Neue Infotafeln in Borgholzhausen erinnern an Nike-Hercules-Raketenbasis und Radarstation
Fußabdrücke des Kalten Krieges

Altkreis Halle  (WB). „Es ist immer besonders spannend zu sehen, wie sich Weltpolitik vor Ort abbildet“, sagt der Historiker und Stadtarchivar von Borgholzhausen und Versmold, Dr. Rolf Westheider. Auf dem Sundern und am Hollandskopf erinnern jetzt Hinweistafeln im Design des Natur- und Geoparks „Terra Vita“ an die Zeit des Kalten Krieges zwischen 1963 und 1983.

Dienstag, 28.07.2020, 04:40 Uhr aktualisiert: 28.07.2020, 05:01 Uhr
Die neue Hinweistafel an der Sundernstraße im Terra-Vita-Design soll Anwohner und Touristen an die frühere Raketenabschussbasis erinnern: (von links) Martina Frehsmann-Pryce, Horst Dallmeyer, Andreas Rädel, Jan Brüggeshemke, Dr. Rolf Westheider, Bürgermeister Dirk Speckmann, Tamara Kisker und Leen Snel, der hier von 1978 bis 1983 stationiert war. Foto: Johannes Gerhards
Die neue Hinweistafel an der Sundernstraße im Terra-Vita-Design soll Anwohner und Touristen an die frühere Raketenabschussbasis erinnern: (von links) Martina Frehsmann-Pryce, Horst Dallmeyer, Andreas Rädel, Jan Brüggeshemke, Dr. Rolf Westheider, Bürgermeister Dirk Speckmann, Tamara Kisker und Leen Snel, der hier von 1978 bis 1983 stationiert war. Foto: Johannes Gerhards

Viele Radler und Wanderer auf dem 11 Kilometer langen Panorama-Weg können sich nach Angaben der Tourismusbeauftragten Tamara Kisker an dieser Stelle über die Flugabwehrraketen, die hier einst stationiert waren, informieren. Der Wanderweg führt direkt an der immer noch eingezäunten ehemaligen Militärbasis vorbei, die sich heute wieder in Privatbesitz befindet und nicht öffentlich zugänglich ist.

Die Raketenabschussbasis an der Sundernstraße war einer von 70 Standorten, die sich im Abstand von 30 Kilometern von der dänischen Grenze bis zum Bodensee befanden. Jede der drei Abschusseinrichtungen konnte drei mit Atomsprengköpfen bestückbare Raketen abfeuern. Bei einer Simulation täglich um 11 Uhr wurden die Raketen mit einer Reichweite von rund 140 Kilometern gen Osten gerichtet und startklar gemacht.

Alltag im „Squadron 120“

„Wachwerden – machen - funktionieren“, so beschreibt Leen Snel seinen damaligen Arbeitsalltag im Dienst der niederländischen „Squadron 120“. Ergänzend fügt er hinzu: „Wir waren da, um den Frieden zu erhalten und felsenfest davon überzeugt, im Sinne der guten Sache zu dienen.“ Allerdings gibt er zu, dass im Ernstfall die Nike-Hercules-Raketen zur Bekämpfung russischer Langstreckenbomber das Gebiet der Bundesrepublik nicht verlassen hätten. Die westliche Strategie sah nach seinen Worten vor, sich hinter den Rhein zurück zu ziehen.

Das gesamte Projekt stand unter strikter Geheimhaltung, Horst Dallmeyer, dessen Vater am Bau der Zufahrtsstraße beteiligt war, hat seinerzeit entsprechende Informationen nur über einen russischen Soldatensender erhalten. „Jeder Hofbesitzer war froh, wenn die Materiallieferungen mal einen kleinen Umweg machten“, so erinnert er sich an die offenbar recht unkomplizierte Asphaltierung mancher Hofeinfahrten zu Beginn der 1960er Jahre.

Entgegen landläufiger Meinungen stuft Rolf Westheider die Gefährdungslage rund 20 Jahre später deutlich bedrohlicher ein. „Zu Zeiten des Nato-Doppelbeschlusses war man einem Atomkrieg möglicherweise näher als je zuvor“, behauptet der Historiker. Konsequente Abrüstung wurde damals von allen Fraktionen im Stadtrat befürwortet. Hier lag laut Westheider auch der Ursprung der bundesweit ersten deutsch-deutschen Städtepartnerschaft zwischen Borgholzhausen und dem sächsischen Lößnitz.

Radarstation auf dem Hollandskopf

Eine weitere Informationstafel steht am Hollandskopf, wo die britischen Streitkräfte ab Mitte der 1980er Jahre eine Radarstation betrieben. „Uns wurde damals verkauft, die Station solle erfassen, wer zu tief fliegt“, erinnert sich Horst Dallmeyer. In Wirklichkeit sei es wohl genau darum gegangen, die genehmigte Flughöhe von 150 Metern zu unterschreiten. Leen Snel glaubt, dass die Piumer Kirche als inoffizielles Ziel virtueller Bombenabwürfe gedient habe. Genaueres ist bis heute nicht zu erfahren, denn bei den Briten sei der Grad der Geheimhaltung viel höher als bei den Niederländern. Letztere pflegten intensiven gesellschaftlichen Kontakt zur örtlichen Bevölkerung, manche wie Leen Snel leben heute noch gerne an den Hängen des Teutoburger Waldes.

„Und jeden Monat ist jemand hier«, sagt Stadtführer Andreas Rädel, der immer wieder Fahrzeuge mit niederländischen Autokennzeichen in Schrittgeschwindigkeit durch den Ort fahren sieht. Rädel ist Mitglied einer aus ehemaligen, hier stationierten holländischen Soldaten bestehenden Gruppe in sozialen Netzwerken. »Die haben sofort bemerkt, dass das Foto mit den Raketen nicht hier entstanden ist“, sagt er über eine illustrierende Abbildung auf der Infotafel.

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