26 Jahre nach der letzten Beerdigung: Thomas Kriete erforscht Alten Friedhof in Halle
Was Grabsteine erzählen können

Halle (WB). Auf dem Alten Friedhof an der Bahnhofstraße finden schon seit 1994 keine Begräbnisse mehr statt. Er gehört zu den wenigen fast unverändert erhaltenen »modernen« Friedhöfen, die Anfang des 19. Jahrhunderts aus hygienischen Gründen außerhalb der Stadt angelegt wurden. Als der Bad Oeynhausener Ahnenforscher Thomas Kriete im Anschluss an die Dokumentation der Grabsteine im Umfeld der »Kaffeemühle« ein Café in der Innenstadt suchte, stieß er eher zufällig auf sein neues Forschungsprojekt.

Dienstag, 23.06.2020, 12:00 Uhr aktualisiert: 23.06.2020, 12:40 Uhr
Genealoge Thomas Kriete und Dr. Katja Kosubek (Museum Haller Zeiträume) hocken am Grab der Familie Brune. Im Hintergrund stehen (von links) Wolfgang und Martin Wiegand, die sich im Rahmen von Gräberpatenschaften ehrenamtlich engagieren. Foto: Gerhards
Genealoge Thomas Kriete und Dr. Katja Kosubek (Museum Haller Zeiträume) hocken am Grab der Familie Brune. Im Hintergrund stehen (von links) Wolfgang und Martin Wiegand, die sich im Rahmen von Gräberpatenschaften ehrenamtlich engagieren. Foto: Gerhards

Seit 2002 ist der Mitorganisator der Arbeitsgruppe Familienforschung im Kreis Herford ehrenamtlich als Genealoge unterwegs, seit 2012 hat der selbst ernannte »Grabsteiner« mehr als 30 Friedhöfe dokumentiert. »Die Inschriften sind im Laufe der Zeit immer schwerer zu entziffern«, sagt Kriete über sein »schönes Hobby«. Dazu machten diverse Umwelteinflüsse dem Material zu schaffen, manche Steine versinken im Boden, kippen um, werden überwuchert oder von Baumwurzeln umwachsen.

364 Grabsteine

Nach drei Besuchen auf dem Friedhof und rund 3.000 Fotos ist seine Dokumentation nun abgeschlossen. 364 Grabsteine sind noch vorhanden, Bilder und die Rekonstruktion der Inschriften sind über das Internetportal www.grabsteine.genealogy.net einzusehen. Es ist auch über einen entsprechenden Link auf der Seite des virtuellen Geschichtsmuseums Haller Zeiträume zu erreichen. Katja und Wolfgang Kosubek waren es denn auch, die Krietes Arbeit mit der Bereitstellung eines Friedhofplans und der Liste der Grabstätten bereitwillig unterstützt haben.

Insgesamt gab es 282 Grabstellen für Erbbegräbnisse, die sich um das Rasenfeld in der Mitte gruppieren, wo rund 500 Gräber namenlos Bestatteter liegen. Katja Kosubek schätzt, dass insgesamt mehrere tausend Tote auf dem Alten Friedhof beerdigt wurden. Nachdem Begräbnisse rund um die Kirche – oder für besonders Betuchte und Einflussreiche sogar innerhalb des Gotteshauses – nicht mehr möglich waren, sollten die dort stehenden Gedenksteine abtransportiert werden. Sie landeten auf Privatgrundstücken oder wurden anderweitig verwendet, von einer Umsetzung auf den Friedhof ist nichts bekannt.

Älteste Inschrift von 1828

Der älteste Grabstein auf dem Alten Friedhof stammt aus dem Eröffnungsjahr 1828. Er erinnert mit der Inschrift »Hier ruht nach 15-wöchigem Leiden« an den 1808 geborenen Johann Wilhelm Wedekämper. Eine Besonderheit der individuell aber in der Regel besonders sachlich gestalteten Haller Grabsteine ist die Tatsache, dass sie durchnummeriert sind. »So lässt sich unschwer nachvollziehen, ob sie noch am Ursprungsplatz stehen und versetzt wurden«, sagt Thomas Kriete, der hauptberuflich als Programmierer arbeitet.

»Völlig aus der Reihe fällt dagegen der Grabstein von Auguste Weißbender«, betont Katja Kosubek. »Sie hat ihr Leben der leidenden Menschheit gewidmet«, steht auf dem restaurierungswürdigen Stein, der zurzeit mit einer Glasplatte vor dem weiteren Verfall geschützt wird. Am ersten Gräberpflegetag nach der Corona-Unterbrechung kümmern sich diverse Ehrenamtliche um die Gräber, damit der Friedhof seine Attraktivität behält. Das Gelände auf dem von der Stadt gepachteten Kirchenland wird heute als öffentlicher Park und Kulturraum mit vielen anlässlich der Bachtage entstandenen Skulpturen genutzt.

Fotos gesucht

Um die Dokumentation über den Friedhof, der nach Historikerwünschen unter Denkmalschutz gestellt werden sollte, zu vervollständigen, sind die Haller Zeiträume und das Stadtarchiv weiterhin an alten Fotos von Grabsteinen, Grabstätten und Friedhofsansichten interessiert, die sich womöglich noch im Besitz von Privatleuten befinden.

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