B68 und „rechte Herzkammer“: Baukulturbeirat des LWL sieht deutliche Defizite in der Haller Stadtplanung
Ein Leitbild und Architektenwettbewerbe empfohlen

Halle (WB). Sowohl für die Neugestaltung der Langen Straße (B 68) als auch für die künftige Entwicklung der sogenannten „rechten Herzkammer“ (Bereich zwischen Martin-Luther- und Rosenstraße) sollte sich die Stadt Halle mehr Zeit nehmen. Genutzt werden sollte die Zeit, um in einem Leitbild-Prozess gemeinsam eine klare Zukunftsvorstellung zu formulieren. Und um mehr Sichtweisen und planerische Alternativen auf dem Tisch liegen zu haben, geht die Empfehlung an die Stadt, für beide Bereiche jeweils Architektenwettbewerbe durchzuführen. Und es gab die deutliche Empfehlung, die alten Häuser an der Langen Straße zu erhalten. Das sind die Hauptergebnisse einer Beratung durch Stadtplanungsexperten aus ganz NRW, die Freitag zu Gast waren.

Samstag, 29.08.2020, 05:00 Uhr aktualisiert: 29.08.2020, 17:12 Uhr
Der Baukulturbeirat des LWL mit Gastgebern: (v.l.) Dr. Michael Zirbel (Gütersloh), Anne Rodenbrock-Wesselmann, Dagmar Grote (Dortmund), Darius Djahanschah (Münster), Christine Wolf (Bochum), Jürgen Keil, Roger Loh und Carsten Lang (Coesfeld). Foto: Küppers
Der Baukulturbeirat des LWL mit Gastgebern: (v.l.) Dr. Michael Zirbel (Gütersloh), Anne Rodenbrock-Wesselmann, Dagmar Grote (Dortmund), Darius Djahanschah (Münster), Christine Wolf (Bochum), Jürgen Keil, Roger Loh und Carsten Lang (Coesfeld). Foto: Küppers

Baukulturbeirat des LWL das erste Mal in Halle zu Gast

Wie berichtet, war zunächst auf Drängen der Interessengemeinschaft Lange Straße und dann auch aus dem politischen Raum die Einschaltung unabhängiger Experten gefordert worden. Dies führte zur erstmaligen Einladung des mobilen Baukulturbeirates des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), der in unterschiedlicher Zusammensetzung mit Architekten, Stadtplanern, Landschaftsplanern sich kommunale Planungen ansieht und einen fachlichen Rat gibt. Unter Leitung von Darius Djahanschah, wissenschaftlicher Referent für Baukultur beim LWL in Münster, ließen sich Dr. Michael Zirbel (Gütersloh), Dagmar Grote (Dortmund), Carsten Lang (Coesfeld) und Christine Wolf (Bochum) am Vormittag bei einem Rundgang über die anstehenden Projekte informieren. Um sich wegen des Umfangs nicht zu überheben, verzichtete das Gremium darauf, auch noch die Planung fürs Neubaugebiet Masch zu betrachten, wie es ursprünglich vorgesehen war. Am Nachmittag gab es dann im Eventcenter eine öffentliche Diskussion des Beirates, an dem die Mitglieder des Planungsausschusses ebenso teilnahmen wie rund 50 Besucher.

„Wenn ich Zielvorgaben nicht eindeutig formuliere, komme ich nicht weiter.”

