Di., 17.12.2019

Interview mit Clemens Tönnies und Co-Konzernchef Andres Ruff „Wir halten uns an den Friedensvertrag“

Unternehmenslenker Clemens Tönnies (links) und Geschäftsführer Andres Ruff mit Kartons für den chinesischen Markt. Die beiden teilen sich nicht nur die Arbeit an der Spitze von Deutschlands größtem Fleischkonzern, sondern auch die Leidenschaft für den Fußballclub Schalke 04.

Unternehmenslenker Clemens Tönnies (links) und Geschäftsführer Andres Ruff mit Kartons für den chinesischen Markt. Die beiden teilen sich nicht nur die Arbeit an der Spitze von Deutschlands größtem Fleischkonzern, sondern auch die Leidenschaft für den Fußballclub Schalke 04. Foto: Oliver Horst

Von Oliver Horst

Rheda-Wiedenbrück (WB). Ein turbulentes Jahr für Clemens Tönnies und seinen Rheda-Wiedenbrücker Fleischkonzern neigt sich dem Ende. Der Schweinepreis auf Rekordniveau, die afrikanische Schweinepest als Bedrohung, das Auf und Ab in der Branche, der neu entbrannte Streit mit seinem Neffen und die umstrittenen Afrika-Äußerungen. Über all das sowie neue Pläne, Lebensmittelskandale und Nachhaltigkeit sprechen Clemens Tönnies (63) und Co-Konzernchef Andres Ruff (58) im Doppelinterview.

Herr Tönnies, Sie haben ein bewegtes Jahr hinter sich. Die umstrittenen Afrika-Äußerungen, die Pause als Schalke-Boss, ein Auf und Ab in der Branche, der wieder aufgeflammte Streit mit Ihrem Neffen. Wie geht es Ihnen?
Clemens Tönnies: Mir geht’s gut. Es gibt nicht nur negative Sichtweisen, sondern auch positive. Und die überwiegen für mich. Vor allem die Geburt unserer Enkeltochter in diesem Sommer war ein wunderbares Ereignis.
Lassen Sie uns zunächst auf das Geschäftliche schauen. Die Schweinepreise bewegen sich auf dem höchsten Niveau seit 2001. Da muss doch bei Ihnen die Kasse klingeln, oder?
Tönnies: Die Profiteure der Entwicklung sind die Landwirte. Darüber freue ich mich. Sie haben sich das nach vielen schlechten Jahren auch verdient. Die Zahl der Schweineerzeuger ist stark rückläufig, heute gibt es noch 16.000 Betriebe, von denen uns 12.000 beliefern. Wichtig ist, dass eine gesunde Marge verdient wird, die Investitionen ermöglicht. Ein Schweinepreis zwischen 1,70 und 1,90 Euro ist heute gerecht, aktuell liegen wir bei 2,03 Euro.
Auf der anderen Seite klagen Ihre Abnehmer in Deutschland, wie der Versmolder Wursthersteller Reinert, über hohe Preise und einen leergekauften Binnenmarkt. Ist die Kritik berechtigt und die Forderung nach Exportbeschränkungen?
Tönnies: Ein marktwirtschaftliches Land wie unseres sollte sich nicht mit Exportbeschränkungen aufhalten. Unsere Aufgabe ist es als langjähriger Partner, unsere Kunden in Deutschland weiterhin ordentlich zu bedienen. Das habe ich zugesagt, darauf ist Verlass.

„Jeder Boom geht mal vorbei“

Ist es aber nicht so, dass auch Sie viel lieber nach China liefern, weil dort derzeit deutlich mehr zu verdienen ist?
Tönnies: Die Frage stellt sich nicht, weil wir ganz einfach sagen: Jeder Boom geht einmal vorbei. Wir müssen hinterher durch die selben Türen und lassen unsere Kunden und Partner nicht hängen.
Was kommt auf die Verbraucher zu, steigen die Preise?
Tönnies: Die Händler müssen die immensen Rohstoffpreiserhöhungen weitergeben, das ist unumgänglich. Wenn 100 Gramm Aufschnitt statt 1,29 Euro künftig 1,39 kostet, ist das verkraftbar. Zum Teil wird Fleisch und Wurst heute zu billig verkauft.

