Grüne Bürgermeister-Kandidatin über Tönnies, Storck, Tempo 30 und alte Häuser
Von grünen Leitplanken und Visionen

Halle (WB). Wenn eine Bürgermeister-Kandidatin der Grünen eine Strafanzeige gegen die Führung eines Wirtschaftsunternehmens erstattet, ist das auch ein politisches Statement. Dr. Kirsten Witte hat wie viele weitere Bürger Anzeige gegen Tönnies bei der Staatsanwaltschaft erstattet. Doch wie wäre es, wenn Tönnies seinen Sitz nicht in Rheda-Wiedenbrück, sondern in Halle hätte? Und wenn Witte Bürgermeisterin dieser Stadt wäre? Hätte sie dann auch eine Strafanzeige gestellt? Die Frage findet die Kandidatin „sehr spekulativ“ und hält die Antwort kurz. Bei Tönnies sei viel geduldet worden, was man nicht hätte dulden müssen, meint Kirsten Witte.

Donnerstag, 30.07.2020, 05:00 Uhr aktualisiert: 30.07.2020, 07:12 Uhr
Die verrostete Figur vom germanischen Varus-Bezwinger Hermann hat einen schönen Platz im Garten hinterm Haus im Ascheloher Tal gefunden, von wo Dr. Kirsten Witte als Kandidatin der Grünen den Chefsessel im Haller Rathaus erobern möchte. Foto: Stefan Küppers
Die verrostete Figur vom germanischen Varus-Bezwinger Hermann hat einen schönen Platz im Garten hinterm Haus im Ascheloher Tal gefunden, von wo Dr. Kirsten Witte als Kandidatin der Grünen den Chefsessel im Haller Rathaus erobern möchte. Foto: Stefan Küppers

Einpendler-Überschuss

Doch wie hält es die promovierte Betriebs- und Volkswirtschaftlerin und Bürgermeisterkandidatin in einer der steuer- und wirtschaftsstärksten Kleinstädte NRWs mit der Wirtschaft? Seit Wochen haben Witte und die Grünen stets betont, dass sie eine Ausweitung des Industriegebiets Ravenna-Parks ablehnen. Zwar hat der Stadtrat mit Mehrheitsentscheidung 2018 lediglich Flächenoptionen für mögliche Erweiterungsentscheidungen in weiter Zukunft sichern wollen. Doch Witte ist es wichtig, dass eine grüne Leitplanke sichtbar wird.

„Ich stehe dazu, dass ich einen Ravenna-Park II so nicht will“, sagt sie und nennt Argumente. „Riesenansiedlungen gehören der Vergangenheit an.“ Im Ravenna-Park I seien keineswegs nur Haller Unternehmen angesiedelt worden. Und das mit Gerry Weber sei schief gelaufen. Witte: „Ich sehe nicht die Notwendigkeit, mehr Gewerbe anzusiedeln, denn die Wirtschaft hier brummt, was sich auch an einem riesigen Einpendlerüberschuss in Halle zeigt.“ Sie ist überzeugt, dass bei einer Bürgerbefragung die Haller den Grünen mehrheitlich gefolgt wären. Viel wichtiger für Unternehmen sei die Frage, wie Fachkräfte gewonnen werden können oder wie die Nachfolge im Betrieb geregelt werden kann. Hier sieht Witte Ansatzpunkte für die Wirtschaftsförderungspolitik einer Bürgermeisterin. „An so etwas habe ich Spaß. Und es gäbe da viel zu tun.“ Sie verweist auf ihre praktischen beruflichen Erfahrungen in der Wirtschaftsförderung der Stadt Münster und fügt hinzu: „Unternehmer sind oft spannende Leute, die spannende Projekte machen.“

Storck-Erweiterung moderieren

Ein weiteres Konfliktthema ist die geplante Erweiterung von Storck, inklusive der beantragten Ausweitung der Wasserförderung. Kirsten Witte sieht hier noch viele Fragen ungeklärt. „Und so lange keine Klarheit besteht, tue ich mich mit einer Zustimmung schwer.“ Und wie wäre ihr Standpunkt, wenn sie jetzt schon Bürgermeisterin wäre? Witte: „Ich habe als Bürgermeisterin auch nur eine Stimme im Rat. Entscheidend ist, was die Fraktionen sagen. Und es nicht die Aufgabe einer Bürgermeisterin, sich früh auf eine Seite zu schlagen. Was im Fall Storck aktuell fehlt, sind nicht Standpunkte, sondern eine Moderation. Und würde sich eine Bürgermeisterin schon jetzt klar positionieren, würde sich die andere Seite nicht moderieren lassen.“

