Nach Polizei-Großeinsatz: Flex-Eingliederungshilfe will von Neubau-Plänen überzeugen
„Wir hoffen auf Wohlwollen“

Halle (WB). Auf der einen Seite: ein gesetzlicher Auftrag und große Hoffnungen auf einen Neubau mit vielen Möglichkeiten. Auf der anderen: ein ruhiges Wohngebiet und besorgte Nachbarn mit ebenso großen Bedenken gegen eine Erweiterung. Ob die Flex-Eingliederungshilfe der Diakonischen Stiftung Ummeln ihre Haller Außenwohngruppe tatsächlich vergrößern kann, ist noch unklar. Bei der Bürgerbeteiligung zur Änderung des Bebauungsplanes sind jedenfalls schon massive Einwände erhoben worden. Und der Polizei-Großeinsatz am 14. Juli in der Hagedornstraße hat nicht zur Beruhigung beigetragen. Jetzt wird die Politik entscheiden müssen – nach der Wahl am 13. September.

Donnerstag, 13.08.2020, 05:00 Uhr
Hoffen auf ein „wohlwollendes Urteil“ der Stadt für die Erweiterungspläne der Außenwohngruppe Hagedornstraße: Teamleiter Oliver Horst, Geschäftsführerin Christel Friedrichs und Regionalleiterin Inna Lusgina (von links). Foto: Klaudia Genuit-Thiessen
Hoffen auf ein „wohlwollendes Urteil“ der Stadt für die Erweiterungspläne der Außenwohngruppe Hagedornstraße: Teamleiter Oliver Horst, Geschäftsführerin Christel Friedrichs und Regionalleiterin Inna Lusgina (von links). Foto: Klaudia Genuit-Thiessen

Wie es zu dem Zwischenfall kommen konnte, bei dem ein Bewohner plötzlich ein Messer in der Hand hatte? Geschäftsführerin Christel Friedrichs und ihre Mitarbeiter sind überzeugt davon, dass die Bewohner der Einrichtung trotz psychischer Beeinträchtigungen keineswegs gefährlicher als Menschen sind, die keine Unterstützung im Alltag bekommen. „Nicht jeder Depressive nimmt stationäre Hilfen in Anspruch. Aber manchmal gibt es eben Krisen“.

Wohnortnahe Angebote

Die Außenwohngruppe Halle der Flex-Eingliederungshilfe gGmbH gibt es seit mehr als 15 Jahren. In dem großen Haus aus den 70er Jahren an der Hagedornstraße leben derzeit zehn Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen und einem relativ geringen Unterstützungsbedarf. In dem Haus sollen die Bewohner, die alle in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeiten, auf ein eigenständiges Leben vorbereitet werden. Aufstehen, wenn der Wecker klingelt, den Bus zur Arbeit nicht verpassen, nachmittags Arzttermine, vielleicht Sport, Einkäufe machen für die eigene Versorgung, Freizeit – das Bundesteilhabegesetz hat Träger wie die Flex vor einige Herausforderungen gestellt. Man dezentralisiert, damit wohnortnahe, kleinere Angebote wie in Werther und Borgholzhausen entstehen können. Und damit Menschen so normal wie möglich leben können.

Von heute auf morgen hat Corona diesen Alltag, der für Menschen, die vielleicht in einer Psychose stecken, so wichtig ist, ausradiert. Die Werkstätten haben zugemacht. Nicht nur die Klienten der Flex-Eingliederungshilfe, sondern auch die Mitarbeiter mussten sich einem Reihentest unterziehen. Das Zauberwort Abstand und die damit verbundene extreme Einschränkung des Alltages haben an der Hagedornstraße für enorme Anspannung gesorgt. Dort, wo ein 34-Jähriger, der seit dreieinhalb Jahren in der Einrichtung lebt, vor kurzem immer tiefer in eine Krise rutschte, wie die Betreuer sehr wohl bemerkten. „Die Bedrohungssituation im Juli ist nicht aus einem normalen Streit hervorgegangen. Es war eine Ausnahmesituation, in der der Bewohner nicht mehr wusste, was er tun sollte. Und dann haben die Nachbarn natürlich die ganze Optik und das große Polizeiaufgebot mitbekommen“, weiß Teamleiter Oliver Horst durchaus um die Wirkung solch eines Polizeieinsatzes mit den SEK-Beamten, die sich Zutritt verschafft haben.

Für Neubau fehlt noch Fläche

Die Situation hat sich inzwischen beruhigt. Der 34-Jährige ist nicht nach Halle zurückgekehrt. Inzwischen lebt er in Werther und damit an einem Standort, wo die Flex mehr Betreuung bieten kann als in der Außenwohngruppe, in der drei Mitarbeiter im Wesentlichen nachmittags und abends zwischen 12 und 20 Uhr vor Ort sind. Organisatorisch gehört das Haus übrigens zum Standort Werther, wo bei Bedarf rund um die Uhr ein Ansprechpartner zur Verfügung steht, wie Regionalleiterin Inna Lusgina betont.

Wie das WB berichtet hat, will die Flex Eingliederungshilfe in Halle neu bauen. 1410 Quadratmeter groß ist das Grundstück zwischen Spielplatz und Hagedornstraße. Mindestens 2600 Quadratmeter sind aber nötig für ein Wohnangebot mit 24 Plätzen, in dem ein größeres Team die Menschen je nach Wunsch und Bedarf rund um die Uhr begleitet. Christel Friedrichs: „Es liegt jetzt bei der Stadt. Wir wissen, dass wir auf ein wohlwollendes Urteil angewiesen sind.“ Auch deshalb will die Wohngruppe den Nachbarn anbieten, sich selbst einmal zur Kaffeestunde ein Bild zu machen.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7531960?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198389%2F2516076%2F
Kurz vor dem Kontrollverlust
Mit Megafonen wiesen Ordnungsamtsmitarbeiter die Schnäppchenjäger darauf hin, dass die Hygiene- und Abstandsregeln einzuhalten sind.
Nachrichten-Ticker