Halles Bürgermeister-Kandidaten Thomas Tappe (CDU) und Edda Sommer (SPD) äußern sich im Doppelinterview zu Verkehrspolitik, Architektenwettbewerben und Landesgartenschau
Flächendeckendes Tempo 30 bleibt ein Streitpunkt

Halle (WB). Wenige Tage vor der Stichwahl um das Haller Bürgermeisteramt treffen die beiden verbleibenden Kandidaten, Edda Sommer (SPD) und Thomas Tappe (CDU), im Gespräch in der WB-Redaktion aufeinander. Redaktionsleiter Stefan Küppers spricht Halles meist diskutierte Themen an.

Donnerstag, 24.09.2020, 04:00 Uhr aktualisiert: 26.09.2020, 06:26 Uhr
Wer reitet am kommenden Sonntag bei der Bürgermeister-Stichwahl als Sieger in das Haller Rathaus ein? Die verbleibenden Bewerber Edda Sommer (SPD) und Thomas Tappe (CDU) stellen sich zum gemeinsamen Foto am Haller-Willem-Denkmal. Foto: Stefan Küppers
Wer reitet am kommenden Sonntag bei der Bürgermeister-Stichwahl als Sieger in das Haller Rathaus ein? Die verbleibenden Bewerber Edda Sommer (SPD) und Thomas Tappe (CDU) stellen sich zum gemeinsamen Foto am Haller-Willem-Denkmal. Foto: Stefan Küppers

 

Eines der am stärksten diskutierten Themen war das Nahmobilitätskonzept und die von SPD und Grünen favorisierte Einführung von flächendeckend Tempo 30 in der Haller Innenstadt. Wie würden Sie das Thema als Bürgermeister angehen?

 

Edda Sommer: Im Arbeitskreis für das Nahmobilitätskonzept ist 2015 das Tempo 30 innerstädtisch beschlossen worden. Ich halte das auch für sinnvoll. Die Wechsel von Tempo 50, 30, 50 wie an der Kaiserstraße machen keinen Sinn. Grundsätzlich halte ich flächendeckend Tempo 30 in der Innenstadt für richtig, weil ich dafür bin, Gerechtigkeit unter allen Verkehrsteilnehmern herzustellen.  Thomas Tappe: Zwar ist es richtig, vor sensiblen Nutzungen wie Kindergärten und Altenheimen ein sogenanntes Strecken-Tempo-30 anzuordnen. Gleichzeitig bin ich aber auch der Auffassung, dass auf gewissen Hauptverbindungsachsen zu den Ortsteilen eine zügige Erreichbarkeit der Innenstadt und des Einzelhandels gewährleistet sein muss. Viele sagen: Wenn der Verkehr so erschwert wird, fahre ich lieber über die A33 nach Steinhagen zum Einkaufen. Es wäre schade, wenn wir diese Kaufkraft in Halle verlieren würden.

Was spricht eigentlich dagegen , auf den meist befahrenen Hauptverkehrsstraßen wie bisher Tempo 50 beizubehalten?

Sommer: Wir wollen keinen Flickenteppich haben, zum Beispiel an der Alleestraße. Und die B68 wird sich verändern. Die Wertherstraße ist sicher auch eine Einflugschneise nach Halle, aber ich finde es begrüßenswert, auch dort Tempo 30 zu machen.  Tappe: Wir müssen Realitäten und Wünsche vereinbaren. Ich finde den Wunsch, die Volksbank und die Remise näher an die Stadt anzubinden und den Lindenplatz einer Nutzung zuzuführen ja spannend. Aber wir haben dort mehr als 10.000 Kfz am Tag. Erst brauchen wir eine Gesamtkonzeption, wie man Verkehre führen kann, um das zu erreichen, was planerisch wünschenswert erscheint. Sonst landen die Fahrzeuge in der Martin-Luther-Straße und auf der unteren Bahnhofsstraße, die wir ja auch beruhigen wollen. Da die Kfz noch nicht fliegen werden, brauchen wir eine Antwort: Wo bleiben die Autos?  Sommer: Nicht der Verkehr sagt, wo er lang will. Sondern wir sagen dem Verkehr, wo er lang soll. Wir haben die A33 und eine Umgehungsstraße. Und wir müssen die Durchfahrt durch Halle unattraktiv machen. Wenn der Autofahrer merkt, dass ihm die Fahrt durch Halle zu lange dauert, fährt er außen herum.  Tappe: Aber wir haben mit dem Marktkauf zum Glück einen großen Frequenzbringer in der Innenstadt für viele Kunden auch aus Nachbarorten. Ich fahre jeden Tag mit dem Fahrrad seit 15 Jahren zur Arbeit. Aber man muss doch ehrlich sagen, dass niemand mit dem E-Bike für einen Einkauf aus Borgholzhausen anreisen wird.

