Vertreter von ProWi GT, IHK und dem Unternehmen Brockmeyer diskutieren Chancen und Probleme von Ausbildung in Corona-Zeiten
„Wer nichts pflanzt, wird nichts ernten“

Halle (WB). Wirtschaftsförderer Albrecht Pförtner findet die Geschichte von dem holländischen Tulpenproduzenten lehrreich, der zu Beginn der Corona-Krise zwischenzeitlich das Pflanzen von Tulpenzwiebeln einstellt in der Erwartung, dass er in der Krise ohnehin nichts verkaufen würde. Tatsächlich aber hatten Menschen gerade in der Krise und dem Zwang, sich verstärkt zuhause aufhalten zu müssen, viel mehr Lust auf bunte Blumen, die aber Henry Brockmeyer in seinen Gartencentern zeitweise nicht zureichend anbieten konnte. Erstens kam es also anders als gedacht. Und zweitens: „Wer heute nichts pflanzt, kann später auch nichts ernten“, stellt der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft ProWi GT fest. Womit man beim Thema Ausbildungsplätze wäre. Denn auch dort wird derzeit zu wenig „gepflanzt“, um später ernten zu können und weiter wirtschaftlichen Erfolg zu haben.

Dienstag, 29.09.2020, 14:00 Uhr aktualisiert: 29.09.2020, 14:10 Uhr
Diskutierten Chancen und Probleme des Themas Ausbildung in Corona-Zeiten: (stehend v.l.) Wirtschaftsförderer Albrecht Pförtner sowie Michael Kaiser (IHK). Für die Firma Brockmeyer sitzen (v.l.) Anna Günnewig, Katharina Gruß, Henry Brockmeyer, Chantal Humann, Niklas Kölbel und Sebastian Noelle. Foto: Stefan Küppers
Diskutierten Chancen und Probleme des Themas Ausbildung in Corona-Zeiten: (stehend v.l.) Wirtschaftsförderer Albrecht Pförtner sowie Michael Kaiser (IHK). Für die Firma Brockmeyer sitzen (v.l.) Anna Günnewig, Katharina Gruß, Henry Brockmeyer, Chantal Humann, Niklas Kölbel und Sebastian Noelle. Foto: Stefan Küppers

„Es wird auch eine Zeit nach der Pandemie geben“

Das Gartencenter Brockmeyer mit drei Standorten (Halle, Gütersloh, Detmold) und 23 Auszubildenden bei derzeit 229 Mitarbeitern gilt mit zehn Prozent Ausbildungsquote (Halle insgesamt hat nur 3,9 Prozent Quote) schon lange als ein auf diesem Gebiet vorbildlicher Betrieb, wie Pförtner und auch sein Kollege Michael Kaiser, Referent Berufliche Bildung bei der IHK, wissen. Bei einem Pressetermin im Gartencenter kamen neben den allgemeinen Bedingungen auf dem Ausbildungsmarkt, der unter den Folgen von Corona leidet, auch die besonderen Azubi-Entwicklungen bei Brockmeyer zur Sprache. „Es wird auch eine Zeit nach der Pandemie geben“, verdeutlicht Unternehmenschef Henry Brockmeyer, warum sein Betrieb systematisch das Ausbildungsthema angeht und auch in diesem Jahr zehn neue Azubis eingestellt hat.

Bei Brockmeyer können Azubis auch schnell aufsteigen

Die Bandbreite ist groß, wie Personalleiterin Katharina Gruß darstellt. Sowohl bei den Berufsbildern (Verkäufer/-in, Kaufmann/-frau im Einzelhandel, Gestalter/-in für visuelles Marketing, Fachkraft für Lagerlogistik und Kaufmann/-frau für Büromanagement, Fachkraft für Systemgastronomie) wie auch bei den Schulabschlüssen der Bewerber. Ausbildungsbeauftragte Anna Günnewig berichtet von dem Gedanken eines breiten Blicks auf das Unternehmen, bei dem ein Lagerlogistiker auch erfährt, was eine Verkäuferin zu leisten hat. Und die beiden präsentieren Beispiele, wie junge Menschen schnell im Unternehmen aufsteigen können. Die ehemalige Auszubildende Chantal Human hat die stellvertretende Leitung einer Brockmeyer-Boutique inne, der Ex-Azubi Niklas Kölbel leitet heute den Bereich Hartwaren in Halle und der 29-jährige Sebastian Noelle hat schon mit 16 Jahren mit kleinen Jobs bei Brockmeyer angefangen und ist nach Ausbildung und einem berufsbegleitendem Studium als Assistent der Geschäftsleitung tätig. „Wenn man jungen Menschen keine Perspektiven anbieten kann, sind die schnell wieder weg“, sagt Henry Brockmeyer.

Brockmeyer beschäftigt dabei insbesondere auch Praktikanten, mindestens 20 pro Jahr alleine in Halle, ein Reservoir für spätere Azubis. Doch das ist derzeit die Ausnahme, wie Pförtner weiß. „Wir haben im Kreis Riesenprobleme, weil viele Unternehmen wegen Corona keine Praktikanten mehr nehmen. Da bricht uns etwas weg“, warnt Pförtner. Und auch Michael Kaiser von der IHK warnt vor den Folgen, wenn Berufsorientierung wegfällt. Nicht nur Praktika, auch Berufsmessen oder Speeddatings für Azubis finden kaum noch statt. „Das frustet auch die Kids“, weiß Pförtner.

Dringender Appell an Unternehmen, auch in Corona-Zeiten mehr auszubilden

Sicher sei Corona eine Art Naturkatastrophe, sagt der Wirtschaftsförderer. Aber wenn ganze Azubi-Generationen nicht zum Zuge kämen, schaffe das bei Unternehmen auf Sicht riesige Probleme bei der Neubesetzung von ausscheidenden Mitarbeitern. Sein Rat: „Sich zusammenraufen und Azubis einstellen, und wenn es nur die Hälfte von dem ist, was man vorher getan hat.“ IHK und Arbeitsagentur würden dabei helfen, Betriebe stünden nicht allein.

IHK-Mann Kaiser sagt, dass das Thema „Karriere mit Lehre“ für viele junge Menschen ein aussichtsreicher Weg sei. Auch für das laufende Jahr gebe es noch viele offene Azubi-Stellen. Und Kaiser wies auf eine OECD-Studie hin, in der es gute Noten für das System der dualen beruflichen Ausbildung gebe, weil Deutschland so eine hohe Beschäftigungsfähigkeit sicherstelle. Im Kreis Gütersloh seien 9,9 Prozent weniger Ausbildungsverträge als im vergangenen Jahr abgeschlossen worden. Das sei nicht gut. Aber NRW-weit seien es sogar 13,9 Prozent weniger Ausbildungsverträge.

„Auf Ausbildung können junge Menschen bauen. Das ist ein solides Fundament“, sagt Albrecht Pförtner. Zwar sei im Kreisgebiet insgesamt gut ausgebildet worden. „Doch da geht noch mehr.“

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