Do., 07.03.2019

Bei der Stadtwacht brodelt’s: Erste Klage und Kündigung liegen vor – mit Kommentar Wächter Prattke schmeißt hin

Ralf Prattke gehört zur Stadtwacht. Der 55-Jährige ist seit zwölf Jahren nachts in der Stadt unterwegs und sorgt für Sicherheit – als Außendienstmitarbeiter des Ordnungsamtes. Doch was sind eigentlich seine Befugnisse? Das konnte er bis dato nicht ganz klären und hat deshalb gekündigt.

Ralf Prattke gehört zur Stadtwacht. Der 55-Jährige ist seit zwölf Jahren nachts in der Stadt unterwegs und sorgt für Sicherheit – als Außendienstmitarbeiter des Ordnungsamtes. Doch was sind eigentlich seine Befugnisse? Das konnte er bis dato nicht ganz klären und hat deshalb gekündigt. Foto: Elke Westerwalbesloh

Von Elke Westerwalbesloh

Harsewinkel (WB). Seit der ersten Stunde der Stadtwacht ist er mit dabei – Ralf Prattke streift seit zwölf Jahren durch die Parks, Schulhöfe und Teestuben und sorgt für Ordnung. Jetzt reicht’s ihm! Er hat die Kündigung auf den Tisch gelegt, weil er sauer ist. Damit ist er nicht alleine.

Acht Stellen umfasst die Stadtwacht, die es seit 2006 gibt. Zwei davon bekleidet Prattke noch bis September. »Dann bin ich unter Tränen raus«, gibt er offen zu. Denn der Job hat ihn erfüllt, ihm Spaß gemacht. Doch der wurde ihm von der Stadtverwaltung verdorben, sagt er. Zwei seiner Kollegen (Namen der Redaktion bekannt) – einer davon ebenfalls seit zwölf Jahren im Außendienst des Ordnungsamtes – sehen es genau so. Es gibt Unruhe bei der Stadtwacht.

»Wir arbeiten für die Stadt, sind ein Vorzeigeteam für die Kommune. Doch wenn es hakt, dann lässt uns die Verwaltung im Regen stehen«, berichtet Prattke. Seit den zwölf Jahren, die er und seine Kollegen im Dienst sind, gebe es keine richtige Arbeitsbeschreibung für die Männer. »Wir haben diese mehrfach eingefordert, doch es passierte bis vor einer Woche nichts«, bestätigt er. Auch seien sie nie richtig geschult worden. »Wir führen Pfefferspray mit uns – das fällt unter das Waffengesetz«, berichtet der andere Stadtwächter.

Wagen zerkratzt

In zwölf Jahren haben sich die Männer nichts zu Schulden kommen lassen. Das bestätigt auch die Polizei. »Die Zusammenarbeit ist hervorragend und die Stadtwacht Harsewinkel ist engagiert und fleißig«, sagt die Pressesprecherin der Kreispolizei Gütersloh, Corinna Koptik, auf Nachfrage des WESTFALEN-BLATTes.

Das Fass zum Überlaufen hat ein Vorfall im vergangenen Jahr gebracht. Das private Fahrzeug von Ralf Prattke, welches er nutzt, um zur Nachtwache zu fahren, wurde während der Dienstzeit zerkratzt, wie er sagt. Für seinen alten Wagen hat er natürlich keine Vollkasko-Versicherung mehr – die Stadtverwaltung zahlt den Schaden nicht und er bleibt auf der mehrere tausend Euro teuren Reparatur sitzen. »Ich habe Klage eingereicht«, sagt Prattke, dass er sich mit der Stadt nun im Rechtsstreit befindet. Das bestätigt auch die Bürgermeisterin Sabine Amsbeck-Dopheide auf Nachfrage. Sie möchte sich jedoch nicht weiter zu dem Konflikt äußern.

Und siehe da: »In dem Anwaltsschreiben der Stadt haben wir erstmals eine Tätigkeitsbeschreibung erhalten. Darin macht man sich regelrecht über uns lustig«, berichtet der 55-Jährige von seinen Gefühlen. Darin heißt es etwa: » (..) Er ist schon deshalb nicht ausgebildet und trainiert, mit körperlicher Gewalt und entsprechenden Hilfsmitteln insbesondere gegen Personen vorzugehen. Schon gar nicht ist er wie ein Polizeibeamter befugt, Waffen zu tragen und beim Vorliegen der entsprechenden Voraussetzungen auch anzuwenden«.

Dienst sei härter geworden

Dabei ist der Job nicht ohne: Immer am Wochenende sind sie im Einsatz. Vorzugsweise nachts bis um vier. Sie patrouillieren durch die Innenstadt, tragen schusssichere Westen, Pfefferspray und Handfesseln bei sich, die sie auch im Notfall nutzen dürfen. Der Dienst auf der Straße sei härter geworden, sagen auch seine beiden Mitstreiter. Sonst wären die Männer schließlich nicht so ausgestattet. Sie sind Beschimpfungen und Bedrohungen ausgesetzt. »Da uns jeder mittlerweile namentlich kennt, wird es auch sehr persönlich«, sagt Prattke.

»Wenn man uns braucht, dann nutzt man uns. Aber was für Rechte haben wir?«, fragt sein Kollege. Nach der Klage gab es nun am 19. Februar ein weiteres Papier von der Stadtverwaltung, das den »Entwurf einer Dienstanweisung« beinhaltet. »Einen Entwurf – nach zwölf Jahren Arbeit als Stadtwächter«, resümiert Prattke kopfschüttelnd.

Ein Kommentar von Elke Westerwalbesloh

Die Bürger in Harsewinkel sollen sich sicher fühlen – dafür sorgt in der Mähdrescherstadt auch die Stadtwacht. Seit zwölf Jahren gibt es dieses Team, das aus der Idee der CDU entstanden ist. Zwölf Jahre läuft alles rund.

Da ist es doch ein Ding, dass es erst einen materiellen Schaden braucht, um festzustellen, dass die Stadtwächter keinerlei Arbeitsbeschreibung haben und auch nie richtig geschult worden sind. Sie werden auf die Straße geschickt und kontrollieren die Brennpunkte und Internetcafés.

Die Stadt zahlt jedem Stadtwächter 450 Euro, saugt den Honig und legt die Hände in den Schoß, wenn es mal hakt. Sorgfaltspflicht? Fehlanzeige! Die Stadt sollte die Interessen ihrer Stadtwächter wahren, sich hinter sie stellen, denn schließlich wollen sie in Zukunft nicht auf sie verzichten.

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