Vergrämen und verdrängen von Verkehren mag man ja als politisches Ziel formulieren. Doch wir haben knapp 14.000 Kfz in Halle gemeldet und eine Vielzahl von Verkehren, die die Innenstadt aufsuchen.

Sommer: Das Auto steht noch immer über allem. Ich finde, man muss die Verkehrswende ermöglichen. Da muss generell ein Umdenken stattfinden. Natürlich werden Leute weiterhin mit dem Auto zum Einkaufen kommen, das ist grundsätzlich ja auch möglich. Aber man muss es unattraktiv für den Durchgangsverkehr machen. Zugleich muss die Aufenthaltsqualität gesteigert werden, sodass Halle für andere Verkehrsteilnehmer attraktiver und sicherer wird. Stichworte sind Verbesserungen am Bahnhof und des ÖPNV und bessere Anbindung der Ortsteile.  Tappe: Mit Verbesserungen des ÖPNV haben wir uns als CDU auch befasst, uns zum Beispiel autonom fahrende Systeme zur besseren Anbindung der Ortsteile angesehen. Die CDU hat auch überregionale Radwege angekurbelt, zum Beispiel nach Kölkebeck. Wir sind keine Autofahrerpartei, aber es muss ein Miteinander geben. Und um das Platzproblem mit Radwegen an Hauptverkehrsstraßen zu entschärfen, muss man überlegen, ob man Radverkehre nicht auf anderen Strecken zum Beispiel durch Wohngebiete führt.

Infos zu Thomas Tappe

Thomas Tappe (49) ist Fachbereichsleiter in der Stadtverwaltung Versmold. „Ich pflege einen kooperativen Führungsstil und bin sehr persönlich unterwegs. Menschen sollen nicht unter die Räder kommen. Ich behalte mir aber bei manchen Fragen das letzte Wort vor“, sagt er. Im ersten Wahlgang hat Tappe 44,47 Prozent bzw. 4451 Stimmen geholt.

...

Gleich nach der Ratswahl hat „Fridays for Future“ eine hohe Bepreisung der öffentlichen Parkplätze in Halle gefordert. Was halten Sie von solchen Vorschlägen?

Sommer: Es ist eine schöne Tatsache, dass wir im Gegensatz zu anderen Städten hier noch kostenfreie Parkplätze haben. Das ist gut für den Einzelhandel. Über den Antrag ist nachzudenken, aber ich glaube nicht, dass wir das in allen Bereichen von Halle tun können. Wegen des Handels und weil wohl verstärkt in Nebenstraßen geparkt würde, halte ich Parkgebühren für das falsche Mittel.  Tappe: Ich kann dem Antrag grundsätzlich nicht zustimmen, weil die kostenfreien Parkplätze unser Standortvorteil sind. Das wäre ein falsches Zeichen. Wir sollten den Menschen Anreize zur Nutzung des Fahrrades geben, indem wir das überregionale Netz verbessern. Aber das sollte man nicht über Parkgebühren regeln. Wir sind nicht in Bielefeld.

Kommen wir zum Thema Innenstadtgestaltung. Der mobile Baukulturbeirat hat kürzlich eindeutig die Durchführung von Architektenwettbewerben empfohlen. Wie stehen Sie dazu?

Tappe: Ich persönlich stehe dem sehr positiv gegenüber. In Versmold haben wir einen solchen Wettbewerb durchgeführt. Grundsätzlich ist die Beteiligung der Bürger in Halle noch zu kurz gekommen. Die Akzeptanz in der Bürgerschaft muss gegeben sein.  Sommer: Als Landschaftsarchitektin weiß ich, dass Menschen von außen einen anderen Blick haben. Das ist erst mal gut. Aber das Leitbild muss von innen heraus erarbeitet werden. Grundsätzlich bin ich ein Freund von Architektenwettbewerben und es ist sicher nicht schlecht, wenn man für die Lange Straße mehrere Meinungen vorliegen hat.  Tappe: Die bisherige Zeitschiene für ein so wichtiges Projekt passt nicht, sie ist zu eng gelegt. Ich glaube nicht, dass wir Wettbewerbe und Bürgerbeteiligung in einem halben Jahr schaffen werden. Zudem müssen wir sehen, inwieweit wir später noch Förderanträge stellen können. Da geht es um Millionen. Und da müssen wir verantwortlich handeln.  Sommer: Wir müssen das Pferd aber nicht ganz neu von hinten aufzäumen. Man kann da auch kurzfristig und zeitnah Daten zusammentragen und vor allem auch die vorhandenen Daten nutzen.

Wie stehen Sie zum Erhalt alter Häuser an der Langen Straße?