Bedrohung durch die Schweinepest

Was passiert, wenn die Schweinepest Deutschland erreicht? Brechen dann Exportmärkte weg und der Preis ein?
Tönnies: Die Situation ist etwas komplizierter. Die Dänen etwa exportieren so gut wie gar nicht mehr nach Europa, haben sich voll konzentriert auf China, ebenso die Spanier und Niederländer. Von daher gibt es einen so großen Sog, dass ich nicht damit rechne, dass es einen gravierenden oder überhaupt spürbaren Einbruch der Preise gibt, sollte die Afrikanische Schweinepest hier ausbrechen.   
Andres Ruff: Wir sind dabei, über die Verbände und Politik mit der chinesischen Regierung eine Differenzierung zwischen Haus- und Wildschweinen hinzubekommen für den Fall der Fälle. Oder auch die Regionen in Deutschland einzeln zu betrachten, um generelle Exportverbote zu vermeiden. Die Chinesen haben das verstanden und sehen die Brisanz.
Herr Ruff, welchen Anteil macht China am gesamten Geschäft von Tönnies aus?
Ruff: Wir haben unseren Anteil ausgeweitet, das gesamte Asiengeschäft macht rund zehn Prozent unseres Umsatzes aus. Wir liefern aber im Gegensatz zu vielen Wettbewerbern selten Edelteile nach China, sondern etwa Köpfe, Pfoten, Schwänzchen, Öhrchen, die wir in Deutschland gar nicht verkauft bekommen. Aus Nachhaltigkeitsgründen können wir froh sein, dass es Abnehmer in Asien gibt, um eine volle Verwertung des Tieres zu erreichen.

EU ist wichtigester Exportmarkt

Wo bewegt sich der Exportanteil von Tönnies aktuell?
Tönnies: In diesem Jahr wird die Quote etwas gestiegen sein. Wenn wir jetzt von 50 auf 52 Prozent gehen, dokumentiert das aber auch, dass Deutschland unser wichtigster Markt ist und bleibt. Es wäre ein leichtes, den Export jetzt auf 70 Prozent zu steigern, aber das machen wir nicht. Und die EU ist unser wichtigster Exportmarkt.
Ist die Kritik von Wurstherstellern auch ein Zeichen für die schwierige Branchenlage. Der Konsolidierungsdruck ist riesig, auch Ihre Zur-Mühlen-Gruppe hat mehrere Firmen aufgekauft. Reinert fusioniert jetzt mit Kemper. Wie geht das weiter?
Tönnies: Ich glaube, dass aus der Fusion sehr viele Synergien kommen. Das sind beides sehr tüchtige Unternehmer. Die Firmen zusammenzulegen, macht viel Sinn. Heute gibt es noch knapp 250 Wurstproduzenten. Je nachdem, wie jetzt auch die Preisverhandlungen ausgehen, werden weitere schnell aufgeben. Die Entscheidung, wie es mit der Branche weiter geht, liegt beim Handel.
Sind die schwierige Lage und der Preisdruck auch verantwortlich für mehr Produktrückrufe oder sogar Lebensmittelskandale wie bei Wilke?
Ruff: Ja, ganz eindeutig. Lebensmittelsicherheit gerade bei Fleisch und Wurst hat etwas mit Aufwand zu tun und inwiefern der Unternehmer in der Lage oder bereit dazu ist. Wir bei Tönnies machen im Jahr 800.000 mikrobiologische Untersuchungen. Die Kosten liegen im Schnitt bei 10 bis 15 Euro, das sind also alleine hier gut zehn Millionen Euro, die wir aufwenden, um die Produkte sicher zu machen. Und das zahlt sich aus. Wir haben pro Jahr fast 1000 Audits, unangekündigte Prüfungen im Auftrag unserer Kunden. Wir müssen uns daher immer am oberen Rand der Qualität bewegen und das tun wir auch.

Trend zu vegetarischer Ernährung?

