Bundesjustizministerin: »Dumpfer Rassismus« – DFB-Ethikkommission beschäftigt sich mit dem Vorfall
Nach Afrika-Äußerungen: Kritik an Unternehmer und Schalke-Boss Tönnies wächst

Gelsenkirchen/Paderborn/Rheda-Wiedenbrück (dpa/WB). Bundesjustizministerin Christine Lambrecht spricht von »dumpfem Rassismus«, die DFB-Ethikkommission und der eigene Verein beraten über Konsequenzen: Die Kritik an Schalkes Aufsichtsratschef Clemens Tönnies nach dessen umstrittenen Aussagen über Afrikaner wächst und der Ton wird dabei schärfer. Kritiker aus Politik und Sport nennen den verbalen Fehltritt des Fleisch-Unternehmers »deplatziert«, »primitiv« oder »rassistisch«. Sogar eine Amtsenthebung erscheint nicht ausgeschlossen. Der Schalker Ehrenrat hätte die Befugnis dazu.

Sonntag, 04.08.2019, 13:33 Uhr aktualisiert: 04.08.2019, 19:22 Uhr
Clemens Tönnies sprach am Donnerstag am Tag des Handwerks in Paderborn. Fotos: Jörn Hannemann Foto:
Clemens Tönnies sprach am Donnerstag am Tag des Handwerks in Paderborn. Fotos: Jörn Hannemann

»Wir müssen ganz klar machen: Wir lassen uns nicht spalten. Rassismus muss man überall laut und deutlich widersprechen: in sozialen Netzwerken, im Verein, im Job und auf dem Fußballplatz«, sagte die SPD-Politikerin Lambrecht der Funke-Mediengruppe. »Wer dumpfen Rassismus verbreitet, stellt sich gegen hunderttausende Fußballfans. Die übergroße Mehrheit steht klar für Menschlichkeit und Toleranz.« Und weiter sagte sie: »Nirgendwo gelingt Integration so gut und so schnell wie im Sport. Das darf man nicht gefährden.«

Ihre Forderung nach einem Eingreifen des DFB wurde noch am Sonntag erfüllt. Der Vorsitzende der DFB-Ethikkommission, Nikolaus Schneider, bestätigte der Deutschen Presse-Agentur, dass die Aussagen bei der nächsten Sitzung am 15. August Thema sein werden. »Die öffentliche Wirkung ist schlimm«, sagte der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das dreiköpfige Gremium kann selbst keine Strafe gegen Tönnies aussprechen, den Vorfall aber zur Anklage bei der DFB-Gerichtsbarkeit bringen. Bereits in der kommenden Woche will der Ehrenrat von Schalke 04 über mögliche Konsequenzen für den Aufsichtsratschef des Fußball-Bundesligisten beraten.

Am Samstag hatte Tönnies schon klare Kritik von DFB-Interimschef und Ligapräsident Reinhard Rauball bekommen. »Ich war sehr überrascht, dass ihm das so passiert ist, und das kann man nicht durchgehen lassen, kommentarlos«, sagte Rauball nach dem Supercup in Dortmund. »Was mich noch mehr als dieser völlig deplatzierte Spruch betroffen gemacht hat, ist, dass dort für diese Sätze auch noch Beifall geklatscht worden ist. Das ist etwas, was man in keinster Weise akzeptieren kann und was auch mit den Werten des Fußballs, so wie er in den Vereinen und wie er beim DFB und bei der DFL gelebt wird, überhaupt nicht in Einklang ist.«

Tönnies hatte beim Tag des Handwerks in Paderborn als Festredner wörtlich erklärt: »Wir investieren zwischen 20 und 27 Milliarden Euro, um 0,0016 Prozent Kohlendioxid bezogen auf den Globus zu verändern. Warum geben wir das Geld nicht unserem Gerd Müller, unserem Entwicklungsminister, und der spendiert jedes Jahr 20 große Kraftwerke nach Afrika? Dann hören die auf, die Bäume zu fällen, hören auf, wenn es dunkel ist – die sind ja dann elektrifiziert – Kinder zu produzieren. Ich bin in Sambia gewesen, da gibt es 14,6 Kinder pro Pärchen. Was machen die, wenn es dunkel ist?« Für diese Aussagen hatte er sich später entschuldigt.

Für die meisten Vertreter aus Politik und Sport sind die Aussagen unentschuldbar. »Es ist beschämend, dass ein Mann in einer solchen Funktion eine solche Aussage trifft«, sagte Ex-Profi Otto Addo der dpa: »Das ist mehr als ein dummer Spruch. Denn was mich noch mehr stört als der Spruch ist das Gedankengut, das dahintersteckt. Und dann rutscht so etwas eben mal raus. Das ist primitiv und zeugt von Unwissen.«

Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, sagte der »Welt am Sonntag«: »Die am folgenden Tag veröffentlichte Klarstellung durch Herrn Tönnies kann den gesellschaftspolitischen Schaden sicher nicht wettmachen.« Während Sylvia Schenk, Leiterin der Arbeitsgruppe Sport bei Transparency International Deutschland, bei Tönnies eine »hoch problematische Geisteshaltung« erkannte, warf Andreas Rettig, scheidender Geschäftsführer des Zweitligisten FC St. Pauli, diesem eine »Gutsherren-Mentalität« vor.

Ex-S04-Profi Hans Sarpei hatte die Aussagen als »rassistische Bemerkungen« bezeichnet und das »Weltbild eines Großwild-Jägers« erkannt, »der ausgestopfte Baby-Elefanten auf seinem Hof als Trophäen präsentiert, auf Arbeitszeitfirmen mit günstigen ausländischen Arbeitskräften setzt und Putin den Hof macht.« Eintracht Frankfurts Präsident Peter Fischer sagte der »Bild«: »Ich bin sprachlos. Dazu fällt mir nix mehr ein.«

In den sozialen Medien drohen erste Fans mit Vereinsaustritt, sollte der seit 2001 amtierende Tönnies Club-Chef bleiben. Mit dem Leitbild des Vereins sind Tönnies’ Aussagen nicht vereinbar. Noch auf der Mitglieder-Versammlung am 30. Juni hatte Finanzvorstand Peter Peters konkret zum Thema Rassismus darauf hingewiesen und erklärt: »Danach leben und danach handeln wir! Alle, die nicht für die königsblauen Werte einstehen, sind keine Schalker!«

Darauf Bezug nehmend twitterte die Schalker Fan-Initiative: »Den Rassismus können wir nicht durchgehen lassen.« Und weiter: »Jemand, der unseren Verein repräsentiert, darf solche Gedanken nicht mal in sich tragen. Der Verein muss jetzt ein Zeichen setzen und Konsequenzen ziehen! Wir stellen uns die Frage, was Peter Peters Worte von der Mitgliederversammlung sonst wert sind.«

Auch der Paderborner CDU-Bundestagsabgeordnete Carsten Linnemann bezog Stellung. Seine Äußerung finden Sie hier.

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