Halle
„Die Kunstbranche ist ausgeknockt“

Halle -

»Wir sind ja nicht nur reine Wohltäter, wir wollen auch Geld verdienen«, sagt Marion Reuning im Namen ihrer Kolleginnen und Kollegen, die in der alten Lederfabrik ihre kreativen und künstlerischen Berufe ausüben.

Sonntag, 22.11.2020, 17:14 Uhr
»Wir lieben, was wir tun«, sagt Christine Klatt über ihre künstlerischen Aktivitäten. Ihr Spezialgebiet sind Resin Geoden aus Epoxidharz, einer sich rasant verbreitenden Kunstrichtung.
»Wir lieben, was wir tun«, sagt Christine Klatt über ihre künstlerischen Aktivitäten. Ihr Spezialgebiet sind Resin Geoden aus Epoxidharz, einer sich rasant verbreitenden Kunstrichtung. Foto: Gerhards

Nachdem bereits das Frühlingserwachen ausgefallen ist, wurde mit der Unikat auch die wichtigste Veranstaltung mit überregionalem Besucherkreis infolge der Corona-Schutzverordnung abgesagt.

»Seit März sind wir wie abgeschnitten, die gesamte Kunst- und Kulturbranche ist ausgeknockt«, bestätigt Anja Wallmichrath und stellt die Frage: Was ist die Welt ohne Kunst und Kultur? Sie sieht nicht nur den Kulturort Lederfabrik in Gefahr, auch die Existenz vieler selbstständiger Künstler stehe auf dem Spiel. Das ganze Jahr haben sie durchgearbeitet, die Kunstwerke stapeln sich, aber potenzielle Kunden bleiben aus. Während der Unikat konnten Anja Wallmichrath, Christine Klatt und viele weitere immer ein kauffreudiges Publikum begrüßen.

Dabei hatten sich alle Beteiligten mit der Stadt auf ein ausgefeiltes Hygienekonzept geeinigt. Jeweils maximal 150 Besucher hätten sich innerhalb eines dreistündigen Zeitfensters im Einbahnstraßen-Modus durch die Ausstellungsräume bewegen dürfen. Der Verzicht auf bisher übliche Speisen- und Getränkeangebote war ebenso vorgesehen wie eine durchgängige Maskenpflicht. »Hier wäre es sicherer gewesen als in jedem Supermarkt«, betont Marion Reuning. Ihrer Meinung nach stehen Kunst und Kultur offenbar ganz am Ende der wirtschaftlichen Bedeutungskette.

Dazu passt, dass Galerien auch gegenwärtig ihre Exponate verkaufen dürfen, das reine Betrachten von Kunstwerken und der museale Charakter aber den Beschränkungen unterliegen. Laut Marion Reuning sei es zudem wenig förderlich, wenn NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen von einer »Extrawurst« für Kulturschaffende spreche. Schließlich habe auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters die Systemrelevanz mit den Worten »Kultur ist keine Delikatesse für Feinschmecker, sondern Brot für alle« bestätigt. Auch der Jazz-Trompeter Till Brönner setzt Kultur mit Frischmilch und Obst gleich, das täglich neu in die Regale kommt, »damit wir nicht an kulturellem Skorbut sterben«.

Eben weil Corona aufs Gemüt schlage, werde der positive Ausgleich benötigt, um den Geist anzuregen, meint Anja Wallmichrath, und Christine Klatt betont: »Gerade durch die große Vielfalt vermitteln wir ein gewisses Maß an Freude«. Viele Menschen hätten ihr Zuhause renoviert und womöglich auch Interesse an neuen Bildern oder einer passenden Skulptur.

Entgegen vieler Vermutungen stehen nahezu alle Ateliers in der Lederfabrik Besuchern nach Terminabsprache offen. Dazu gibt es weiterhin den festen gemeinsamen Termin an jedem ersten Samstag im Monat zwischen 11 und 16 Uhr.

»Wir bieten neben persönlichen Gesprächen und Beratung auch an, die Bilder mit nach Hause zu nehmen und in ihrer neuen Umgebung zu testen«, bekräftigt Marion Reuning. Niemand habe ein Problem, auch andere Künstler zu empfehlen, eine Art Kaufzwang existiere nicht. Im Gegenteil: Vor Ort bestehe die Möglichkeit, sich von der Vielfalt inspirieren und auf neue Ideen bringen zu lassen. Das gelte im Übrigen auch im Hinblick auf schmale Budgets und kleinere Geldbeutel.

Wie der Applaus den Schauspieler belohne, ist es laut Christine Klatt für Künstler das Größte, wenn jemand ein Bild kauft, weil es die Seele anspricht. In der Regel lasse sich der persönliche Kontakt nicht so ohne Weiteres durch Online-Angebote ersetzen. Die Webseite www.alte-lederfabrik-halle.de oder der entsprechende Instagram-Account funktionieren eher als Eingangstür zu den analogen Ateliers und ergänzen die Absatzwege, etwa wenn es um Auftragsarbeiten geht, wie sie die auf Tierporträts spezialisierte Heike Deininger anbietet.

Grundsätzlich möchten die Künstlerinnen und Künstler vorhandene Hemmschwellen abbauen und Interessenten ermutigen, sie in ihren Ateliers zu besuchen. Gerade in Anbetracht des kommenden Weihnachtsfestes und des absehbaren Ausfalls zahlreicher Weihnachtsmärkte könnte der eine oder die andere vielleicht interessante und ungewöhnliche Geschenke mit Alleinstellungsmerkmal in entspannter Atmosphäre finden.

Die offenen Ateliers am 5. Dezember und das geplante »Adventsleuchten« am 12. Dezember, zu dem weitere Informationen noch folgen sollen, garantieren auch Spontanbesuchern jede Menge Kunstgenuss.

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