Fleischkonzern in Rheda könnte Profifußballer auf Corona testen
Tönnies in Kontakt mit der DFL

Rheda-Wiedenbrück/Leipzig/Frankfurt (WB). Bei dem Versuch, den Profifußball in Deutschland wieder ins Rollen zu bekommen, könnte auch der Fleischkonzern Tönnies in Rheda-Wiedenbrück eine bedeutende Rolle spielen. „Wir verfügen über ein akkreditiertes Labor, in dem täglich Schweineblut in modernen Analyserobotern auf Antikörper untersucht werden. Diese Laborkapazität könnte vorübergehend auch für Massen-Antikörpertests für menschliches Blut eingesetzt werden“, sagte Sprecher Fabian Reinkemeier auf Anfrage des WESTFALEN-BLATTES.

Samstag, 18.04.2020, 05:00 Uhr aktualisiert: 18.04.2020, 08:16 Uhr
Clemens Tönnies (63) vor der Zentrale seines Konzerns: Hier könnte bald das Blut von Fußballern untersucht werden. Foto: Oliver Schwabe
Clemens Tönnies (63) vor der Zentrale seines Konzerns: Hier könnte bald das Blut von Fußballern untersucht werden. Foto: Oliver Schwabe

Zugleich bestätigte er in diesem Zusammenhang einen Kontakt zur Deutschen Fußball Liga (DFL). So habe es „mit der Deutschen Fußball Liga erste Überlegungen zur Nutzung gegeben, ob ein Einsatz sinnvoll wäre“. Bislang würden die Laborkapazitäten bei Tönnies aber noch nicht in Anspruch genommen.

Die so genannten Corona-Schnelltests spielen eine Schlüsselrolle bei der Frage, ob und wann die Bundesliga ihren Betrieb wieder aufnehmen kann. In Gedankenspielen für eine Fortsetzung der Saion in der 1. und 2. Bundesliga gibt es Überlegungen, die Spieler sowie die Trainer- und Funktionsteams alle drei Tage auf eine Corona-Infektion zu testen. So sollen Infektionsfälle schnell entdeckt und isoliert werden, um nicht mehr weite Teile der Mannschaft als Kontaktpersonen in eine 14-tägige Quarantäne schicken zu müssen, was die Pläne für eine geordnete Durchführung und reguläre Beendigung der Saison massiv gefährden würde. Die engmaschige Überwachung des Gesundheitszustands durch die regelmäßigen Tests soll diese Gefahr minimieren. Das würde rund 20.000 Tests bis zum geplanten Saisonabschluss Ende Juni erfordern.

Tönnies-Firmensprecher Reinkemeier erklärte: „Für den Fall, dass ein Kapazitätsengpass in medizinischen Fachlaboren besteht, haben wir angeboten, dass Behörden oder medizinische Fachlabore unsere Kapazitäten nutzen können. Denn bei einer entsprechenden Ausweitung der Arbeitsschichten in unserem Labor könnten hier mehrere Tausend Proben am Tag auf Antikörper untersucht werden. Grundsätzlich steht das Tönnies-Labor in Rheda-Wiedenbrück für weitere Einsätze offen.“

Kritiker hatten gemahnt, der Fußball dürfe nicht Laborkapazitäten für das Gesundheitswesen blockieren. Mit einer Nutzung des privaten Tönnies-Labors könnte dieses Argument entkräftet werden. Knapp bleiben gleichwohl die Testkapazitäten: Die Lieferung der von Deutschlands größtem Fleischkonzern bestellten Test-Kits für menschliche Antikörper-Untersuchungen lasse wegen der großen Nachfrage noch auf sich warten, sagte der Firmensprecher. Konzernlenker und Miteigentümer ist Clemens Tönnies. Der 1956 in Rheda geborene Unternehmer ist zugleich Aufsichtsratsvorsitzender des Bundesligisten FC Schalke 04.

Isolation vor Spielen

Der Leipziger Virologe Uwe G. Liebert sieht derweil umfassende Tests in der Fußball-Bundesliga und auch eine nötige Isolation der Profis und Betreuer vor den Spielen als realistisch an. „Wenn alle in einer Art Glaskasten sitzen und zwar getrennt voneinander, dann wäre das optimal“, sagte der Leiter des Instituts für Virologie der Universität Leipzig in einem Bericht der „Mitteldeutschen Zeitung“ (Freitag). Demnach könne man mit Antikörpertests die Spieler bestimmen, die eine asymptomatische Corona-Infektion hinter sich haben und immun sind. Ein Test koste etwa 130 Euro. Testet man nur vor Partien, würde das die Klubs jeweils knapp 4000 Euro pro Spieltag kosten.

Die nötigen Labor-Kapazitäten wären vorhanden, glaubt auch Kai Gutensohn, Chef Nord der Amedes-Gruppe, die täglich an die 1000 Corona-Tests durchführt. „In Deutschland werden derzeit circa 110.000 Tests pro Tag durchgeführt. Ich würde – vom Moment ausgehend – sagen: Ja, wir können das leisten. Insbesondere an den Wochenenden, weil dann die Zusendungen aus dem ambulanten Bereich niedriger liegen“, betonte Gutensohn.

Virologe Liebert sagt über eine mögliche Saisonfortsetzung in der 1. und 2. Liga: „Es ist auf jeden Fall machbar.“ Jedoch würde er „im Moment dem Fußball raten: Überlegt euch das gut. Könnt ihr nicht noch ein paar Wochen warten? Dann hätten wir hoffentlich den Gipfel der Infektion überstanden.“

Kritik aus der Politik

Kritik kommt hingegen aus der Politik: „Wir müssen verhindern, dass wir mit vorschnellen Entscheidungen für den Fußball neue Infektionswellen schaffen“, sagte Monika Lazar, sportpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag. Sie betonte, dass es eine „Sonderbehandlung der Branche Profifußball“ nicht geben dürfe.

Nach einem Bericht des „Spiegel“ haben Coronavirus-Schnelltests beim Bundesligisten Eintracht Frankfurt allerdings keine befriedigenden Ergebnisse darüber gebracht, wie immun Menschen gegen den Covid-19-Erreger sind. Wie das Nachrichtenmagazin berichtete, sind in Zusammenarbeit mit der Universitätsklinik Frankfurt bei einem Pilotprojekt 30 Teammitglieder des Klubs mit zwei gängigen Antikörpertests untersucht worden. In sieben Fällen – und damit knapp bei einem Viertel der Proben – wichen die Ergebnisse voneinander ab.

„Auch wenn unsere Untersuchung nicht repräsentativ ist, mahnt sie doch zur Vorsicht, sich nicht allein auf diese Schnelltests zu verlassen“, sagte Eintracht-Mannschaftsarzt Florian Pfab. Bei der Eintracht hatten sich zwei Spieler und zwei Betreuer mit dem Covid-19-Erreger infiziert.

„Valide Antikörpertests bieten grundsätzlich ein enormes Potenzial – auch für den Fußball“, sagte Pfab, „aber wir brauchen hier noch mehr Sicherheit und einheitliche Standards, damit die Ergebnisse auch wirklich für alle Orientierung stiften.“

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