Was ist der Grund für eine steigende Zahl an Produktruckrufen in der Branche?
Tönnies: Die Produkte sind nicht unsicherer geworden, die Sensibilität aber ist heute deutlich höher und das Vorgehen der Behörden anders. Früher sind Produkte bei einem Problem zurückgenommen worden, heute wird das öffentlich gemacht. Ich halte das auch für richtig. Die Verbrauchersicherheit geht über alles.
Die Klima- und Tierwohldebatte kocht weiter hoch. Wird sich aus Ihrer Sicht das Essverhalten der Verbraucher in Deutschland oder weltweit verändern – weg vom Fleisch?
Ruff: Das wird gerne übertrieben. Der deutsche Fleischmarkt stagniert weitgehend, auch weil die Bevölkerung nicht wächst. Fleisch ist nicht nur Teil einer gesunden Ernährung, Fleisch macht auch Spaß.
Tönnies: Dass der Pro-Kopf-Verbrauch leicht sinkt, hat nichts damit zu tun, dass sich der Verbraucher vom Fleisch abwenden würde. Es liegt an der heute breiten Angebotspalette etwa mit einem viel größeren Fischangebot als früher. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät Menschen über 60 wegen einer bestehenden Unterversorgung, 25 Prozent mehr Eiweiß zu essen. Weil es gegen Alzheimer und Arthrose hilft.
Wie steht es dennoch um Fleischersatzprodukte, die inzwischen auch die Lebensmittelläden in der Breite erreichen?
Tönnies: Ich gehe wach durchs Leben. Wenn ich in der Theke im großen Stil heruntergepreiste Artikel kurz vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum sehe, weiß ich, wie der Verkauf läuft. Oder Fleischwurst aus Soja – da haben Sie einen Beipackzettel, da fragen Sie zu Risiken und Nebenwirkungen den Marktleiter. Es wird ein Hype gemacht, das ist aber nicht mehr als eine Nische. Wir produzieren auch einige vegetarische Produkte bei Nölke, die Umsätze aber sind überschaubar.
Ruff: Mich verwundert, dass die Produkte aussehen und heißen sollen wie Fleischprodukte. Ganz klar: Es gibt kein Fleisch aus Pflanzen. Punkt. Wir beobachten den Bereich aber und wenn sich der Markt wirklich entwickeln würde, werden wir auch agieren.

„Die CO2-Diskussion ist berechtigt“

Wie stehen Sie zur Klimadebatte, zur Nachhaltigkeit und was tut Tönnies?
Tönnies: Die CO2-Diskussion ist berechtigt und der stellen wir uns auch. Das in der Öffentlichkeit immer auf die Landwirtschaft und landwirtschaftliche Produkte geschimpft wird, ist unredlich. Wir haben in das Thema investiert und haben in der Branche sicherlicher die beste CO2-Bilanz – mit der Stromerzeugung durch Blockheizkraftwerke, mit Wärmerückgewinnung. Ein weiteres Beispiel: Früher haben wir im großen Stil Trockeneis eingesetzt, das haben wir heute überhaupt nicht. Und wir sind noch nicht am Ende mit unseren Bemühungen.  
  Ruff: Wir arbeiten daran, dass auch kleine landwirtschaftliche Betriebe deutlich nachhaltiger produzieren können. Mit unserer Toniso-Fütterungsempfehlung haben wir den Anteil von Soja um rund die Hälfte reduziert, so dass der Sojaimport schon jetzt um rund 15 Prozent werden konnte und in der Folge der Nitrateintrag. Und wir entwickeln Modellställe für die neuesten Tierwohlanforderungen. Um das Thema voranzubringen, braucht es Turbo-Verfahren bei der Genehmigung.  
Tönnies: Wir haben die Ställe standardisiert und eine Ausschreibung unter Stallherstellern gemacht. Um auch Einkaufsmacht zu haben, sind wir dabei, eine Baugenossenschaft zu gründen. Auch, um klar zu machen, dass es uns nicht darum geht, damit Geld zu verdienen.

Tierwohl-Verbesserungen

Wie steht es um Verbesserungen beim Tierwohl?
Ruff: Wir haben heute schon mehr als 20 Prozent der Tiere, die unter deutlich besseren Tierwohlbedingungen leben als gesetzlich vorgeschrieben. Die Haltungsbedingungen der Tiere haben in der Realität nichts mit dem zu tun, was Bilder von Stalleinbrüchen suggerieren sollen. Das ist unredlich, wenn man sich immer nur auf die Sanitärbucht konzentriert. Bei einem Bestand von 1000 Tieren haben Sie immer ein paar Schweine, die Probleme haben. Sie werden in der Sanitärbucht besonders betreut. Entweder geht es ihnen dann wieder besser und sie kommen zurück in den Bestand oder sie werden getötet. Die Landwirte sind keine Tierschänder und Umweltsünder.
Wie sieht es mit Ihren Investitionsplänen aus?
Tönnies: Wir machen Badbergen gerade zu unserem norddeutschen Rinderstandort, investieren dort rund 85 Millionen Euro und haben noch Erweiterungsmöglichkeiten. Im Mai werden wir dort mit der Zerlegung beginnen und in diesem Zuge diesen Bereich von Rheda dorthin verlagern, so dass wir hier erheblich Platz bekommen. Den nutzen wir hier zur weiteren Verbesserung der Abläufe und zu mehr Automatisierung. Zudem erweitern wir die Verwaltung, um 150 Mitarbeiter in bisher angemieteten Büros am Stammsitz zu konzentrieren.