Die Notwendigkeit mehr zu moderieren, erkennt Witte auch beim Konflikthema Alte Häuser. „Es ist nicht gut, wenn vieles in Einzelfragen zerfällt“, sagt sie und fordert, dass Themen wie Kreisverkehre, Temporegelungen und der Erhalt alter Häuser als Gesamtkonzept für die Lange Straße angegangen werden. Sie wisse aus Münster, welch hohen Stellenwert Baukultur in einer Stadt habe. Doch neben Investoren brauche Halle für den Erhalt der alten Häuser eben auch Nutzungskonzepte, dass man Alt und Neu miteinander verbinden könne. Münster habe dafür eine eigene GmbH gegründet. Und: „Wir brauchen für Halle eine Vision von der Langen Straße.“ Besonders wichtig ist ihr, dass dabei auch das historische Haus Brune in der Bahnhofstraße nicht aus dem Blick gerät. Das Haus hängt nämlich eng mit der Familiengeschichte von Wittes Ehemann und Grünen-Fraktionssprecher Jochen Stoppenbrink zusammen.

Verkehr beruhigen

Viel diskutiert wird auch die Einführung von flächendeckendem Tempo 30 in Halle. „Wenn man eine Stadt mit Aufenthaltsqualität will, muss man den Verkehr beruhigen“, sagt Witte. Zwar müsse Stadt und Handel für Kfz-Verkehr gut erreichbar bleiben, aber die Ortsdurchfahrt (B68) sei für Radfahrer höllisch gefährlich. Auch die Alleestraße sei sehr eng. Mehr Sicherheit gebe es nur mit weniger Tempo. „Die ideologisierten Diskussionen halte ich für falsch, die Wahrheit liegt in der Mitte. Wobei mein Herz in erster Linie für Fußgänger und Radfahrer schlägt. Man muss für die mehr tun“, sagt Witte.

Die zweistelligen Millionenausgaben in eine neue Grundschule Gartnisch hält Witte für richtig, denn Bildung ist für sie das mit Abstand wichtigste Investitionsthema. Jetzt da Halle so viele Rücklagen habe, mache es keinen Sinn, auf die neue Schule zu verzichten. Was die Gesamtschule angeht, würde sie im Falle ihres Wahlsieges sich in Bezug auf die seit Jahren schwächelnden Anmeldeergebnisse mit allen Beteiligten zusammensetzen und sehen, wie man die Schule gemeinsam nach vorne bringen könne. „Ich stehe aber dazu, dass sich Halle für eine moderne Schulpolitik mit Gesamtschule entschieden hat.“ Obwohl viele Haller Eltern für ihre Kinder die Realschule in Steinhagen bevorzugen, hält Witte diese Alternative nicht für besser als eine Gesamtschule.

ÖPNV-Projekte für Ortsteile

Den Fokus will Witte auf neue Themen legen, die sie in der Stiftungsarbeit kennengelernt hat. Sie ist überzeugt, dass durch ÖPNV-Projekte wie Portale für Fahrgemeinschaften auch die Ortsteile besser entwickelt werden könnten. Einzelhändler könnten für wenig bewegliche Kunden in den Dörfern Bringdienste organisieren und die Waren im Ortsteil an zentraler Stelle abgeholt werden. „Es ist von Vorteil, dass ich bei meiner Arbeit für die Stiftung die Nase über den Altkreis Halle hinaus gesteckt habe“, sagt Witte.

Klimafreundlich sanieren

Die Grüne sieht für die Erreichung der Klimaziele in Halle die besten Voraussetzungen. „Investitionen zum Beispiel in klimafreundliche Gebäudesanierung rechnen sich auch betriebswirtschaftlich“, sagt Witte. Für Ausgleichsflächen möchte sie ein Kataster einführen, sodass nachvollzogen werden kann, ob sich diese Flächen in einem Zustand befinden, in dem sie sein müssten. Bei regenerativen Energieprojekten hält sie viel von Bürgerbeteiligung: „Es läuft hier viel besser, wenn man die Leute auch an den Erträgen beteiligt. Die Bürger sind ja auch gewillt, mit ins Rad zu packen.“ Als Bürgermeisterin würde sie gerne mehr ehrenamtliches Engagement in Halle herauskitzeln. Die Übernahme von Baumpatenschaften zwecks Bewässerung hält sie für ein gutes Beispiel.

