Unternehmer Gerhard Weber stirbt mit 79 Jahren – einst Chef von 7000 Mitarbeitern
Der Modepionier

Halle (WB). Er gehörte zu Deutschlands erfolgreichsten Unternehmerpersönlichkeiten – sein Lebenswerk aber hatte er in der Krise des Modehandels verloren. Nun ist Gerhard Weber, Gründer von Gerry Weber in Halle, im Alter von 79 Jahren gestorben.

Freitag, 25.09.2020, 04:00 Uhr
Seine Leidenschaft galt ein Leben lang der Mode: Gerhard Weber, Mitbegründer von Gerry Weber in Halle, hat auch an den Kollektionen mitgewirkt. Er hatte einen großen Tatendrang. Am Ende musste er erleben, wie sein Lebenswerk zerfiel. Foto: Oliver Schwabe
Seine Leidenschaft galt ein Leben lang der Mode: Gerhard Weber, Mitbegründer von Gerry Weber in Halle, hat auch an den Kollektionen mitgewirkt. Er hatte einen großen Tatendrang. Am Ende musste er erleben, wie sein Lebenswerk zerfiel. Foto: Oliver Schwabe

Das teilte die Gerry Weber International AG am Donnerstag mit. Gerhard Weber starb in der Nacht vom 23. auf den 24. September „nach kurzer schwerer Krankheit“ in der Uniklinik Münster. „Der Familie von Gerhard Weber sprechen wir im Namen aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unser tiefstes Mitgefühl und Beileid aus“, sagte Alexander Gedat, Vorstandsvorsitzender der Gerry Weber International AG. „Wir empfinden größte Dankbarkeit und Respekt einem vielgeachteten Unternehmer gegenüber und trauern um eine zutiefst beeindruckende Persönlichkeit.“

Wegbegleiter beschreiben Gerhard Weber als geniale Unternehmerpersönlichkeit, die mit unermüdlicher Energie und nie versiegendem Elan die Geschicke des Unternehmens vorantrieb. Sein Sohn Ralf hob am Donnerstag den „unvorstellbaren Tatendrang“ seines Vaters hervor.

Gerhard Weber hat mit großer Leidenschaft die Kollektion maßgeblich mitgestaltet. Er wusste immer das entscheidende Detail zu setzen, das für den großen Erfolg der Mode aus seinem Haus verantwortlich war. Im November 2014 wechselte Gerhard Weber vom Vorstand in den Aufsichtsrat des Unternehmens. Sein Sohn Ralf folgte ihm bis 2018. Da war der Konzern bereits inmitten seiner größten Krise.

Der Werdegang

Gerhard Weber wurde am 3. Juni 1941 geboren. Nach der mittleren Reife machte er eine Ausbildung als Industriekaufmann beim Bielefelder Modeunternehmer Hermann Lange. Die Arbeit mit den Kollektionen interessierte ihn. „Da merkte ich schon: Ich habe ein gutes Gefühl für Ware und Farben, und die Händler, die ich bedient habe, vertrauen mir“, blickte Weber anlässlich seines 75. Geburtstages zurück. „So kam es, dass ich selbstständig Bekleidung ein- und weiterverkauft habe. Mit 24 Jahren eröffnete ich in Versmold mein erstes Modegeschäft.“

Doch das war erst der Anfang einer Erfolgsgeschichte. 1973 gründete Gerhard Weber in seiner Heimat Halle gemeinsam mit seinem Freund und Kompagnon Udo Hardieck – der im Jahr 2018 gestorben ist – die Hatex KG. Anfangs zur Herstellung und zum Vertrieb von Damenhosen gedacht, wurde das Unternehmen schnell erfolgreich und ging 1989 als Gerry Weber International AG an die Börse.

Werbung am Café Kranzler in Berlin: Gerhard Weber und sein Kompagnon Udo Hardieck im Dezember 2000.

Werbung am Café Kranzler in Berlin: Gerhard Weber und sein Kompagnon Udo Hardieck im Dezember 2000. Foto: Burgit Hoerttrich

1986 wird neben der etablierten Marke „Gerry Weber“ die jüngere Marke „Taifun“ ins Leben gerufen, 1994 die Plus-Size-Marke „Samoon“. Das erste in Eigenregie geführte „House of Gerry Weber“ mit allen Marken des Konzerns eröffnete 1996 in Bielefeld. Es folgten erfolgreiche Jahre, Jahre des Wachstums. In Spitzenzeiten kratzte der im SDax notierte Modeanbieter an der Umsatz-Grenze von einer Milliarde Euro.

2003 hat Gerhard Weber in Düsseldorf die sogenannte Halle 29 errichtet – ein Millioneninvestment für die Modeindustrie, später folgte die Halle 30. Hier präsentierte nicht nur Gerry Weber selbst den Textileinkäufern aus aller Welt in den Showrooms seine Kollektionen, sondern auch viele weitere Modehersteller aus OWL. Diese Initiative war seine Antwort darauf, dass er die Messehalle in der Modemetropole Düsseldorf schlicht zu unattraktiv fand. Allerdings: Das Objekt musste das Unternehmen im Jahr 2018 verkaufen – da war Gerry Weber bereits in die Krise gestürzt.

Steffi Graf und Gerhard Weber im Jahr 1988: Der Unternehmer zeigt der Tennisspielerin Schnittmuster.

Steffi Graf und Gerhard Weber im Jahr 1988: Der Unternehmer zeigt der Tennisspielerin Schnittmuster. Foto: imago

Insolvenz im Jahr 2019

Von 2014 bis 2019 gehört auch das Münchner Modeunternehmen Hallhuber zur Gruppe. 2015 wurde eine weitere Vision Gerhard Webers Realität: eines der modernsten Logistikzentren Europas ging in Halle in den Betrieb. Doch die folgenden Jahre waren bitter. Gerry Weber geriet in Schieflage, der Aktienkurs stürzte ab, viele Beschäftigte verloren ihren Job. Gerhard Weber begleitete die Phase aus dem Aufsichtsrat heraus. Nach und nach verlor die Familie aber an Einfluss.

Bei seinem 75. Geburtstag äußerte sich Weber selbstkritisch. „Insgesamt haben wir den Ausbau der eigenen Geschäfte insbesondere im Zuge der Übernahme der 200 Wissmach-Läden zu schnell vorangetrieben. Für diesen Fehler bin ich noch verantwortlich.“ Zu diesem Zeitpunkt hoffte er noch, dass der Vorstand den Fehler korrigieren kann. Doch schon ein Jahr später, 2016, musste er miterleben, wie sein Sohn Ralf harte Einschnitte verkündete. Für die Neuausrichtung strich das Management jede zehnte von 7000 Stellen. Auch 100 von 1000 Filialen fielen weg. Das reichte aber nicht. Es folgten weitere Schließungen und ein noch drastischerer Stellenabbau. 2019 meldete Gerry Weber Insolvenz in Eigenregie an. Neue Investoren übernahmen. Mit dem Jahreswechsel 2019/2020 war dieser Schritt abgeschlossen – und die Aktien der Gründerfamilie wertlos. Die Webers waren raus. Weber musste mit ansehen, wie sein Lebenswerk zerfiel. Zu seinem 75. Geburtstag sagte er: „Ich fühle hier mit. Schließlich habe auch ich viele Jahre mit diesen Mitarbeitern verbracht, wir haben zusammen schon viel erlebt.“

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