Zur Wiedereröffnung setzen viele Haller Geschäfte auf mehr Sicherheit vor Viren
Ein ganz neues Einkaufsgefühl

Halle (WB). Tag 1 der wieder eröffneten Geschäfte in Halle: Hier und da ist nach mehr als vier Wochen erzwungener Schließung am Montag ein gutes Stück Erleichterung zu vernehmen. Andererseits ist das verbreitete Gefühl spürbar, dass wenig so, ist wie es einmal war. Dabei schwingt die Erkenntnis mit, dass von der „guten alten Zeit“ auch in Halle so schnell kaum etwas zurückkommen wird. Und es gibt Geschäfte, für die trotz der Öffnungsmöglichkeit der scharfe Krisenmodus unverändert weiter anhält.

Dienstag, 21.04.2020, 06:00 Uhr
Einkaufen in Corona-Zeiten: Buchhändlerin Silke Speckmann hat in der Sparkassen-Passage getrennte Zu- und Ausgänge geschaffen und bittet um vorherige Handdesinfizierung Foto: Küppers
Einkaufen in Corona-Zeiten: Buchhändlerin Silke Speckmann hat in der Sparkassen-Passage getrennte Zu- und Ausgänge geschaffen und bittet um vorherige Handdesinfizierung Foto: Küppers

Mehr Kunden als sonst

Ein regelrechter Kundenansturm nach so langer Zwangspause ist es nicht gerade. Aber es ist am Montag deutlich mehr Andrang als sonst am Wochenbeginn üblich. Das ist von vielen Geschäftsleuten zu hören. Rainer Neumann, Inhaber eines Schuhgeschäftes am Ronchin-Platz hofft, dass die Kunden auch in Zukunft vermehrt vor Ort ihre Besorgungen erledigen. Die vergangenen Wochen waren für ihn, seine Mitarbeiter in Kurzarbeit und sein Geschäft eine harte Zeit. Auch die Bemühungen um Ersatzgeschäfte im Onlinebereich oder über außer Haus Lieferungen haben nur einen kleinen Anteil des normalen Umsatzes eingebracht. Neumanns Einschätzung „viel Aufwand, aber allenfalls fünf Prozent Umsatzanteil“ hört man an diesem Tag auch von anderen Geschäftsleuten.

Doris Plaßmann-Reichelt vom Schuhhaus Reichelt in der Bahnhofstraße hat wie der Kollege jetzt das Problem, dass die Kunden wegen der Abstandsgebote nicht mehr wie bisher bedient werden können. Das sonst übliche Helfen beim Anprobieren der Schuhe und das Zuschnüren geht jetzt nicht mehr. Die meisten Kunden werden sich aber wohl selber zu helfen wissen.

Bresser lobt Kaufleute

Im Modehaus Brinkmann werden jetzt obligatorisch alle Kunden von freundlichen Verkäuferinnen mit Masken empfangen. Das sei schon eine Umstellung, gesteht Verkäuferin Susanne Holländer. Wie auch in anderen Geschäften wird regelmäßige Desinfektion von Oberflächen zum Beispiel an der Kasse groß geschrieben. An der soll auch noch eine Plexiglasscheibe angebracht werden als weitere Sicherungsmaßnahme. Bei den Besuchen von Mitarbeitern des Ordnungsamtes in einzelnen Geschäften sind solche Detailfragen am Montag besprochen worden. Unterm Strich ist die zuständige Fachbereichsleiterin im Rathaus, Regina Bresser, mit den getroffenen Vorsichtsmaßnahmen der Geschäftsleute sehr zufrieden. „Das läuft prima“, so Bressser zum WB.

