer tagsüber, weil es meine Arbeitszeit ist und damit sich die Geschichten nicht mit meinen Träumen vermischen. Und ich lese immer von Anfang bis Ende, teils weiß ich erst nach der letzten Seite, dass ich ein Buch nicht empfehlen kann, vielleicht weil es einen schlechten Schluss hat.

Was macht für sie ein gutes Buch aus?

Stoltenberg: Man muss vorkommen in einem Buch, mit seinen eigenen Interessen oder seiner Biografie. Und wenn ein Autor sich das Herz aufreißt, das ist das Geheimnis guter Literatur. Ich selbst mag keine Bücher mit Gossensprache oder Kraftausdrücken, die müssen andere rezensieren. Und ich mag keinen Plunder im Text, wenn es zu überladen ist sprachlich oder zu viele Nebenstränge hat. Ich mag eine schöne, zarte Sprache und ich mag zu Herzen gehende Geschichten. In allen Bereichen unseres Lebens können wir die Wirklichkeit über Geschichten verstehen. Wir sitzen doch eigentlich alle irgendwie am Lagerfeuer und erzählen uns Geschichten.

Wie hat ihre Leidenschaft für das Lesen angefangen?

Stoltenberg: Ich habe als Kind schon gerne gelesen. Ich erinnere mich, wie ich in einer Bücherei war und da saß die Buchhändlerin wie eine Glucke von den Kindern umringt und zeigte ihnen ihre literarischen Schätze. Als Schülerin habe ich mir dann später auf dem Heimweg immer Bücher gekauft. Und wenn ich traurig nach Hause kam, hat meine Mutter immer gesagt »Das bringen wir zurück«. Aber bis heute mag ich Bücher, bei denen man weinen muss, die einem ein Gefühl und Demut vor fremden Schicksalen vermitteln.

Haben sie einen Lieblingsschriftsteller oder ein Lieblingsbuch?

Stoltenberg: Eigentlich immer das, was ich gerade lese. Aber bei ein paar Schriftstellern freue ich mich immer, wenn sie etwas Neues herausbringen, unter anderem bei Julian Barnes, Ian McEwan und Anna Enquist. Und Kurt Tucholsky begleitet mich auch mein ganzes Leben, da ich über ihn meine Abschlussarbeit an der Uni geschrieben habe.

Gibt es für sie so etwas wie »Guilty Pleasure«-Bücher, also Werke, die nach objektiven Kriterien eigentlich keine hohe Literatur sind, aber ihnen beim Lesen dennoch Freude bereiten?

Stoltenberg: Oh ja, aber ich schäme mich nicht dafür. Zum Beispiel Jan Philipp Sendker, der hat so süßliche Titel und schreibt keine hohe Literatur, liest sich aber super. Und er bringt auf ganz unterhaltsame Weise dem Leser sein Asienverständnis näher. Oder auch Rosamunde Pilcher fand ich immer toll, die hat so eine eigene Lebensklugheit und es fühlt sich an, als ob man eine Tasse Tee trinkt und sich beruhigt und vergisst, worüber man sich aufregt.

Was lesen sie derzeit?

Stoltenberg: Paulus Hochgatterer »Fliege fort, fliege fort«. Gestern erst habe ich David Wagners »Der vergessliche Riese« über seine Beziehung zu seinem demenzkranken Vater beendet und war sehr gerührt, wie geduldig er dem Vater die gleichen Dinge immer und immer wieder erzählt und wie er mit ihm umgeht.

Was erwartet die Besucher der Veranstaltung in Halle?

Stoltenberg: Sachbücher habe ich dieses Mal nicht dabei, die kamen in der Vergangenheit nicht so gut an. Dafür aber ein paar knackige Krimis, unter anderem Christian von Ditfurths »Ultimatum«, in dem der Mann der Kanzlerin entführt wird und in dem absurde Dinge geschehen. Außerdem ein bisschen was fürs Herz und auch was für an der Hochliteratur Interessierte mit einem Buch von Nora Bossong.

 

Am 15. Oktober in der Haller Remise

Die Veranstaltung mit Literaturkritikerin Annemarie Stoltenberg findet am kommenden Dienstag, 15. Oktober, statt. Beginn ist um 19.30 Uhr im Bürgerzentrum Remise, Kiskerstraße 2. Der Eintritt kostet acht Euro (ermäßigt vier Euro). Die Eintrittskarten gibt es noch im Haller Bürgerbüro, Telefon 0 52 01/183-152, sowie an der Abendkasse.

Annemarie Stoltenberg

Annemarie Stoltenberg, geboren 1957 in Pinneberg, präsentiert in Buchvorstellungen ihre Favoriten aus dem Angebot von Romanen und Sachbüchern, die jährlich im Frühjahr und im Herbst erscheinen. Außerdem hat Stoltenberg zahlreiche Bücher selbst geschrieben oder herausgegeben. Sie ist unter anderem Reporterin im NDR-Magazin »DAS!«.

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