Haller Fachfrau berichtet – Tourismusbranche gehört zu den Corona-Verlierern
Gedämpfte Reiselust

Halle (WB). „Die Anfragen halten sich sehr in Grenzen, auf eine Buchung kamen im Schnitt fünf Stornierungen“, sagt Melanie Lünstroth vom Reisebüro „Urlaubsoase“ in Halle. Seit März war ihre Branche stark betroffen, es hagelte Absagen von Veranstaltern und Hoteliers. Auch nach Aufhebung der Reisewarnungen nehmen zahlreiche Kunden sogar Stornogebühren in Kauf, weil ihnen die Lust auf Urlaub vergangen ist.

Dienstag, 04.08.2020, 05:00 Uhr
„Nur mit angezogener Handbremse“ kann Melanie Lünstroth vom Reisebüro „Urlaubsoase“ derzeit arbeiten, weil die Tourismusbranche weltweit daniederliegt. Dennoch bleibt sie grundsätzlich optimistisch. Foto: Johannes Gerhards
„Nur mit angezogener Handbremse“ kann Melanie Lünstroth vom Reisebüro „Urlaubsoase“ derzeit arbeiten, weil die Tourismusbranche weltweit daniederliegt. Dennoch bleibt sie grundsätzlich optimistisch. Foto: Johannes Gerhards

Die Reiselust in diesem Coronasommer ist nach Lünstroths Angaben sehr gedämpft. Neben der Ansteckungsgefahr befürchten ihre Kunden, möglicherweise nicht zurück zu kommen, wenn irgendwo ein Infektionsherd entstehen sollte. Viele fühlen sich zudem zu stark eingeschränkt, um das richtige Urlaubsgefühl aufkommen zu lassen. Schließlich gelte fast überall in Europa eine Maskenpflicht, wenn man von Ausnahmen in Dänemark und den Niederlanden absieht, außerdem können sich die Vorschriften und Bestimmungen jederzeit ändern, wie die Vorgänge auf Mallorca gezeigt haben.

Manche Touristen machen viel wieder kaputt

Hier sorgten vor allem trinkfreudige deutsche Touristen dafür, dass zahlreiche gastronomische Betriebe umgehend wieder schließen mussten – zum Leidwesen vieler Restaurantbetreiber, die gerade wieder öffnen durften. „Manche halten sich nicht an die Regeln und machen viel kaputt“, lautet Melanie Lünstroths Kommentar zu diesem Thema. Sie sieht ihre Branche doppelt und dreifach bestraft; man habe die Arbeit geleistet und nichts dafür bekommen, denn die Vermittlungsgebühren der Reiseveranstalter werden erst ausgezahlt, wenn die Reisenden wieder abgereist sind.

Vorher sind ihr Kosten für Vor­ausbuchungen, die in der Regel zwischen November und März erfolgen, entstanden. Der Aufwand für Stornierungen blieb ebenfalls unbezahlt, und im Voraus erstattete Provisionen mussten zurückerstattet werden. „Wir hatten Mehrarbeit durch Beratung und Rückabwicklung und nicht einen Euro verdient“, beklagt die Leiterin der „Urlaubsoase“, die ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt hat und die anfallende Arbeit bei reduzierten Öffnungszeiten nun im Alleingang erledigt.

Seit zwölf Jahren ist sie im Geschäft und hat Auswirkungen durch Anschläge und Naturkatastrophen überstanden. Aufgeben ist für sie auch in dieser weltweiten Krise keine Option, obwohl die gesamte Branche nur „mit angezogener Handbremse“ arbeiten kann. Wie schwierig die Kommunikation geworden ist, beweist die Tatsache, dass sie gelegentlich über zwei Wochen auf Antworten von Reiseveranstaltern wartet.

Kunden reagieren durchweg positiv

„Jede Buchung hilft uns weiter“, betont Melanie Lünstroth und freut sich darüber, dass ihre Kunden durchweg positiv reagieren. Weil Pauschalreisen und Fernflüge kaum realisierbar sind, setzen die Urlauber vor allem auf Eigenanreise an die See oder in die Berge. Die Niederlande und Dänemark stehen hoch im Kurs, auch Österreich und Bayern sind beliebt Ziele. Von den südlichen Ländern schneidet Griechenland derzeit am besten ab. Der vielbeschworene Nahtourismus „direkt vor der Haustür“ gehe dagegen an den Reisebüros ebenso vorbei wie ein Urlaub auf den deutschen Nordseeinseln, die sich in aller Regel selbst vermarkten.

Auch die vorzeitige Freischaltung für die kommende Saison läuft nur schleppend an, weil die Menschen verunsichert sind, sich eher abwartend verhalten und lieber kurzfristig entscheiden. „Doch wir kämpfen uns da durch“, kündigt Melanie Lünstroth an – denn ihren grundsätzlichen Optimismus hat sie bisher aber nicht verloren.

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