Warum das Unternehmen fast 40 Prozent mehr Wasser fördern will
Storcks großer Durst und der Klimawandel

Halle (WB). Kaum eine andere Frage hat im Zuge der großen Storck-Erweiterungsplanung von Beginn an soviel politische Aufmerksamkeit erzeugt wie die geplante Wasserförderung des Süßwarenunternehmens.

Freitag, 19.06.2020, 09:00 Uhr
Blick auf das Werk von Halles mit weitem Abstand größten Arbeitgeber Storck (mehr als 3000 Beschäftigte allein in Halle). Für die stetig wachsende Produktion wird aus hygienischen Gründen auch deutlich mehr Wasser benötigt, das aus derzeit sechs betriebseigenen Brunnen gefördert wird. Die Bohrung eines siebten Brunnens südlich der A33 auf firmeneigenem Gelände ist beantragt. Foto: Ulrich Fälker
Blick auf das Werk von Halles mit weitem Abstand größten Arbeitgeber Storck (mehr als 3000 Beschäftigte allein in Halle). Für die stetig wachsende Produktion wird aus hygienischen Gründen auch deutlich mehr Wasser benötigt, das aus derzeit sechs betriebseigenen Brunnen gefördert wird. Die Bohrung eines siebten Brunnens südlich der A33 auf firmeneigenem Gelände ist beantragt.

In Zeiten wachsender Trockenschäden in Feldern und Wäldern sowie spezieller Probleme benachbarter Wasserschoss-Besitzer, die sich auch Sorgen um ausreichend Wasserzuflüsse in die Schlossgräfte machen, erscheinen manche Fragen drängender: Wie viel Wasserentnahme durch Storck aus betriebseigenen Brunnen ist zur Sicherung der Produktion für die natürliche Umgebung verträglich? Und welche Auswirkungen hat in diesem Zusammenhang der Klimawandel auf die Mengen, die ein Unternehmen aus dem Grundwasser fördern darf?

Weitere Brunnenbohrung geplant

Genau solche Fragen beschäftigen derzeit die Untere Wasserbehörde beim Kreis Gütersloh. Storck hat bei der Behörde einen Antrag auf Ausweitung der Wasserförderung gestellt. Zum einen soll der bisher eingezogene Deckel wegfallen, der die mögliche Entnahme von 550.000 Kubikmetern (ein Kubikmeter entspricht 1000 Liter) auf 450.000 Kubikmeter im Jahr begrenzt hat. Weiterhin möchte das Unternehmen südlich der A33 auf eigenem Grund und Boden einen weiteren Brunnen bauen, aus dem bis zu 75.000 Kubikmeter gefördert werden könnten. In der Summe beläuft sich die von Storck beantragte Fördermenge also auf 625.000 Kubikmeter im Jahr, mithin knapp 40 Prozent mehr als zuvor gedeckelt.

Zum Vergleich: Die TWO versorgt etwa 5500 Haushalte und Betriebe und fördert dafür etwa 1,4 Millionen Kubikmeter Wasser im Jahr (genehmigtes Volumen 1,7 Millionen Kubikmeter). Die Untere Wasserbehörde wird über den mit einem Gutachten des Hydrogeologen Frank Schmidt untermauerten Storck-Antrag in einem eigenständigen Verfahren entscheiden (siehe Kasten).

Sprunghafter Anstieg der benötigten Wassermengen

Storck fördert in seinem Haller Werk schon seit mehr als 40 Jahren Wasser aus eigenen Brunnen, um zum Beispiel beim Spülen der Produktionsanlagen den gehobenen hygienischen Anforderungen an die Produktion von Lebensmitteln gerecht zu werden. Die großen Erfolge beim weltweiten Verkauf der Storck-Produkte haben in den vergangenen Jahren auch die benötigten Wassermengen ansteigen lassen, obwohl das Unternehmen, wie es selbst darlegt, seit den 80er Jahren den Wasserverbrauch pro produzierter Tonne von ehemals acht auf fast zwei Liter senken konnte. Seit 2015 gab es nach Angaben des Unternehmens einen sprunghaften Anstieg der benötigten Wassermengen.