Nach einer Einführung durch Halles Stadtplaner Roger Loh begann die Bewertung durch die Experten, Und deren Statements waren deutlich . „Welche Leitbilder liegen den Planungen zugrunde? Was soll der besondere Charakter dieses Innenstadtbildes sein?“, fragte einleitend Darius Djahanschah. Stadtplaner Carsten Lang ließ seine Skepsis zur vorliegenden Planung für die „rechte Herzkammer“ deutlich spüren. Zwar habe man versucht eigentümergerecht zu planen, doch hier habe man vier Hektar mitten im Ort. Hier entstehe eine neue Innenstadt, die bis ins Jahr 2100 fortwirke. Deshalb müsse stärker nach zukunftsfähigen Nutzungen gefragt werden. Lang: „Wenn ich Zielvorgaben nicht eindeutig formuliere, komme ich nicht weiter.“

„Kreisverkehre haben hier nichts zu suchen“

Landschaftsarchitektin Christine Wolf stellte die Frage: „Was ist die Identität ihrer Haller Innenstadt?“ Sie bezeichnete die alten Häuser an der Langen Straße als wertvolles Gut. Für die Lange Straße sieht sie ein großes Potenzial, auch wegen der anliegenden Plätze (Lindenplatz, Familie-Isenberg-Platz). Der Kirchplatz sei ein fantastisches Ensemble. Und in der Verbindung der Plätze mit unterschiedlichen Funktionen sieht sie große Entwicklungschancen. Das Projekt einer Veloroute für Radfahrer auf der B68 findet sie spannend und regte an, darüber nachzudenken, wie diese Radler in der Innenstadt auf „dieser Straße für die Menschen“ wohl empfangen werden könnten. Christine Wolf regte eine Visionen-Diskussion an und äußerte zu den geplanten zwei Kreisverkehren eine klare Meinung: „Wir halten Kreisverkehre hier für überflüssig. Kreisverkehre haben in historischen Ortskernen nichts zu suchen.“

Der Gütersloher Stadtplaner Dr. Michael Zirbel empfahl, die Neugestaltung der B68 und der „rechten Herzkammer“ im Zusammenhang als ein neues Zentrum zu betrachten. „Nehmen Sie sich Zeit für die Diskussion. Wenn Sie es nicht tun, werden Sie es eines Tages bedauern. Sie kommen um diese Diskussion nicht herum.“ Wenn Ziele klar seien, dann lohne sich auch ein Wettbewerb.

Architektin Dagmar Grote wies hin auf die viele kleineren Gebäude, die gleichwohl stadtbildprägend seien. Dabei komme es nicht so sehr auf das einzelne Haus als vielmehr die Ensemblewirkung an. Sie bezog sich dabei auf die alten Häuser an der Langen Straße. „Da schlummert großes Potenzial, das geweckt werden möchte“, sagte sie und fügte hinzu: „Überlegen sie sich sehr genau, was sie abreißen möchten.“ Denn hier könne man Geschichte der Stadt für jeden ablesbar machen.

Alte Häuser als „unverzichtbar“ bezeichnet

Darius Djahanschah empfahl zusammenfassend eine Art Masterplan, weil der Beirat nicht habe feststellen können, dass in Halle eine grundsätzliche Ausrichtung schon gefunden worden sei. Für die Kreisverkehre fehlten Argumente und aus Sicht des Beirates sei der Besatz an historischer Bebauung „unverzichtbar“.

In der anschließenden Diskussion beteiligten sich viele Gäste aus dem Publikum und dem Ausschuss. Und es gab weitere Klarstellungen der Experten. Die Planung für die „rechte Herzkammer“ bezeichnete Carsten Lang als „zu funktional gedacht“. Hier würden keine neuen Impulse gesetzt, es fehle der besondere Esprit gerade auch wegen der Nähe zu Haller Herz, dem Kirchplatz. Gebe es 08/15 oder ein abwechslungsreiches Bild? Für Dagmar Grote liegt in der Fläche deutlich mehr Potenzial, um attraktives Wohnen zu realisieren. Um Menschen verstärkt in die Innenstadt zu bringen, sei dies ein „Schlüsselgrundstück“. Und sie war so zu verstehen, dass die Eigentümerstruktur nicht in erster Linie die Stadtplanung bestimmen dürfe.

 

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7555755?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198389%2F2516076%2F
Bundespräsident macht Bevölkerung Mut
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier setzt sich einen Mund-Nasen-Schutz auf.
Nachrichten-Ticker