Mo., 18.05.2020

Unternehmen setzt Produktion kurzfristig aus – einige Betroffene wohnen im Kreis Gütersloh 92 Infizierte in Dissener Zerlegebetrieb – Arbeit geht vorerst weiter

Dieser Lkw am Eingangstor von Westfleisch in Dissen muss unverrichteter Dinge wieder umkehren. Der Betrieb ist wegen Corona-Infektionen geschlossen worden.

Dieser Lkw am Eingangstor von Westfleisch in Dissen muss unverrichteter Dinge wieder umkehren. Der Betrieb ist wegen Corona-Infektionen geschlossen worden. Foto: Stefan Küppers

Dissen/Gütersloh (dpa/WB/SKü). Wegen zahlreicher Coronavirus-Infektionen in der Belegschaft hatte ein fleischverarbeitender Betrieb in Niedersachsen die Produktion kurzfristig ausgesetzt. Am Montag haben der Landkreis Osnabrück, das niedersächsische Sozialministerium und das Landesgesundheitsamt festgelegt: Der Betrieb darf wieder aufgenommen werden – vorerst.

Tests hatten ergeben, dass 92 Mitarbeiter des Betriebs in Dissen infiziert sind, wie der Landkreis Osnabrück am Sonntag mitteilte. Die betroffenen Mitarbeiter sowie deren Kontaktpersonen würden in Quarantäne geschickt, hieß es. Am Sonntag hatte sich Dissens Bürgermeister Eugen Görlitz ein Bild von der Umsetzung der Quarantäne-Anordnungen gemacht.

Mit dem Land Niedersachsen wollte der Landkreis das weitere Vorgehen beraten – dabei stand die Frage im Zentrum, „ob das Unternehmen einen systemrelevanten Bereich der Lebensmittelindustrie darstellt“.

Nur Notzerlegung erlaubt

Am Montag teilte der Landkreis Osnabrück mit, dass zwischen den Behörden Einigkeit darüber herrsche, dass „spezialisierte Zerlegebetriebe wie das Dissener Unternehmen als wichtiger Teil der Lebensmittelversorgung betrachtet werden.“

Aus diesem Grund dürfe der Zerlegebetrieb in Dissen seine Arbeit wieder aufnehmen. Allerdings gibt es nur eine Erlaubnis zur Notzerlegung. Heißt: Schweinehälften, die zur Verarbeitung noch im Betrieb lagern sowie Fleischmengen, die bereits in Lastwagen aus ganz Europa angeliefert werden und nicht mehr gestoppt werden können, dürfen in den kommenden Tagen noch verarbeiten. „Nach dieser Notzerlegung wird der Betrieb für zwei Wochen geschlossen, was der Inkubationszeit entspricht“, so der Landkreis. Damit solle verhindert werden, dass große Mengen des geschlachteten Schweinefleisch entsorgt werden müssen.

Der Landkreis prüfe außerdem ein vom Unternehmen vorgelegtes Hygienekonzept, dass sowohl die Abläufe im Betrieb als auch die Unterbringung der Arbeitskräfte berücksichtigt. „Voraussetzung für die Notzerlegung ist außerdem der Nachweis, dass die bereits geschlachteten Mengen nicht von anderen Unternehmen verarbeitet werden können.“

Kontaktpersonen werden ermittelt

Subunternehmer stellt Mitarbeiter in Dissen und Coesfeld

Zuletzt war bekannt geworden, dass Subunternehmer die Werkvertragsarbeiter zwischen Standorten in verschiedenen Bundesländern hin- und herverlegt hatten. Niedersachsen hatte diese Praxis wegen der hohen Infektionsgefahr Anfang vergangener Woche verboten und die Reihenuntersuchungen der Mitarbeiter angeordnet.

Sozialministerin Carola Reimann (SPD) sagte, die nun festgestellten Infektionen zeigten, dass die Maßnahmen richtig und wichtig waren. Zum großen Teil seien die in Dissen und Coesfeld beschäftigten Werkarbeiter vom gleichen Subunternehmer gestellt worden. Die Menschen kämen überwiegend aus Polen und Rumänien. Infizierte und Kontaktpersonen kämen nun für 14 Tage in Quarantäne. Für die Kosten der Unterbringung müsse das Unternehmen aufkommen.