Wie Thorsten Junker von der Unteren Wasserbehörde erläutert, war bei einer früheren Genehmigung eine jährliche Höchstfördermenge von 450.000 Kubikmeter eingezogen worden. Der reale Jahresbedarf bei Storck lag seinerzeit noch nicht höher und eine Wasserbevorratung ist laut Junker nicht zulässig. Tatsächlich hätten sich die Einzelgenehmigungen der sieben betriebseigenen Brunnen schon seinerzeit auf 550.000 Kubikmeter summiert. Durch die Zunahme der Produktion in den vergangenen Jahren habe Storck dann zuletzt verstärkt Stadtwasser der TWO zuführen müssen, sodass der tatsächliche Bedarf bei besagten 550.000 Kubikmetern im Jahr lag.

Es gab auch schon Produktionsprobleme

Vereinzelt hat in extremen Trockenphasen ein Wassermangel sogar zu Produktionsproblemen bei Storck geführt. Um solche Situationen künftig zu vermeiden, hat das Unternehmen zudem einen vorzeitigen Beginn der Genehmigung beantragt. Eine Entscheidung ist weder zu dieser Detailfrage noch zu der beantragten Gesamtfördermenge von 625.000 Kubikmetern gefallen.

Die beantragten 625.000 Kubikmeter decken den Unterlagen zufolge übrigens den gesicherten jährlichen Förderbedarf bis 2025 ab. Tatsächlich könnte durch den Zubau weiterer Produktionshallen in Folgejahren ein noch höherer Bedarf entstehen. Im Vergleich zum Stand 2019 könnte Aussagen im Gutachten zufolge eine Erweiterung der Produktion in Halle langfristig um 50 Prozent möglich sein. In dem Gutachten sind bis zu 750.000 Kubikmeter Wasserbedarf in einem Prognosehorizont dargestellt. Ob Storck dann solche Mehrmengen zum Beispiel durch Zukauf von den TWO oder auch weitere Wassereinsparungen organisiert, spielt laut Junker für das aktuelle Verfahren keine Rolle. Im Gutachten wird eine Nutzung von Prozessabwasser als Kühlwasser angesprochen, was womöglich 150.000 Kubikmeter Einsparung jährlich bringen könnte.

Der Diplom-Geologe Frank Schmidt hat in seinem Gutachten die hydrogeologischen Bedingungen in dem Areal rund um Storck genau beschrieben. Wichtig ist, dass es in weiten Teilen des Förderbereiches einen durch dicke Bodenschichten getrennten oberen und einen unteren Grundwasserleiter gibt wie bei verschiedenen Stockwerken. Storck entnimmt demnach sein Wasser aus dem unteren Stockwerk. In dem Gutachten wird ausgeführt, dass unter anderem deshalb förderbedingte Grundwasserabsenkungen sich nicht oberflächennah auswirken könnten.

Laut Gutachter kaum Beeinträchtigungen auf Hausbrunnen

Daraus folgt, dass trockene Bäume im Tatenhausener Wald oder auch reduzierte Zuflüsse in eine Schlossgräfte nichts mit einer Wasserförderung in tieferen Stockwerken zu tun haben. Eine Aufhebung der bisherigen Förderdeckelung werde keine neuen Betroffenheiten für Dritte auslösen, heißt es im Gutachten weiter. Da Hausbrunnen am Rande des Auswirkungsbereiches lägen, schätzt das Gutachten deren Beeinträchtigung als nicht erheblich ein. „Aufgrund der hydrogeologischen Bedingungen ergeben sich keine erheblichen oberflächennah wirksamen Auswirkungen, sodass die Entnahme keine naturschutzrechtlichen und wasserwirtschaftlichen Konfliktpotenziale auslöst“, heißt es im Fazit des Gutachtens.

Für die Untere Wasserbehörde ist es laut Thorsten Junker in einem Genehmigungsverfahren von Bedeutung, dass die Grundwasser-Neubildung größer ist als das, was entnommen wird, dass also keine Zehrung stattfindet. „Aufgrund der vorhandenen Brunnen und der zahlreichen Messstellen haben wir einen guten Überblick, wie sich die Grundwasserleiter im Laufe der Jahre entwickelt haben. Die Datenlage ist gut“, stellt Junker fest.

