Betrieb eingestellt - Kreis Gütersloh schließt Schulen und Kitas – Landrat will generellen Lockdown verhindern
657 positive Corona-Tests bei Tönnies

Rheda-Wiedenbrück (WB/dpa). Beim Fleischkonzern Tönnies in Rheda-Wiedenbrück sind 657 Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet worden (Stand: Mittwoch, 18 Uhr). Neben osteuropäischen Werkvertragsarbeitern seien auch Stammbeschäftigte betroffen. Der Schlachtbetrieb am Stammsitz wurde gestoppt. Alle 7000 dort Beschäftigten werden zunächst unter Quarantäne gestellt. Um eine weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern, schließt der Kreis Gütersloh alle Schulen und Kindertagesstätten bis zu den Sommerferien. Einen generellen Lockdown will Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) aber vermeiden.

Mittwoch, 17.06.2020, 11:08 Uhr aktualisiert: 18.06.2020, 08:50 Uhr
Symbolbild. Foto: dpa
Symbolbild. Foto: dpa

Die Schlachtungen seien bereits am Mittwochmittag eingestellt worden, nun würden weitere Bereiche nach und nach heruntergefahren, teilte das Unternehmen mit. Wie lange der Produktionsbereich geschlossen bleibe, müssten die Behörden nach Lage entscheiden. Landrat Adenauer rechnet mit insgesamt 10 bis 14 Tagen.

Die Entscheidung zur Schließung der Schulen und Kindertagesstätten im Kreis begründete er damit, „kein unnötiges Risiko eingehen“ zu wollen. In vergleichbaren Fällen habe sich dieses Vorgehen als probates Mittel zur Eindämmung der Ausbreitung erwiesen. Es soll eine erweiterte Notbetreuung geben. Der Kreis Gütersloh und Deutschlands größter Fleischkonzern informierten am Mittwochnachmittag in einer gemeinsamen Pressekonferenz über die Situation.

Das Tönnieswerk in Rheda-Wiedenbrück

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  • Schlachtung bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück. Das Bild stammt aus dem Jahr 2014.

    Foto: Wolfgang Wotke
  • Schweineschlachtung bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück. Das Bild stammt aus dem Jahr 2014.

    Foto: Wolfgang Wotke
  • Außenansicht des Firmengeländes vom Fleischwerk Tönnies in Rheda-Wiedenbrück.

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  • Im Mai hatte Tönnies die Mitarbeiter des Fleischwerks in Rheda-Wiedenrbück mit Hinweistafeln auf die Hygienemaßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus hingewiesen.

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  • Im Mai hatte das Unternehmen eigene Untersuchungszentren für Corona-Tests eingerichtet.

    Foto: Tönnies
  • Im Mai hatte das Unternehmen eigene Untersuchungszentren für Corona-Tests eingerichtet.

    Foto: Tönnies
  • Außenansicht des Fleischwerk Tönnies in Rheda-Wiedenbrück

    Foto: dpa
  • Tönnies Verwaltungsgebäude in Rheda-Wiedenbrück

    Foto: Oliver Schwabe
  • Tönnies Verwaltungsgebäude in Rheda-Wiedenbrück

    Foto: Oliver Schwabe

Nachdem bis Dienstag bereits 128 Tönnies-Beschäftigte binnen weniger Tage positiv auf das Coronavirus getestet worden waren, hatte der Kreis einen Test für rund 1000 Mitarbeiter der besonders betroffenen Abteilung in der Zerlegung sowie Mitarbeitern in der Kantine angeordnet. Erste Ergebnisse am Mittwochmorgen bestätigten die Befürchtung eines großen Ausbruchs in einem Bereich der Schweinezerlegung. Bei rund 600 bis Mittwochmittag ausgewerteten Tests waren 415 positive Befunde gefunden worden. Bis zum Mittwochabend erhöhte sich diese Zahl bei 983 ausgewerteten Tests auf 657 positive Ergebnisse.

Grenzwert für verschärfte Maßnahmen um Vielfaches überschritten

Mit den positiven Corona-Tests der vergangenen Tage hat der Kreis den von Bund und Ländern für verschärfte Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Pandemie vereinbarten Grenzwert von 50 Neuinfektionen binnen einer Woche pro 100.000 Einwohner deutlich überschritten. Auf die 364.000 Bürger des Kreises umgerechnet, liegt diese Marke bei 182 Fällen innerhalb einer Woche. Durch den Ausbruch drohen weitere generelle Einschränkungen bei den Lockerungen für die Allgemeinheit. Dies könnte neben Schulen vor allem auch den Handel, die Gastronomie sowie Sport- und Freizeitaktivitäten betreffen.

Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) will einen solchen generellen Lockdown verhindern, auch weil der Infektionsherd klar auf den Fleischkonzern und dessen Belegschaft zurückgehe und nicht auf die restliche Bevölkerung. Von 134 aktiven Corona-Fällen am Montag waren 120 auf Tönnies-Beschäftigte und deren Umfeld zurückzuführen und nur 14 auf andere Bürger.

Mitgesellschafter fordert Geschäftsleitung zu Rücktritt auf

Robert Tönnies, mit seinem Onkel Clemens Tönnies zerstrittener 50-Prozent-Mitgesellschafter, äußert sich „schockiert über die hohe Zahl“ von Corona-Fällen im Konzern. Er bedauere, dass die 2017 vereinbarte Abschaffung der Werkverträge noch nicht erfolgt sei. Daraus resultierende „unzumutbare Wohnverhältnisse“ seien mit hohem Ansteckungsrisiko und wenig Schutzmöglichkeiten verbunden.

