Di., 24.03.2020

Rheda-Wiedenbrück Staatliche Hilfen ein schweres Geschütz

Rheda-Wiedenbrück (dali) - Über mangelnde Arbeit kann sich Mario Frisch in diesen Tagen nicht beklagen. „Das Telefon steht nicht still“, berichtet der Geschäftsführer der Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungskanzlei Taxnavigator, die in Wiedenbrück am Neuen Werk eine Niederlassung betreibt.

Unzählige Mandanten rufen an, um sich in Zeiten der Corona-Krise über staatliche Hilfen für ihr Unternehmen zu erkundigen. Nach anfänglicher Skepsis, ob die zunächst beschlossenen Maßnahmen der Bundes- und Landesregierung zur Stützung der heimischen Wirtschaft, die allgemein als „Bazooka“ bezeichnet werden, tatsächlich bei den Unternehmern vor Ort ankommen, hat Mario Frisch seine Meinung geändert. Inzwischen habe die Regierung einen umfangreichen Rettungsschirm aufgespannt, der kleine Betriebe genauso stütze wie umsatzstarke Konzerne sowie Freiberufler und Künstler. „Bis Mitte vergangener Woche war das schwere Geschütz noch eine Wasserpistole, jetzt hat es zumindest in NRW den Namen verdient. Die von vielen geäußerten Bedenken scheinen gefruchtet zu haben“, beruhigt der 46-Jährige.

Zehnmal schlimmer als die Finanzkrise

Die aktuelle Krisensituation treffe die kleinen und mittleren Firmen um den Faktor zehn schlimmer als die Finanzmarktkrise in den Jahren 2008 und 2009, schätzt Frisch. Deshalb begrüßt er den Schulterschluss zwischen Politik und Wirtschaft ausdrücklich und hat registriert, dass die finanziellen Hilfen jetzt sehr viel spezifischer auf die einzelnen Branchen zugeschnitten sind. „Es war wirklich beeindruckend, mit welcher Geschwindigkeit die Politiker aller Parteien Hand in Hand mit den Ministerien neue Maßnahmen entwickelt haben, die nun auch kurzfristig helfen“, ergänzt der 46-Jährige.

Ob die Erhöhung der Verbürgungsquote von 80 auf 90 Prozent, die nach Anzahl der Mitarbeiter gestaffelten Soforthilfen oder Steuerstundungen: Die Politik habe viel richtig gemacht. „Direkt zu Liquidität führt, dass die Sondervorauszahlungen für die Umsatzsteuer auf null herabgesetzt werden kann“, erklärt Frisch. Zusätzlich werde bis zum 31. Dezember dieses Jahres nicht mehr zwangsvollstreckt. Trotzdem sollte man es nicht übertreiben, mahnt der Steuerberater. „Weihnachten kommt schneller, als man denkt.“

Kaum eine Firma nicht von Corona betroffen

Einziger Wermutstropfen sei, dass die steuerlichen Maßnahmen nur von Unternehmen angewendet werden dürfen, die von der Coronaepidemie betroffen sind und vorher gesund waren. „Ich kenne allerdings aktuell keine Firma, die nicht organisatorisch oder finanziell von der Coronakrise betroffen ist“, so Frisch.

„Wir bekommen jeden Tag von unseren Mandanten gespiegelt, dass sie fürchten, durch das Raster zu fallen. Die Verunsicherung ist groß“, berichtet Mario Frisch.

Mit seiner anfänglich geäußerten Kritik habe er nicht hinter dem Berg gehalten. Er habe sich sowohl mit dem Bundesabgeordneten Ralph Brinkhaus sowie den Landespolitikern André Kuper und Raphael Tigges ausgetauscht, erläutert der Steuerberater. Auch mit einer Referentin von NRW-Finanzminister Lutz Lienenkämper habe er gesprochen. Dort seien seine Ausführungen wohl nicht auf taube Ohren gestoßen, ist sich Mario Frisch sicher. „Man muss der Politik zugute halten, dass derzeit vieles im Fluss ist“, ergänzt der 46-Jährige. „Die Politiker bessern nach.“

Angst vor Bewilligungsstau

Sorge bereitet dem Wirtschaftsprüfer allerdings, dass viele Anträge von einer zentralen Stelle beispielsweise bei den Arbeitsagenturen bearbeitet würden. „Es könnte alles viel zu lange dauern“, befürchtet Frisch einen Bewilligungsstau bei den Behörden, die in diesen Tagen regelrecht überschwemmt würden mit Anfragen.

Auch bei der Kurzarbeit sehe er noch Verbesserungspotenzial. Dieses Instrument sei zwar sinnvoll, um Unternehmen von den Lohnkosten zu befreien. In der jetzt verabschiedeten Form sei es gerade für Firmen mit vielen Überstunden aufgrund von Fachkräftemangel aber nachteilig. Weil erst Überstunden abgebaut werden müssten, fehlten Arbeitskräfte, und Kurzarbeit sei erst verspätet möglich. Er sieht daher die Gefahr von Liquiditätsproblemen, da die Betriebe trotz fehlender Umsätze bei den Löhnen erst in Vorleistung gehen müssen und die Fixkosten weiterhin laufen.

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