Warum Kirsten Witte Bürgermeisterin werden will

Was treibt diese Frau an, sich mit 54 Jahren um das Amt der Bürgermeisterin in ihrer Wahlheimat Halle zu bewerben? Bei Dr. Kirsten Witte ist die Frage berechtigt. Denn: „Ich habe derzeit einen super Job, der sehr spannend ist. Und ich habe keinen Druck, dort wegzukommen“, sagt die studierte Betriebs- und Volkswirtschaftlerin, die nach den beruflichen Stationen als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Uni Münster (1991-94) sowie sieben Jahren als Angestellte bei der Stadt Münster (Referentin des Stadtdirektors, Leiterin der Wirtschaftsförderung und Geschäftsführerin Technologiepark Münster) seit 2001 bei der Bertelsmann Stiftung arbeitet, seit 2007 als Leiterin des Programms Lebenswerte Kommunen. Da die Führungsaufgabe bei der bundesweit agierenden Stiftung in Gütersloh nach Wittes Angaben auch besser bezahlt als das Amt einer Kleinstadt-Bürgermeisterin besoldet wird, fällt das Finanzargument mithin auch weg. Also was ist es dann?

„Seit meinem Studium habe ich immer mit Kommunen gearbeitet. Und ich konnte viele spannende Sachen mitbegleiten. Und Halle befindet sich im Moment in einer sehr spannenden Entwicklungsphase. Es ist der Gestaltungswille, der mich antreibt. Dabei bin ich hier zuhause. Und ich möchte nicht irgendwo Bürgermeisterin werden“, sagt Kirsten Witte, die nicht verhehlt, dass der familieninterne Zeitpunkt günstig ist, da die beiden Kinder (Jahrgänge 1999 und 2001) erwachsen werden.

Bürgerbetiligung soll verbessert werden

Aus ihrer Arbeit bei der Stiftung kennt die Kandidatin Wählerbefragungen bei vielen Kommunalwahlen in der jüngeren Vergangenheit. Eine zentrale Aussage dieser Untersuchungen sei, dass für 50 Prozent der Wähler bei Bewerbern für das Bürgermeisteramt nicht das Parteibuch entscheidend sei. So tritt Kirsten Witte zwar als Grüne an, hält das aber nicht für das entscheidende Kriterium. Ganz wichtig ist ihr, dass die Bürgerbeteiligung verbessert wird. Eine solche Beteiligung müsse ohnehin überparteilich geschehen und dies müsse durch eine Bürgermeisterin gewährleistet werden. Eine Art Scharnier zu sein zwischen Bürgern und Verwaltung, das findet Kirsten Witte besonders spannend.

Politik im stillen Kämmerlein ein Fehler

Die gesellschaftlich-repräsentativen Aufgaben, die ein Bürgermeisteramt mit sich bringt, findet Witte, die in jungen Jahren mal Vorsitzende der Landjugend im westfälischen Lohne war, zwar auch reizvoll (“Ich finde es auf Feuerwehr-Festen sehr nett, wenn man parteiübergreifend feiert. Man muss auf solchen Veranstaltungen sein, um den Puls an den Leuten zu haben“). Doch den Schwerpunkt ihrer Arbeit sieht sie dann doch im administrativen Bereich als Verwaltungschefin. Halle hat aus ihrer Sicht die passende Größe: „Die Stadt ist groß genug, um etwas zu gestalten. Und klein genug, um Heimat zu sein.“

Bezüglich der Veränderung des politischen Klimas in den letzten Jahren, sieht Witte Handlungsbedarf. Sie ist davon überzeugt, dass die Einbindung von Bürgern gerade bei strittigen Themen möglichst früh erfolgen muss. Dass Politik vorwiegend im stillen Kämmerlein betrieben worden sei, sei ein Fehler gewesen.

 

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