Laut Gutachten ist die Grundwasserneubildung ausreichend gut. Und wie sind dann die zuletzt so trockenen Sommer zu bewerten? „Für die Neubildung sind die Niederschläge in den Wintermonaten entscheidend“, weiß Thorsten Junker. Auch wenn die Niederschläge zuletzt dürftig ausgefallen seien, bedeute es nicht, dass dies in Zukunft auch so weitergehe. Im übrigen lasse das Wasserrecht einzelfallbezogene Nebenbestimmungen zu. „Wenn sich Grundwasser messbar nicht mehr neu bildet, werden Wasserrechte generell überprüft. Deshalb werden diese auch nur befristet erteilt“, erläutert der Beamte.

Höhere Grundwasserneubildung

Und wie sind die Auswirkungen eines Klimawandels bei einer solchen Mehrförderung zu bewerten? Das Büro Schmidt hat genau zu dieser Frage Modellrechnungen zu Grundwasserneubildungen einbezogen. Eine Variante, die als pessimistisch gilt, kommt vom Landesamt für Natur, Umwelt- und Verbraucherschutz des Landes (LANUV), eine weitere vom Geologischen Dienst NRW, die von günstigeren Neubildungsraten ausgeht. Die betrachteten Zeiträume reichen bis ins Jahr 2100. Zu den Auswirkungen des Klimawandels heißt es an einer Stelle: „Nach derzeitigem Ermessen kann gesagt werden, dass sich der relative Niederschlag von Herbst bis Frühjahr um bis zu 19 Prozent erhöht.“

Auf ergänzende Fragen aus der Wasserbehörde erklären die Gutachter, dass die Grundwasserneubildung in der Praxis höher liegen dürfte als die aktuelle Ergebnisermittlung. Weiter heißt es: „Es kann nach wie vor nie ausgeschlossen werden, dass zeitweise stärkere Trockenperioden auftreten, als diese in den offiziell verfügbaren Bewirtschaftungsansätzen abgebildet sind und in denen das Dargebot für die Entnahme nicht gänzlich abgedeckt sein mag. In diesem Fall ist aber auf die eingesetzte Fördertechnik hinzuweisen, die gewährleistet, dass nicht mehr Grundwasser aus den Altbrunnen entnommen werden kann, wie neugebildet wird.“

So läuft das Antragsverfahren

Der Antrag von Storck auf Ausweitung der Wasserförderung läuft unabhängig von dem aktuellen Bauleitplanverfahren für die Erweiterung des Betriebsgeländes in Richtung Osten um mehr als 18 Hektar. Bearbeitet wird der Antrag unter anderem von Umweltoberrat und Bauingenieur Thorsten Junker, Sachgebietsleiter bei der Unteren Wasserbehörde des Kreises in Rheda-Wiedenbrück. Es handelt sich um die Änderung einer sogenannten gehobenen Erlaubnis, für die ein förmliches Verwaltungsverfahren mit Öffentlichkeitsbeteiligung vorgesehen ist.

Derzeit läuft die Beteiligung der Träger öffentlicher Belange (TÖBS). Dazu gehören zum Beispiel andere Behörden, wie die Untere Landschaftsbehörde beim Kreis oder die Stadt Halle, sowie auch die Umweltverbände. Nach einer ersten Vorberatung im Beirat der Unteren Landschaftsbehörde am 10. Juni waren nach Auskunft von Thorsten Junker noch so viele Fragen zu besprechen, dass 22. Juni ein weiterer Termin mit Behörden, Gutachter und Verbänden anberaumt ist. Im Sommer wird laut Junker auch die weitere Öffentlichkeit beteiligt, sodass zu einem späteren Zeitpunkt das von Storck vorgelegte Gutachten mit Anlagen auch digital für vier Wochen über die Kanäle des Kreises und der Stadt einzusehen ist. Die Untere Wasserbehörde wird alle geäußerten Anregungen und Bedenken zusammentragen, fachlich abwägen und schließlich entscheiden

 

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