Verein Good Hope aus Halle muss in Tansania unerwartete Herausforderungen meistern
Corona: Waisenhaus geräumt

Halle (WB). 6700 Kilometer liegen zwischen Peter Schulte (73) und Walther de Nijs (54), als die beiden am Montag telefonieren. Schulte ist Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins Good Hope aus Halle, der seit neun Jahren in Tansania einen Kindergarten, ein Waisenhaus und eine Schule unterhält. Der Niederländer Walther de Nijs ist die gute Seele vor Ort, die sich um alles kümmert – und seit März als Corona-Krisenmanager viele neue Aufgaben hat.

Dienstag, 28.04.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 28.04.2020, 06:42 Uhr
Der Verein aus Halle unterhält in Tansania auch einen Kindergarten, in dem die Jüngsten zwei Jahre alt sind. Auch er wurde im März geschlossen. Foto: Althoff
Der Verein aus Halle unterhält in Tansania auch einen Kindergarten, in dem die Jüngsten zwei Jahre alt sind. Auch er wurde im März geschlossen. Foto: Althoff

Aus dem 56-Millionen-Einwohner-Land im Osten Afrikas sind nur wenige Corona-Fälle bekannt. In unbestätigten Meldungen ist von 200 Infizierten und zehn Toten die Rede, und doch greift die Regierung durch. „Mitte März wurden alle Schulen und Kinderheime geschlossen”, sagt Peter Schulte, für dessen Verein das eine „riesige Herausforderung” gewesen sei. 62 Waisen und Halbwaisen würden gewöhnlich im Kindergarten betreut, 104 in der Schule. „Und die sollten wir von jetzt auf gleich zurück zu ihren Stämmen oder Familien schicken.”

Die Kinder haben die unterschiedlichsten Schicksale. Manche wurden von ihren Müttern ausgesetzt, weil es nicht genug Essen gab. Andere wurden misshandelt oder haben gar keine Eltern mehr. „Es gibt viele Gründe, warum wir diese Kinder aufgenommen haben und warum wir sie nicht einfach zu irgendwelchen Verwandten schicken konnten”, sagt Walther de Nijs. Er hat für jedes Mädchen und jeden Jungen ausgelotet, welche Angehörigen sich vielleicht vorübergehend kümmern können, und hat dann jedes Kind mit einem großen Paket in den Bus gesetzt. „Da waren Maismehl, Bohnen und Öl drin.” Die Lebensmittel sollten für vier Wochen reichen und waren nicht nur für das bestimmt: „Sie sollten dafür sorgen, dass das Kind wohlwollend aufgenommen wird.”

Die blanke Not

Das habe nicht immer geklappt, und für manches Kind habe er andere Verwandte suchen müssen. „Es gab auch Fälle, in denen die Erwachsenen tagsüber betteln gingen und das Kind sich selbst überließen.” Das sei kein böser Wille gewesen, sondern blanke Not. „Viele arbeiten in der Schnittblumenproduktion oder der Gewürzherstellung. Aber der Export ist zusammengebrochen, und die Menschen wurden entlassen – ohne soziales Netz.” Etliche seien sehr verunsichert, auch weil Falschnachrichten von Unbekannten Panik schürten. „Die Regierung hat klugerweise die Gottesdienste nicht verboten. So hören die Menschen in Kirchen und Moscheen von den Geistlichen dasselbe, was die Regierung verkündet, und das stabilisiert die Lage”, sagt Walther de Nijs. Er erlebte die meisten Menschen kooperativ: „Vor jedem Geschäft gibt es jetzt die Möglichkeit, sich die Hände zu waschen, und das tun die Leute auch.”

Der spendenfinanzierte Verein hat beschlossen, seine 65 Lehrer, Sozialarbeiter, Köchinnen, Fahrer, Sicherheitskräfte und Hausmeister auch in der Krise weiterzubezahlen – obwohl derzeit fast nur die Lehrer arbeiten. „Auch in Tansania gibt es Schüler, die ein Smartphone oder ein Tablet haben”, sagt Walther de Nijs. Weil seine Waisenkinder nicht dazugehörten, sei der Unterricht anders organisiert: „Einmal in der Woche geben die Lehrer Aufgaben in bestimmten Läden ab. Dort holen sich die Kinder die Unterlagen und lassen gleichzeitig die letzten Hausaufgaben da, die der Lehrer zur Korrektur mitnimmt.” Die Schulbehörde sei inzwischen auf das Verfahren aufmerksam geworden und wolle es jetzt auch für andere Schulen einführen, sagt der 54-Jährige.

Im Moment ist Walther de Nijs dabei, mit Zustimmung der Behörden jene Kinder zurück ins Heim zu holen, bei denen die Unterbringung bei Verwandten oder Bekannten überhaupt nicht geklappt hat. „Wir werden unsere Viererzimmer nur mit zwei Kindern belegen, um das Infektionsrisiko zu verringern, und ich habe Schutzmasken besorgt”, sagt de Nijs. Er hoffe inständig, dass das Virus das Waisenhaus verschone.

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