62 der positiv Getesteten wohnen den Angaben zufolge im Landkreis Osnabrück, teils in Sammelunterkünften. „Unter ihnen sind zahlreiche Kräfte, die von Subunternehmen beschäftigt werden.“ Die Ermittlung der Kontaktpersonen war den Angaben zufolge noch nicht abgeschlossen.

Man habe außerdem die Kreise Gütersloh, Steinfurt, Wesel und Vechta informiert, „in denen die weiteren 30 positiv Getesteten wohnen“, teilte der Landkreis mit.

In mehreren deutschen Schlachthöfen war die Krankheit Covid-19 zuletzt ausgebrochen, etwa in den nordrhein-westfälischen Städten Coesfeld und Oer-Erkenschwick. Die Fleischindustrie steht wegen prekärer Arbeits- und Unterkunftsbedingungen bereits seit vielen Jahren in der Kritik.

Bei den Reihentestungen in den Schlachtbetrieben im Kreis Gütersloh hatte es bis Freitagabend drei positive Laborbefunde gegeben .

Nicht informierte Lkw-Fahrer stranden mit ihren Fleisch-Lieferungen

Vor Ort ist die Situation in Dissen im Montagmorgen für viele Lkw-Fahrer ein Problem:

Ein Fahrer ist aus Portugal gekommen, um Fleisch in Dissen aufzunehmen, und hat seinen Lkw vor dem Werk gewendet, weil er nicht hinein kommt. Von dem Corona-Befall wird er vom WESTFALEN-BLATT-Reporter informiert. Er ist ratlos und wartet auf Anweisung von seinem Chef. Rund um den Eingangsbereich von Westfleisch sind bereits mehrere Lkw abgestellt.

Auf einem Parkplatz an einer Tankstelle in Dissen sammeln sich immer mehr Lkw aus vielen europäischen Ländern, die bei Westfleisch ihren Auftrag am Montag nicht ausführen können.

Ein Lkw-Fahrer aus den Niederlanden zum Beispiel ist mit rund 20 Tonnen Schweinefleisch aus England nach Dissen gekommen, um es hier zerlegen zu lassen. Er ist nicht informiert worden, warum der Betrieb geschlossen ist. Der Fahrer wartet auf Anweisung, wo das Schweinefleisch aus England nun geliefert werden soll.

Westfleisch-Werk in Coesfeld nimmt Betrieb wieder auf

Am Dienstag nimmt Westfleisch den Betrieb am Standort Coesfeld nach etwa einwöchiger Zwangspause testweise wieder auf. Das teilte das Unternehmen am Montag in Münster mit. Im ersten Schritt würden aber noch keine Schweine geschlachtet.

Zusammen mit den Überwachungsbehörden würde der Betrieb stufenweise wieder hochgefahren. Am Mittwoch sollen dann die ersten 1500 Schweine in einer zweiten Testphase geschlachtet werden. „Wir freuen uns sehr, dass wir in unserem Betrieb in Coesfeld nun wieder unsere Arbeit aufnehmen dürfen“, sagte Carsten Schruck, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Westfleisch-Konzerns, laut Mitteilung. Anschließend sieht das Konzept eine schrittweise Erhöhung der Schlachtmenge vor.

Der Kreis Coesfeld hatte das Werk vorübergehend geschlossen, nachdem in der Corona-Krise zahlreiche Werksarbeiter positiv getestet worden waren. Bis Ende vergangener Woche lagen in Coesfeld knapp 270 positive Coronavirus-Tests bei rund 1200 Mitarbeitern vor.

Das NRW-Gesundheitsministerium hatte daraufhin Tests in der gesamten Branche angeordnet. Die hohe Zahl der positiven Tests hatte dazu geführt, dass im Kreis Coesfeld die Lockerungen in der Corona-Krise erst mit einer Woche Verspätung gültig wurden.

Westfleisch kündigte am Montag an, dass sich das Unternehmen von einem externen Werkvertragsunternehmen trennt. Die betroffenen 350 Beschäftigten würden übernommen. Außerdem will sich Westfleisch um die Mietverhältnisse und den Transport in die Werke kümmern.

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