Rheda-Wiedenbrück
Cor-Näherinnen satteln freiwillig um

Rheda-Wiedenbrück (kvs) - Wenn am Samstag um 6.30 Uhr bei Cor die Nähmaschinen eingeschaltet werden und 19 Handwerkerinnen damit beginnen, Stoffe zu verarbeiten, hat das nichts mit einer guten Auftragslage beim Sitzmöbelhersteller zu tun. Vielmehr möchte man Ärzten aus der Patsche helfen.

Samstag, 04.04.2020, 07:58 Uhr aktualisiert: 04.04.2020, 08:31 Uhr
Rheda-Wiedenbrück: Cor-Näherinnen satteln freiwillig um

Unternehmer Leo Lübke ist zuletzt binnen kürzester Zeit mehrfach baff gewesen: Zunächst, als die Leiterin der Lehrwerkstatt, Susanne Schlenke, ihm mitteilte, eine Idee ihrer Schwiegermutter aufgreifen und gemeinsam mit Kolleginnen Gesichtsmasken nähen zu wollen. „Allein das ist schon eine tolle Sache“, meint der Chef. Als ihm dann noch gewahr wurde, in welch großer Stückzahl – es sollen Tausende werden – und wann – nämlich in der Freizeit – diese praktischen Hilfsmittel zum Schutz vor Krankheitserregern entstehen sollten, erfüllte ihn das mit Stolz.

Gesellschaftliches Engagement

„Dieses gesellschaftliche Engagement ist wirklich bemerkenswert“, meint Lübke, der dann auch noch einen Anruf vom in Wiedenbrück niedergelassenen Neurologen Dr. Bernd Daelen erhielt. Der Mediziner hatte unlängst eine Online-Petition gestartet, mit der inzwischen mehr als 1600 Menschen die Politik dazu auffordern, vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie zu handeln und kurzfristig inländische Firmen zu veranlassen, entsprechende Schutzausrüstung zu produzieren (diese Zeitung berichtete). Gleichzeitig streckte der Neurologe selbst seine Fühler aus.

„Die Initiative ging von meinen Näherinnen aus, ich habe es nur zugelassen“, erzählt Leo Lübke am Freitag und lacht. In seinen Händen hält er eine nachtschwarze Gesichtsmaske, ein Prototyp inklusive eingenähtem Cor-Fähnchen. Er wird zwar den ästhetischen Ansprüchen des Unternehmers gerecht, in Sachen Tragekomfort sieht der Chef allerdings noch Luft nach oben. Das Gummiband sitzt zu stramm, verursacht Segelohren, merkt er augenzwinkernd an, nicht wissend, dass sein Team im Hintergrund bereits reagiert und einen Materialwechsel vollzogen hat.

Ehrenamtliches Tun

700 Stück wolle man am Samstag schaffen, kündigt Susanne Schlenke im Gespräch mit Lübke an, der kurz zuvor in der Näherei zwei Kartons mit den ersten 3500 zurechtgeschnittenen, weißen und schwarzen Baumwolltüchern als Basis für das Produkt gesehen hat. Ganz klar: Es wird nicht mit diesem einen Wochenende getan sein, das die 19 Mitarbeiterinnen opfern, um die Ärzteschaft mit Gesichtsmasken zu versorgen.

Fummelige Geschichte

Das Nähen von Gesichtsmasken sei schon eine „sehr fummelige“ Geschichte, meint Cor-Geschäftsführer Leo Lübke: Schließlich werden dort, wo am heutigen Samstag aus feinstem Bettbezugtuch eine Art Gardine für die Atemwege wird, sonst deutlich schwerere Stoffe sowie Leder verarbeitet. Mit filigranen Dingen wie Material zum Gesundheitsschutz beschäftigt sich ein Möbelhersteller eher selten.

Umstrittenes Hilfsmittel

Lübke ist sich durchaus bewusst, dass die handgearbeiteten Masken, wie sie ab heute auch bei Cor genäht werden, umstritten sind. Das Robert-Koch-Institut (RKI) beispielsweise hatte lange Zeit nur Menschen mit einer Atemwegserkrankung geraten, in der Öffentlichkeit einen Mund-Nasen-Schutz (MNS) zu tragen. Am Donnerstag änderten die Experten ihre Einschätzung: Auf den Internetseiten mit den Corona-Empfehlungen des RKI heißt es seither, auch eine einfache Behelfsmaske könne das Risiko verringern, „eine andere Person durch Husten, Niesen oder Sprechen anzustecken“.

Psychologischer Aspekt

Außerdem – und auch diese Einschätzung teilen Lübke und die Näherinnen – dürfte der handgearbeitete Kompromiss einen psychologischen Effekt haben – nämlich das Bewusstsein für dringend angezeigte, zwischenmenschliche Distanz und gesundheitsbewusstes Verhalten zu unterstützen.

Auf die Wortwahl achten

In den meisten Geschäften sind Atemmasken wegen der Coronakrise schon lange ausverkauft, im Internet werden zunehmend höhere Preise aufgerufen und selbst Kliniken geht der Mundschutz aus. Um der Knappheit entgegenzuwirken, veröffentlichen immer mehr Menschen Anleitungen, wie die Schutzmasken selbst hergestellt werden können. Doch wer zur Nähmaschine greift und das Produkt dann verkauft oder auch nur verschenkt, sollte vorsichtig sein: Die Stoffmasken dürfen nicht als Mund- oder Atemschutz angeboten werden. Bezeichnungen mit dem Zusatz „Schutz“ sind allein Medizinprodukten vorbehalten.

Wie auch immer: „Wir sollten jede sich uns bietende Chance nutzen, unsere Gesundheit zu erhalten“, meint Unternehmer Leo Lübke. Die ersten bei Cor in Rheda genähten und wiederverwendbaren Exemplare werden in den nächsten Tagen in Kisten verpackt und dann kostenlos den heimischen Ärzten sowie ihrem Personal zur Verfügung gestellt.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7357081?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198389%2F2730030%2F
Ein Ende und ein Anfang
Rheda-Wiedenbrück: Eine Luftaufnahme der Tönnies Holding. Foto: Guido Kirchner/dpa
Nachrichten-Ticker