Sa., 16.03.2019

Rückepferd im Einsatz: Dicke Baumstämme sind für Kaltblut Adam kein Problem – mit Video Geballte Kraft auf vier Hufen

Ohne Mühe zieht Kaltblut Adam einen Baumstamm durch den Wald. Gerhard Aschoff gibt das Kommando.

Ohne Mühe zieht Kaltblut Adam einen Baumstamm durch den Wald. Gerhard Aschoff gibt das Kommando. Foto: Jan Gruhn

Von Jan Gruhn

Rheda-Wiedenbrück (WB). Für viele Pferdefreunde sind ihre Vierbeiner heute nur noch ein Hobby – früher ging’s vor allem in der Landwirtschaft nicht ohne tierische Hilfe. Doch die Kaltblüter erleben derzeit eine kleine Renaissance der Beliebtheit ihrer Arbeitskraft.

Geschafft: Gerhard Aschoff nimmt seinem Adam das Arbeitsgeschirr wieder ab. Jetzt geht es zurück in den Stall. Foto: Jan Gruhn

Adam (6) steht einfach nur da. Der Wind pfeift, Äste knacken, die Kälte des Regens schlüpft unbarmherzig in jede noch so kleine Ritze. Die Autos auf der nahegelegenen Schnellstraße erhöhen den Geräuschpegel und damit das Stresslevel noch einmal. Das rheinische-deutsche Kaltblut scheint das nicht zu stören.

Gerhard Aschoff (61) kann ihm das Arbeitsgeschirr ohne Probleme anlegen. Gleich geht’s in ein kleines Waldstück – Baustämme rücken.

Viel wendiger

Eigentlich ist Aschoff Schlosser. Doch seit mehreren Jahren arbeitet er nebenberuflich mit sogenannten Rückepferden. Mit seinem Adam oder Routinier-Pferd Elix (13) ist der Rheda-Wiedenbrücker regelmäßig im Teutoburger Wald oder in der Senne unterwegs. Er kommt da zum Einsatz, wo die Holzvollernter – auf Englisch Harvester – nicht hinkommen.

»Mit dem Pferd bin ich viel wendiger«, erklärt Aschoff. Die Gassen, durch die die dicken Stämme der gefällten Bäume bugsiert werden müssen, können viel schmaler sein als die, die die großen Metallmonster benötigen. »Die Pferde sind keine Konkurrenz zur Maschine«, sagt Aschoff. »Sie sind ein Bindeglied.« Obendrein eines, das den Waldboden und den Bestand schont.

Futter ist Lohn

Ohne Mühe zieht Adam den knapp vier Meter langen Stamm durch den Wald, in dem noch die Schäden des Orkantiefs Friederike zu sehen sind. Spuren hinterlässt nur das Holz, Adams Hufe lassen allenfalls das Laub knistern. Die Nachhaltigkeit von Pferden im Arbeitseinsatz gewinnt Aschoff zufolge immer mehr Interessenten. Seine regelmäßigen Kurse seien voll von Menschen, die ihre eigenen kleinen Gemüseplantagen mit Pferdhilfe beackern wollen. Andere Teilnehmer hätten genug vom Pferdesport und der damit verbundenen Etikette.

Natürlich gebe es auch Kritiker, sagt Aschoff – und kneift die Augenbrauen zusammen. Tierschützer, die Pferdearbeit missachteten. »Wenn ein Mensch zu einem ordentlichen Lohn und unter ordentlichen Bedingungen arbeitet, dann das ist in Ordnung«, sagt Aschoff. So sei es auch bei Pferden. Wobei ordentlicher Lohn für gutes und ausreichend Futter stehe, gute Bedingungen für das exakt angepasste Arbeitsgeschirr. Und jünger als fünf Jahre dürften die Tiere nicht sein. »Alles andere wäre Kinderarbeit.«

Über die Stimme

Mit kurzen, knackigen Befehlen gibt Aschoff die Richtung vor. Die Zügel, deutlich länger als bei Kutschpferden, hängen durch. »Das meiste geht über die Stimme«, sagt Aschoff. »In der Waldarbeit kann es sein, dass man viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist.« Denn auch der Mensch hinter dem Tier komme dabei ins Schwitzen. Mitunter muss sich Adam auch mal selbst den Weg zwischen zwei Stämmen hindurchsuchen.

Im August sollen wieder hunderte Besucher aus dem In- und Ausland in die lippische Gemeinde Dörentrup pilgern. Auf den Wiesen und Ackerflächen des Guts Wendlinghausen findet am 24./25. August die Veranstaltung »Pferde Stark« statt. Ausgetragen wird unter anderem die Europameisterschaft im Holzrücken.

Anmeldungen aus Japan

Sogar aus Japan gebe es bereits Anmeldungen zu dem Event, wie es vom Veranstalter heißt. Beteiligt ist auch die Interessengemeinschaft Zugpferde NRW mit Sitz in Verl (Kreis Gütersloh), der auch Aschoff angehört. An diesem Samstag sollen die Vorbereitungen beginnen. Um im Rahmen von Vorführungen Kartoffeln ernten und Getreide mähen zu können, müsse bereits jetzt der Acker gepflügt werden – natürlich stilecht mit der Hilfe von arbeitswilligen Kaltblütern wie Adam.

Für heute ist der bullige Vierbeiner aber fertig. Gerhard Aschoff nimmt ihm das Geschirr ab und führt ihn auf den Hänger. Auf dem Weg zurück zum Stall drehen die Räder des Pritschenwagens vorne durch – der Regen hat den Boden aufgeweicht. Jetzt könnte Adam, der mit seinen etwa 850 Kilogramm sein eigenes Körpergewicht ziehen kann, helfen. Doch der Chef lässt seinen Liebling auf dem Hänger und springt selbst hinter dem Lenkrad hervor, um das Gefährt zu befreien. Das Pferd hat Feierabend.

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