Anny Hartmann liefert bissiges Kabarett mit „Haltung, Humor, Hirn“
Zum Soli den Coroni einführen

Halle (WB). »Corona bedroht ältere Männer, der Klimawandel vor allem jüngere Menschen«, sagt Anny Hartmann und liefert so ihre persönliche Erklärung dafür, warum angesichts der derzeitigen Krise plötzlich möglich ist, was bisher undenkbar war. Der seit 4.000 Jahren andauernde Umverteilungsprozess von unten nach oben müsse endlich beendet werden. Kapitalismus sei keinesfalls mit Demokratie gleichzusetzen, erläutert die diplomierte Volkswirtin in ihrem Programm »NoLobby is perfect«.

Sonntag, 18.10.2020, 06:00 Uhr
Den Job bei der Sparkasse hat Anny Hartmann für das Kabarett aufgegeben. Ihr Wissen als Diplom-Volkswirtin nutzt sie, um wirtschaftliche Zusammenhänge kritisch darzulegen. Foto: Gerhards
Den Job bei der Sparkasse hat Anny Hartmann für das Kabarett aufgegeben. Ihr Wissen als Diplom-Volkswirtin nutzt sie, um wirtschaftliche Zusammenhänge kritisch darzulegen. Foto: Gerhards

Altmeister Volker Pispers hat der 1970 in Köln geborenen Künstlerin bescheinigt, die drei großen H des Kabaretts in sich zu vereinen: Haltung, Humor und Hirn. Davon können sich rund 50 Zuhörer im Schulzentrum Masch überzeugen, wo das ursprünglich für März geplante Gastspiel nachgeholt wird. Erstmals gilt im Publikum während der gesamten Vorstellung Maskenpflicht. Möglicherweise sind einige Kartenbesitzer aus persönlichem Sicherheitsbedenken der eigentlich ausverkauften Veranstaltung fern geblieben. Anny Hartmann hat auch hier eine Erklärung parat: »Lachen ist ansteckend«, deswegen werde Kultur als größerer Risikofaktor wahrgenommen als beispielsweise das Einkaufen.

Im »Lobbyparadies« Deutschland mit 68 Prozent Akademikern im Bundestag sei es kein Wunder, dass sich Politiker nicht mehr den Alltag von Geringverdienern vorstellen können. Die Kabarettistin bemängelt etwa deren Ungleichbehandlung im Vergleich zu den Vermögenden und fordert unmissverständlich die Anrechnung von bezahlten Nebentätigkeiten auf Politikergehälter oder ihre hochdotierten Ruhestandsgelder. »Auf einen Abgeordneten im Bundestag kommen acht Lobbyisten«, behauptet Hartmann. Die Kontrollmechanismen über Zuwendungen und Parteispenden seien vergleichsweise so lasch, damit die Bürger bei einer Überprüfung »nicht in Daten ertrinken«.

Die bekennend links denkende Kabarettistin hat in Helmut Kohl einen Gesinnungsgenossen entdeckt. Zuletzt gab es in dessen Regierungszeit die Vermögenssteuer und einen Spitzensteuersatz von mehr als 50 Prozent. Seit 1997 sind diese Regelungen ausgesetzt, weil die zu niedrig angesetzten Bewertungsregeln bisher nicht angepasst wurden. Zur Bewältigung der akuten Krise sollten die Reichen jetzt zur Kasse gebeten werden. Anny Hartmann fordert: »Nicht den Soli abschaffen, sondern den Coroni einführen! «

Steueroasen seien das Sahnehäubchen auf der Kapitalismustorte. Durch Steuervermeidung entgingen der EU 825 Milliarden Euro pro Jahr. »Wirtschaftsflüchting ist nicht der Asylbewerber, sondern der Sozialschmarotzer, der alles hat und nichts abgeben will«, sagt Hartmann und erntet Applaus aus dem Publikum. Geld sei genug da, nur schlecht verteilt oder gut versteckt. Auch Politiker geraten ins Visier der bissigen Kabarettistin. Für die Aussage »Ein Tempolimit widerspricht jeglichem Menschenverstand« stehe beispielsweise Verkehrsminister Andreas Scheuer die Vorsilbe Be zu. »Wir leben nicht über unsere Verhältnisse sondern über die der anderen«, prangert sie globale Ungleichheiten an.

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