Fr., 15.03.2019

Rheda-Wiedenbrücker Fleischkonzern reagiert auf Umsatzeinbußen und Brexit – mit Video Tönnies verteufelt den Preiskampf

Die Tönnies-Konzernspitze: Maximilian Tönnies (von links), Andres Ruff und Clemens Tönnies mit Pressesprecher André Vielstädte.

Die Tönnies-Konzernspitze: Maximilian Tönnies (von links), Andres Ruff und Clemens Tönnies mit Pressesprecher André Vielstädte. Foto: Carsten Borgmeier

Von Oliver Horst

Rheda-Wiedenbrück (WB). Über Zahlen will Clemens Tönnies (62) am Donnerstag weniger sprechen als sonst. Der Chef von Deutschlands größtem Fleischkonzern hadert mit Kampfpreisen im Lebensmittelhandel. Auch deshalb ist der Umsatz seines Rheda-Wiedenbrücker Konzerns 2018 gesunken. Tönnies reagiert darauf mit Internationalisierung, Optimierung, Veredelung – und einem Appell.

»Die Branche ist im Umbruch. Die ersten sprechen schon von Krise«, sagt der Konzernlenker. Der Schweinepreis lag vergangenes Jahr in Deutschland im Schnitt um 12,5 Prozent unter dem Wert des Jahres 2017. Die Schlachtzahlen fielen um drei Prozent. Der Branchenprimus konnte sich noch relativ gut behaupten. Der Umsatz des Konzerns sank um 3,6 Prozent von 6,9 auf 6,65 Milliarden Euro. Die Zahl der geschlachteten Schweine stagnierte hierzulande bei 16,6 Millionen, legte aber weltweit von 20,6 auf 20,8 Millionen zu. Und mit 440.000 Rindern wurden 8000 mehr verarbeitet als ein Jahr zuvor. »Wir stehen gut da, haben unseren Marktanteil noch ausgebaut«, konstatiert Tönnies.

Das nicht genannte Ergebnis – fürs Vorjahr wies der Konzern knapp 60 Millionen Euro als Gewinn aus – habe jedoch unter dem Preisdruck gelitten. »Wir haben Federn gelassen. Aber wir haben unsere Strukturen und Abläufe weiter optimiert.« Zudem sei bei der im Herbst 2015 übernommenen dänischen Tochter Tican der Turnaround geschafft worden nach zuvor »massiven Verlusten«.

Als Reaktion auf die Situation in Deutschland appelliert Tönnies an den Handel: »Es muss aufhören, dieses tolle Produkt Fleisch zu verramschen und in Billigangebote zu treiben. Stoppt endlich diesen Preiskrieg.« Von höheren Preisen profitierten in erster Linie die Schweinebauern, denen in puncto Tierwohl Anstrengungen und Investitionen abverlangt würden. Tönnies fördere und forciere dies. »Wir brauchen Tierwohl in der Breite und nicht in der Nische«, sagt der von Mitgesellschafter Robert Tönnies eingesetzte Co-Chef Andres Ruff (58). »Wir unterstützen das staatliche Tierwohllabel.«

Gegen die deutsche Marktschwäche setzt der Konzern verstärkt auf Internationalisierung als »eine Kernstrategie«, sagt Ruff. »Weltweit wächst der Fleischmarkt.« Schon jetzt setzt der Konzern jeden zweiten Euro im Ausland um. Auch um auf den Brexit vorbereitet zu sein, wird die Präsenz in Großbritannien erhöht. Dem Kauf des Wurstherstellers »Riverway« Ende 2018 folge bald die Übernahme eines Schlachthofs. »Wir rechnen zudem mit niedrigen Zöllen für Schweinefleisch, weil das Land 40 Prozent des Bedarfs über Importe deckt.«

Gegen den Trend gewachsen

Außerdem will der Konzern sein Fleischwerk in Spanien erweitern. Und die Wertschöpfung soll erhöht werden dank mehr Veredelung des Rohstoffs Fleisch durch die Verarbeitung zu Fertiggerichten, Wurstspezialitäten, Tiernahrung, aber auch durch mögliche neue Pharma-Aktivitäten.

Auch die zum Konzern gehörende Zur-Mühlen-Gruppe, der bundesweit führende Wursthersteller mit Marken wie Gutfried, Marten und Böklunder, ist gegen den Trend gewachsen. Sie hat auf den Preisdruck mit der Spezialisierung von Standorten und mehreren Werksschließungen reagiert. Maximilian Tönnies (28), der mit seinem Vater 50 Prozent am Konzern hält, will in der Wurstsparte die Exportquote mittelfristig von 20 auf 30 Prozent steigern.

Für den Konzern sind weiterhin 16.500 Mitarbeiter tätig – etwa die Hälfte davon sind externe Werkvertragsarbeiter. »Nur 18 Prozent von ihnen erhalten Mindestlohn, die anderen zum Teil deutlich mehr«, sagt Clemens Tönnies. »Wir befinden uns auch im harten Wettbewerb um Fachkräfte.«

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