Pläne für einen Veredelungspark an der A2

Wie viele Mitarbeiter beschäftigen Sie in Rheda?
Ruff: Aktuell circa 6500, die Hälfte davon eigene Mitarbeiter, die anderen sind Werkvertragsarbeiter. Dazu muss man wissen, dass nur noch rund 15 Prozent der Arbeiter Mindestlohn erhalten, die anderen zum Teil deutlich mehr. Mit der Verlagerung der Rinderabteilung gehen rund 350 Mitarbeiter mit nach Badbergen.
Wie steht es um die Pläne für einen Veredelungspark im Gewerbegebiet an der A2?
Tönnies: Wir haben das Schlüsselgrundstück an Amazon verloren, das wir gebraucht hätten, um optimale Abläufe ohne innerbetriebliche Transporte zu realisieren. Wir sind jetzt aber in guten Gesprächen, um wieder ein großes Grundstück zu bekommen, wie wir es brauchen. Die Pläne werden wir weiter verfolgen.

Expansionspläne in China

Im Fokus stehen auch Ihre Expansionspläne in China. Wie weit sind diese gediehen?
Ruff: Wir werden uns weiter internationalisieren, denn die Fleischmärkte weltweit wachsen. Das hat uns auch dazu bewogen, mit einem Partner in China über eine Produktion vor Ort zu verhandeln. Die Absichtserklärung ist unterschrieben, wir sind jetzt in finalen Gesprächen. Ich gehe davon aus, dass wir bis Ende 2020 den ersten Spatenstich für einen Schlachthof für zunächst bis zu zwei Millionen Schweine im Jahr machen. Den Standort können wir dann auf bis zu vier Millionen Tiere ausbauen und uns weiter entwickeln. Der chinesische Markt mit fast 500 Millionen Schweinen im Jahr ist hochinteressant, wir haben damit einen Fuß in der Tür.
Das Gesamtvolumen des Joint Ventures ist mit 500 Millionen Euro beziffert, welcher Teil davon entfällt auf Tönnies?
Ruff: Ein Großteil fließt in die Mastbetriebe für sechs Millionen Tiere. Für Schlachthof, Zerlegung und Veredelung, für was wir zuständig sind, sprechen wir über 150 Millionen Euro in der zukünftigen Ausbaustufe als Gesamtbetrag, also nicht für uns alleine.
Welchen Teil tragen Sie denn alleine – 50 Prozent?
Ruff: Unser Risiko haben wir in Grenzen gehalten. Die Hauptaufgabe schultern unsere chinesischen Partner. Dekon gehört zu einer bärenstarken Gruppe mit 38 Milliarden Euro Umsatz, ein Riesenspieler.