Sommer: Ich habe eine Vision im Kopf, wie man alte und moderne Häuser an der Langen Straße miteinander verknüpft und dabei die identitätsstiftenden Häuser mit aufnimmt. Die Frage ist, wie kann man das kostenmäßig und sinnvoll realisieren, dass die Bevölkerung einen Mehrwert davon hat. Ich denke, das ist möglich.  Tappe: Wir müssen uns nichts vormachen: Wirtschaftlich ist nicht darstellbar, was wir da machen. Aber es geht um den ideellen und identitätsstiftenden Wert. Häuser aus dem 18. Jahrhundert spielen da eine entscheidende Rolle. Wichtig ist, dass man Häuser einer sinnvoller Nutzung zuführt.

Um Visionen und Ideen geht es auch beim Baden im Freien sowie einer Landesgartenschau. Was ist da möglich?

Infos zu Edda Sommer

Die Landschafts-Architektin Edda Sommer ist 41 Jahre alt und wie ihr Kontrahent in Halle aufgewachsen. Sie beschreibt ihren Führungsstil als „sehr ehrlich, teamorientiert und sehr konsequent“. Sie habe den Anspruch, alle mitzunehmen, sagt sie. Im ersten Wahlgang holte Edda Sommer 28,16 Prozent beziehungsweise 2821 Stimmen und lag damit 78 Stimmen vor Dr. Kirsten Witte (Grüne).

...

Sommer: Eine Landesgartenschau mit Parkcharakter habe ich bei der damaligen Debatte im Ausschuss als abwegig empfunden. Aber wenn wir als Stadt Vorgaben machen können, welche Schwerpunkte wir setzen wollen, dann könnten wir mit den Themen Sport, Kultur, ÖPNV, einem Shuttle-Service und Freibaden im Sandforther See viele Themen für eine naturnahe Entwicklung im südlichen Bereich von Halle im Rahmen einer Landesgartenschau voran treiben, auch um Fördermittel zu generieren. Da könnten wir sowohl für jüngere als auch ältere Menschen etwas erreichen. Wobei unser Augenmerk hierbei grundsätzlich auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz liegen sollte. Tappe: Ich sehe eine Landesgartenschau mehr in Richtung Umwelt- und Naturschutz sowie Aufforstung von Waldflächen. Man könnte auch die Entwicklung eines neues Stadtparks darüber ankurbeln. Vielleicht kann man auch überregional die Waldthematik mit den Teuto-Anrainer-Kommunen verknüpfen. Auf jeden Fall wäre eine Machbarkeitsstudie für etwa 50.000 Euro gut investiertes Geld.

Die Klimadebatte führt angesichts der vielen vertrockneten Bäume schnell zur Frage: Wie retten wir unseren Teuto?

Sommer: Alle Fraktionen sind ja bereit, die Aufforstungen zu unterstützen. Wir müssen insgesamt auch mehr Umweltbildung organisieren Darunter verstehe ich auch den Erwachsenenbereich: Wo also kann ich mich als Bürger aktiv einbringen für Klimaschutz? Es ist wichtig, dass Verwaltung hier Hilfe leistet. Man muss es einfach machen für die Leute, damit Klimaschutz leistbar bleibt.  Tappe: Da viele Privatflächen im Teuto betroffen sind, sollte die Stadt sich einbringen und zusätzliche Hilfestellung leisten.  Sommer: Gerade im privatwirtschaftlichen Bereich aber meine ich, dass die Förderung der Allgemeinheit nutzten muss.  Tappe: Das ist Sache einer vertraglichen Vereinbarung. Aber ohne den Wald werden wir unsere Klimaziele nicht erreichen, deshalb ist dies eine klassische Form der Daseinsvorsorge.

Apropos Klimaschutz: Wie haben Sie eigentlich die Storck-Debatte empfunden?

Sommer: Sehr heiß. Ich fand es vor allem nicht richtig, dass behauptet wurde, hier sei etwas durchgewunken worden. Hier wurde nichts gewürfelt, sondern ein gründlicher Abwägungsprozess durchlaufen.  Tappe: Der Flächenverbrauch war in den vergangenen Jahren sehr hoch und das darf sich nicht so fortsetzen. Das und die Wetterextreme haben dazu geführt, dass Menschen sehr sensibilisiert sind. Das ändert aber nichts daran, dass die Informationen in Sachen Storck umfangreich und in der Tiefe erschöpfend waren. Und man konnte die Entscheidung für die Erweiterung und die Wasserförderung auch so verantworten, denn es gibt Schranken, die die getroffenen Prognosen verlässlich absichern. Viele positive Aspekte wie die Rückgabe eines Waldes an die Natur sowie die neue Anbindung von Storck mit Nähe zur A33 sind leider nicht sehr gewürdigt worden.

 

 

 

 

 

 

 

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7599073?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198389%2F2516076%2F
Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann ist tot
Thomas Oppermann im März vergangenen Jahres im Bundestag.
Nachrichten-Ticker