Das Unternehmen stehe vor einem „Scherbenhaufen“. Der Konzern erleide unkalkulierbare Einbußen durch die Schließung sowie einen massiven Reputationsschaden. Robert Tönnies fordert die Geschäftsleitung sowie einige Beiratsmitglieder wegen „unverantwortlichen Handelns und der Gefährdung des Unternehmens“ zum Rücktritt auf.

...

Am Dienstagabend hatte sich Adenauer während einer CDU-Wahlveranstaltung in Steinhagen zur Entwicklung bei Tönnies geäußert. Der Landrat führte dabei die Häufung der Fälle auf die Öffnung der innereuropäischen Grenzen zurück. Die Hälfte der fast 7000 Tönnies-Beschäftigten in Rheda-Wiedenbrück sind zumeist osteuropäische Werkvertragsarbeit. Viele von ihnen seien offenbar sofort nach den Lockerungen zu ihren Familien nach Hause gefahren und einige mit dem Virus zurückgekommen.  Tönnies hatte mit präventiven Tests gerade auch bei Reiserückkehrern eine Eintragung des Virus in den Betrieb verhindern wollen. Dies ist aber nun offenbar fehlgeschlagen.

Konsequenzen für Schweinemäster und die Fleischversorgung

Adenauer sprach von einer „ganz schwierigen Situation“. Am Dienstagabend nannte er auch die Kosequenzen einer Werksschließung: Zum einen würden sich bei den Schweinemästern die Tiere stauen und drohten wirtschaftliche Einbußen. Zum anderen steht der Tönnies-Konzern insgesamt für 20 Prozent der Lebensmittel hierzulande, die mit Fleisch zu tun haben. Wie hoch der Ausfall durch die Schließung des Stammsitzes ist, bezifferte das Unternehmen nicht. An anderen Schlachtbetrieben will der Konzern seine Produktion möglichst ausweiten, um die Schließung teilweise zu kompensieren. Tönnies schlachtet in Rheda üblicherweise rund 20.000 bis 25.000 Schweine pro Tag. Die maximale Schlachtkapazität des Standortes liegt bei 30.000 Tieren.

Nach Informationen des WESTFALEN-BLATTES hat die Situation bei Tönnies bereits am Dienstagmorgen Auswirkungen auf Schweinetransporte gehabt. Demnach sollen nicht mehr alle geplanten Lieferungen in Rheda-Wiedenbrück angenommen worden sein. Auch am zweiten großen Tönnies-Schweineschlachthof in Weißenfels (Sachsen-Anhalt) sollen Händler und Schweinebauern nicht mehr so viele Tiere wie im Vorfeld vorgesehen abliefern können – womöglich weil Tierlieferungen von Rheda nach Weißenfels umgeleitet werden. Ein Konzernsprecher wollte sich dazu am Mittwochmittag nicht äußern.

Bundeskanzlerin lobt Reaktion des Kreises

Bundeskanzlerin Angela Merkel lobte am Mittwochabend das Vorgehen im Kreis Gütersloh. Sie begrüße, wenn „ein solches gehäuftes Infektionsgeschehen auftritt, dass dann auch sofort Maßnahmen ergriffen werden und zum Beispiel die Schulen geschlossen werden”.

Kommentare

Frank Schinkel  schrieb: 17.06.2020 14:23
Grenzöffnung
Das war ja ab zu sehen das der Schuss mit den Grenzöffnungen nach hinten los geht genau so wird es auch mit den Urlaubern sein es gibt noch kein 100 Prozentigen Schutz und zu Sicherheit sollte für den Landkreis der lokdown gemacht werden und nicht wieder nach Ausreden suchen lg frank schinkel
Manfred mück  schrieb: 17.06.2020 14:10
war zu erwarten
Ich hatte gedacht dass die Menschen erkannt hätten dass uns nur vernünftiges handeln aus der Pandemie hilft und bis es eine Impfung gibt es nie vorbei sein wird. Ich lebe in Spanien und die Restriktionen waren und sind es teils immer noch viel stärker als in D. Der größte Teil der Spanier haben das akzeptiert. Alle Achtung!!!!
Hermann  schrieb: 17.06.2020 13:38
"[...] auch weil der Infektionsherd klar auf den Fleischkonzern und dessen Belegschaft zurückgehe und nicht auf die restliche Bevölkerung. "
Das jedenfalls soll also bereits in der Kürze der Zeit klar sein..?
Wer wird nun überhaupt noch getestet, wer drängt noch darauf, wer besucht überhaupt noch seinen Hausarzt mit (geringen) Symptomen? Bald ist Urlaub, wer möchte da gern in Quarantäne sein?

Die Dunkelziffer dürfte, mögen sich die absoluten Zahlen auch möglicherweise durch Witterungseinflüsse pp. verbssert haben, aktuell hoch sein.

Das Virus sprang, nach bisherigen Erkenntnissen auf einem chinesischen Fleischmarkt vom Tier auf den Menschen über.
Gerade in den Fleischkonzernen u. a. wird nun hierzulande großflächig getestet. Gerade dort treten aus verschiedenen Gründen viele Infektionen auf.
Hiesige konventionelle Fleischkonzerne versuchen unaufhaltsam den stetig steigenden "Bedarf" des nimmersatten mündigen Fleischkonsumenten zu befriedigen.

Ein Teufelskreis also! Eine Ironie des Schicksals?
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