Geschäftsführer im Familienstreit zwischen den Fronten

Ihr Mitgesellschafter und Neffe Robert Tönnies sieht eine Zustimmungspflicht für das Projekt durch den Beirat, weil es über der Grenze von zehn Millionen liegt. Wird darüber beraten?
Tönnies: Wir haben im Beirat noch mal diskutiert und der Beirat hat festgestellt, dass er nicht darüber abstimmen muss. Wir halten uns da in Punkt und Komma an den Einigungsvertrag. Mit dem Vertrag haben wir Frieden bekommen und mein großes Interesse ist, dass dieser Frieden hält.
Danach sieht es derzeit aber nicht aus...
Tönnies: ...aber nicht von meiner Seite.
Ruff: Das Wichtige für das Unternehmen, für das ich spreche, ist, dass wir voll und ganz handlungsfähig sind. Die Regeln in den Verträgen sind so, dass wir agieren und das Richtige fürs Unternehmen tun können. Und wir halten uns da immer an die Regeln. Für den Konzern ist es sehr gut, so einen Vertrag zu haben. Die anderen Dinge müssen die Gesellschafter unter sich ausmachen.
Sie stehen aber zwischen den Fronten. Robert Tönnies, der Sie als Geschäftsführer bestellt hat, will Sie abberufen. Clemens Tönnies hat Sie im Amt gehalten. Wie fühlen Sie sich in dieser Sandwich-Position?
Ruff: Ich bin dem Unternehmen und den Mitarbeitern verpflichtet und ich mache meine Arbeit so, dass es das Richtige ist, um das Unternehmen weiterzuentwickeln. Das ist meine Aufgabe, auch für die Gesellschafter. Und das werde ich weiter tun.
Auch über das Ende Ihres Vertrags hinaus, der im Oktober 2020 ausläuft?
Ruff: Über Vertragsdetails spreche ich nicht. Ich bin hier, ich bin voll aktiv. Das ist entscheidend.
Tönnies: Das Unternehmen lebt von motivierten Mitarbeitern. Ich werde als Gesellschafter nicht zulassen, dass es bei Tönnies zugeht wie im Taubenschlag. Deshalb habe ich der Abberufung auch widersprochen.
Ihr Neffe wirft Ihnen deshalb vor, Sie hätten damit gegen den Friedensvertrag verstoßen und widerrechtlich abgestimmt.
Tönnies: Wir haben im Vertrag eine Präambel. Jeder Gesellschafter hat sich so zu verhalten, dass er zum Wohle des Unternehmens handelt und seine eigenen Interessen damit hintenan zu stellen. Und daran halte ich mich.
Das heißt, im Zweifelsfall sorgen Sie dafür, dass Herr Ruff im Unternehmen bleibt?
Tönnies: Es ist fürs Unternehmen gut, wenn Herr Ruff weiter für uns tätig ist.
Sie haben die Auszahlung ausstehender 20 Millionen Euro für Robert angekündigt, mit denen er seinen Bruder zum Teil ausbezahlen will. Ist das ein vorweihnachtliches Friedensangebot in der Hoffnung, den von Ihrem Neffen eingeleiteten Schiedsprozess mit dem Ziel der Trennung durch einen Verkauf noch abwenden zu können?
Tönnies: Es gibt nicht nur vor Weihnachten Friedensangebote von mir, sondern immer wieder. Ich bin nicht derjenige, der Streit sucht. Wir haben zur Mitte des Jahres gesagt, dass es so viele Unsicherheiten gibt wie die Afrikanische Schweinepest und mögliche Auswirkungen. Deshalb war es eine Bitte der Geschäftsführung an die Gesellschafter, die eigenen Interessen in dieser Phase zum Wohle des Unternehmens und der Mitarbeiter zurückzustellen und zu sagen: Wir werden dann auszahlen, wenn wir können. Robert hat vehement widersprochen und Klage eingereicht, was ich nicht verstanden habe. Wir haben nie gesagt, dass er sein Geld nicht bekommt oder es ihm nicht zusteht.
Und jetzt können Sie zahlen? Gibt es schon einen Termin, wann das Geld fließt?
Tönnies: Bis zum Ende des Jahres werden wir dieser Verpflichtung gerecht.
Gilt das auch für weitere Millionen, die Ihr Neffe für die Jahre 2017 und 2018 einfordert?
Tönnies: Wir werden alles auszahlen, was dem Gesellschafter Robert Tönnies zusteht.
Ruff: Auch als Geschäftsführung sorgen wir dafür, dass die vertraglichen Verpflichtungen eingehalten werden.

“Keine einzige Verfehlung”