Überall wird desinfiziert

Bei Buchhändlerin Silke Speckmann in der Kreissparkassen-Passage tauchte die Frage auf, ob bei Kunden, die durch Bücher, diese Bücher anschließend desinfiziert werden müssen. Schnell war klar, dass dies so nicht möglich ist. Aber es fand sich dennoch eine sehr durchdachte Vorsichtsmaßnahme. Jetzt gibt es in dem vorher offenen Bereich getrennte Ein- und Ausgänge. Und Kunden werden gebeten, beim Eintritt und dem Verlassen des Geschäfts das bereit gestellte Desinfektionsmittel für die Hände zu nutzen. Ein Corona-Virus dürfte bei so viel Sorgfalt keine Chance haben.

Es Kunden trotz aller Einschränkungen so angenehm wie möglich machen: Das ist auch Handlungsmotto beim Juweliergeschäft Haselhorst. Vor der Tür steht ein Stehtisch mit Desinfektionsmitteln für Kunden bereit wie auch Stühle. Denn es sollen auf keinen Fall mehr als drei Kunden auf einmal in den kleinen Laden, wo sich der nette Service von Monika Rademacher und Auszubildender Cesica Oddo hinter Masken verbirgt. Weil Schmuck und Uhren am Körper getragen wird, wird verkaufte oder zur Reparatur angenommene Teil jedes Mal bei Annahme oder Ausgabe desinfiziert. In Corona-Zeiten werden solche Details wichtig.

Anproben auf Abstand

Bei Optik Böckstiegel am Ronchin-Platz war in den vergangenen Wochen behördlich nur eine Notfall-Betreuung von Kunden möglich, wenn zum Beispiel eine Brille zerbrochen war. Seit Montag dürfen wieder normal Brillen verkauft werden. Doch was ist schon normal? Vormals war das Personal in Optikfachgeschäften in der Regel nah bei ihren Kunden zum Beispiel von Brillen. Heute gehe das nicht mehr, wie Bettina Sykosch erklärt. Jetzt sagt der Kunde, welche Modelle er anprobieren möchte. Das Aussuchen und Beraten geschieht dann auf Abstand. Und anschließend muss jede anprobierte Brille wieder desinfiziert werden. Und natürlich werden auch die nun wieder erlaubten Sehtests nur mit einem Mundschutz bei Mitarbeiter und Kunde durchgeführt.

Nähen bis in die Nacht

Apropos Mundschutz: Ingrid Harder von der „Stoffkiste“ an der Ravensberger Straße (ab Mitte Mai am Ronchin-Platz) hat in den letzten Tagen und Wochen bereits mehr als 600 Mundschütze genäht. „Gestern habe ich bis 1 Uhr nachts genäht“, berichtet sie von einer für sie als Einzelkämpferin riesigen Nachfrage. Und auch Stoffe zum Selbernähen seien zuletzt um 15 bis 20 Prozent mehr als zu normalen Zeiten nachgefragt gewesen, so Ingrid Harder.

Sorgen der Reisenfachfrau

Während viele Geschäftsinhaber froh sind, überhaupt wieder öffnen zu können, hat Melanie Lünstroth, Inhaberin des Reisebüros „Urlaubsoase“ , darauf vorerst verzichtet. Die Reiseexpertin ist massiv getroffen. „Erst die Riesenpleite von Thomas Cook, und jetzt das noch das viel größere Loch durch die Corona-Krise“, kann die Reiseexpertin seit Wochen gar nichts mehr verdienen. Für die Mitarbeiterinnen hat sie Kurzarbeit beantragt, und selbst hat Melanie Lünstroth auch Soforthilfen beantragt. Doch wie lange wird das reichen? Im Moment ist Melanie Lünstroth eigentlich vorwiegend mit Reiserückabwicklungen von Kunden beschäftigt, weshalb sie vor- und nachmittags jeweils Kontakte ihren Kunden anbietet. Wie die Zukunft aussieht? Melanie Lünstroth weiß es nicht und will trotzdem nicht ohne Hoffnung sein. Da fühlt sich die Reisegeschäftsfrau den Gastronomen und Hoteliers in Halle, die ebenfalls weiter ausgebremst bleiben, irgendwie verbunden.

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