Erste Corona-Tests ohne positiven Befund – Schutzkonzept erweitert
Tönnies wehrt sich gegen Kritik

Rheda-Wiedenbrück (WB). Erleichterung über die ersten fast 800 Corona-Tests ohne Befund – Anspannung wegen der neu entbrannten Kritik an den Arbeits- und Lebensbedingungen in der Branche: Bei Deutschlands größtem Fleischkonzern Tönnies mit Sitz in Rheda-Wiedenbrück schwankt die Gemütslage. Firmenchef Clemens Tönnies wies gestern mit Blick auf pauschale Vorwürfe von Missständen und der Ankündigung strengerer Vorschriften aus den Spitzen der Bundes- und Landesregierung erneut den „Generalverdacht“ zurück. Zugleich bot er einen Dialog an.

Donnerstag, 14.05.2020, 04:52 Uhr aktualisiert: 14.05.2020, 05:01 Uhr
Der Tönnies-Stammsitz in Rheda-Wiedenbrück. Foto: dpa
Der Tönnies-Stammsitz in Rheda-Wiedenbrück. Foto: dpa

Der Marktführer der Branche sieht sich bei Standards und Schutzmaßnahmen in einer Vorreiterrolle – auch in der Corona-Krise. Und er sieht sich durch die Zwischenergebnisse des seit Montag am Hauptsitz laufenden Massentests bestätigt. Dass keiner der ersten 784 Laborbefunde eine ­Corona-Infektion bei Tönnies-Beschäftigten nachgewiesen hat, sei vor allem den schon Ende Februar eingeleiteten Vorsichtsmaßnahmen zu verdanken. Bis Ende der Woche sollen auf Veranlassung des NRW-Gesundheitsministeriums mehr als 7000 Tönnies-Mitarbeiter und ausländische Werkvertragler getestet werden. Alleine für die reinen Testkosten dürfte das Land rund eine Viertelmillion Euro zahlen.

Aktionsplan mit 14 Punkten

Weil in der ersten Testrunde Personen aus allen Betriebsbereichen vertreten waren, ist Dr. Gereon Schulze Althoff, Leiter des Pandemie-Krisenstabs bei Tönnies, zuversichtlich, dass die weiteren Ergebnisse kaum negative Überraschungen – sprich viele positive Corona-Befunde – bringen werden. Damit dies auch künftig so bleibt, erweitert der Konzern sein Hygienekonzept um einen Aktionsplan mit 14 Punkten.

Ziel sei es, die Ansteckung und Verbreitung des Virus zu verhindern und einzudämmen. „Wir setzen damit unsere Strategie zur Risiko-Minimierung seit Beginn der Pandemie im Februar fort und schaffen verbindliche Vorgaben in den Bereichen Wohnen, Transport und Arbeit“, erklärt Schulze Althoff.

Wohnraum für 100 Quarantänefalle

Kernelement des Konzepts ist der Aufbau eines eigenen Zentrums für Corona-Labortests. Dort soll – aufbauend auf der jetzt durchgeführten behördlichen Testreihe – in den kommenden Wochen und Monaten die Testung durch den Konzern selbst fortgesetzt werden. Dies gelte insbesondere für Mitarbeiter mit auffälligen Werten bei der täglichen Fiebermessung, Arbeitern aus Unterkünften mit mehr als zehn Personen sowie Beschäftigten, die mehr als vier Tage nicht im Betrieb waren. Geplant sei auch ein wöchentliches, stichprobenartiges Antikörperscreening zur Ermittlung einer potentiellen Dunkelziffer an Corona-Infektionsfällen.

Bei der gemeinsamen Fahrt zur Arbeit sollen sich maximal fünf Personen in einem Fahrzeug befinden. Dort gelte dann auch Mundschutzpflicht. Darüber hinaus bleibe neuen Mitarbeitern bis zum Vorliegen eines negativen Befunds der Zutritt verwehrt. Zudem hält der Konzern für Corona-Fälle in seiner Belegschaft alleine am Stammsitz Wohnraum für 100 Quarantänefalle bereit.

Die Belegung von Unterkünften der Arbeiter soll auf auf maximal zehn Personen begrenzt werden. Auch solle die Wohnraumberatung intensiviert werden. Derzeit gebe es allein in Rheda rund 250 Gemeinschaftsunterkünfte – in der Regel von fünf bis sieben Arbeitern als Wohngemeinschaft genutzte Drei- oder Vierzimmerwohnungen. „Das Ordnungsamt der Stadt überprüft die Unterkünfte“, betont Pressesprecher André Vielstädte. Dies sei eine von mehreren Vereinbarungen, die Tönnies im Rahmen eines Runden Tisches mit Stadt und Institutionen vor Ort getroffen habe.

Schutz gegen Pauschalkritik

Konzernchef Clemens Tönnies verwahrt sich auch mit Verweis auf große Anstrengungen und Investitionen für bestmöglichen Schutz gegen Pauschalkritik. „Ich habe großes Verständnis für Gesundheitsminister Laumann. Er steht gerade sehr unter Druck und trägt die Verantwortung“, sagt Tönnies: „Dass er sich jetzt aber wieder die Fleischbranche herausgreift, könnte sich noch zur Manie entwickeln. Wir haben ihn immer wieder zu einem Besuch eingeladen, damit er sieht, dass die Kritik nicht zu verallgemeinern ist. Bislang ist er nicht gekommen.“

Der Konzern setzt aber weiter auf einen „konstruktiven Dialog. Wir bringen dabei gerne unsere Erfahrungen ein“. Statt zu kritisieren solle die Politik klare Vorgaben machen. „Wir halten uns an Recht und Gesetz“, betont Konzernsprecher Vielstädte.

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