Ihr Neffe Robert gibt sich unversöhnlich. Sehen Sie noch eine Chance auf einen neuerlichen Frieden, der länger hält?
Tönnies: Wir sind in einer guten Situation. Wir haben einen fürs Unternehmen sehr guten Einigungsvertrag, an den ich mich halte und ausdrücklich auch mein Sohn als dritter Gesellschafter. Die Entscheidungen, die in eine Patt-Situation hineinlaufen, werden von einem starken Beirat geklärt.
Sehen Sie dem Schiedsprozess, was die Frage der Verfehlungen gegen den Vertrag angeht, also gelassen entgegen?
Ruff: Da muss ich aus Geschäftsführungssicht sagen: Wir halten uns an das, was vertraglich geregelt ist. Und wir haben uns keine einzige Verfehlung anzukreiden. Daher sehen wir uns auch als Geschäftsführung, die ja auch zum Teil angeklagt ist, in einer sehr guten Position.
Was sind denn die Beweggründe von Robert Tönnies?
Tönnies: Diese Frage stellt sich jeder. Auch viele, die ihm früher wohlgesonnen waren. Er will offenbar dokumentieren, das eine Zerrüttung gibt, die ich nicht sehe.
Will Ihr Neffe Kasse machen mit einem Verkauf?
Tönnies: Ja, vielleicht. Ich will das aber gar nicht kommentieren.

Äußerungen zu Afrika haben Debatte angestoßen

Lassen Sie uns noch einmal auf das Thema des Sommers zurückkommen - Ihre umstrittenen Äußerungen zu Afrika. Wie sehr bereuen Sie die Aussagen oder fühlen Sie sich missverstanden?
Tönnies: Ich habe was richtig gut gemeint, habe es schlecht gesagt und es ist noch viel schlechter interpretiert worden. Ich wollte keinen beleidigen, niemandem diskriminierend begegnen. Das bin ich nicht, das war ich nie. Ich freue mich, dass wir uns heute mit dem Thema sachlich auseinandersetzen. Es ging darum, dass wir etwas tun müssen, um dem Bevölkerungswachstum auf der Welt sinnvoll zu begegnen und wir müssen etwas tun gegen Umweltzerstörung. Mehr war das nicht. An der Thematik kommen wir nicht vorbei.
Wie schwer ist Ihnen die dreimonatige Pause als Schalke-Boss und das selbst gewählte Stadionverbot gefallen?
Tönnies: Das können Sie sich doch wohl vorstellen. Es ist überhaupt nicht witzig, wenn Sie sich zuhause das Trikot überziehen, sich vor den Fernseher setzen und die Mannschaft sehen, wo sie sonst immer ganz nah dran sind. Das hat mir richtig weh getan.
Sie hatten seinerzeit mit der Entschuldigung auch angekündigt, das wieder gutmachen zu wollen. Wie steht es um die Wiedergutmachung?
Tönnies: Clemens Tönnies ist nie einer, der rumtönt. Wir arbeiten daran.

„Ich bin nicht unersetzbar“

Zum Abschluss noch eine Frage zu Ihrer persönlichen Zukunft: Zum 60. Geburtstag hatten Sie gesagt, sie kleben nicht an ihrem Stuhl und wollen vielleicht schon mit 65 kürzertreten. Das wäre in anderthalb Jahren. Ist das für Sie in dieser Lage überhaupt vorstellbar?
Tönnies: Ich bin nicht unersetzbar. Man muss abwägen und den richtigen Zeitpunkt finden. Wir sind jetzt dabei, die Nachfolger aufzubauen. Das ist nicht der Nachfolger auf meinem Stuhl, ich habe aber zwei, drei im Auge, bei denen ich sage: Die können das. Ein verantwortungsbewusster Unternehmenslenker hat in sein Pflichtenheft zu schreiben, das Unternehmen auch erfolgreich in die Zukunft zu bringen. Und da bin ich mittendrin. Es heißt ja auch nicht, dass ich dann gar nicht mehr da bin. Es gibt gute junge Leute. Und damit meine ich wirklich jung. Ich kann mir vorstellen, dass das ein 30-Jähriger macht.
Ihr Sohn Maximilian ist jetzt 29...
Tönnies: Max macht in der Zur-Mühlen-Gruppe einen Riesenjob und fühlt sich dort unheimlich wohl. Und meine Frau und ich freuen uns auf diesen nächsten Lebensabschnitt, wenn man einfach mal ohne den Terminkalender sagen kann: Wir bleiben mal drei Tage länger. Es gibt keinen Stichtag für den Wechsel.

Kommentare

Tönnies

Leider sind viele Millionen von fühlenden Lebewesen unmittelbar von Herrn Tönnies und anderer Herren Größenwahn betroffen, und werden noch eine gewisse Zeit den vielfältigen Leiden der Massentierhaltung ausgesetzt sein. Dauerhaft ist das "System Fleisch" weltweit in der jetzigen Form nicht überlebensfähig.

1 Kommentare

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