Proteste und Vorwürfe nach Corona-Ausbruch – Politikerin stellt Strafanzeige
Bundeswehr unterstützt Massentests bei Tönnies

Rheda-Wiedenbrück (WB). Der Corona-Massenausbruch beim Fleischkonzern Tönnies in Rheda-Wiedenbrück mit inzwischen 730 bestätigten Infektionsfällen (Mittwoch: 657) bei 1106 Tests zieht Kreise: Eltern protestieren wegen der vom Kreis Gütersloh verfügten Schließung aller Schulen und Kitas. Es gibt neue Forderungen zur schnellen Abschaffung des viel kritisierten Systems der Werkvertragsarbeiter. Und der Streit innerhalb der Inhaberfamilie Tönnies flammt neu auf.

Donnerstag, 18.06.2020, 16:32 Uhr aktualisiert: 19.06.2020, 10:34 Uhr
Die ersten Bundeswehrsoldaten treffen am Freitagmorgen am Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück ein. Foto: Christian Müller
Die ersten Bundeswehrsoldaten treffen am Freitagmorgen am Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück ein. Foto: Christian Müller

Am Donnerstag hat die Reihenuntersuchung der noch nicht getesteten, aber vorsorglich unter Quarantäne gestellten etwa 5900 Beschäftigten am Tönnies-Stammsitz begonnen. Der Kreis Gütersloh hat dafür Unterstützung der Bundeswehr angefordert, da die Helfer des Deutschen Roten Kreuzes, der Malteser und des kreiseigenen Rettungsdienstes an ihre Grenzen stoßen.

Das Deutsche Rote Kreuz, der Malteser Hilfsdienst und der Rettungsdienst des Kreises Gütersloh hatten sowohl die Reihentests Mitte Mai, bei der sämtliche Produktionsmitarbeiter getestet worden sind, als auch die am 16. Juni und heute durchgeführten Testungen in der Zerlegung auf dem Werksgelände der Firma Tönnies durchgeführt.

Sanitätssoldaten werden nach Auskunft des Landeskommandos NRW von Freitag an die Reihentests durchführen, Angehörige der Panzerbrigade 21 aus Augustdorf werden die Dokumentation unterstützen. Täglich sollen bei rund 1500 Mitarbeitern Abstriche genommen werden. Die Unterstützung der Testreihe solle demnach am Dienstag, 23. Juni, abgeschlossen sein, hieß es von der Bundeswehr. Am Donnerstag waren nach Auskunft des Kreises Gütersloh 600 Beschäftigte getestet worden (Stand: 18.30 Uhr).

Wegen der Vielzahl an Corona-Fällen kommt es indes zu weiteren Einschränkungen in der Region. Die Krankenhäuser im Kreis Gütersloh und auch das Städtische Klinikum Bielefeld verhängten wieder Besuchsverbote. Zudem wies die Stadt Bielefeld Schulen und Kitas an, Kinder von Tönnies-Mitarbeitern nach Hause zu schicken.

Kreis Gütersloh richtet Hotline ein

Rumänen und Polen können sich von Freitag, 19. Juni, an mit ihren Fragen rund um das Coronavirus an eine muttersprachliche Corona-Hotline des Kreises Gütersloh richten. Die Hotline ist für Menschen der Muttersprache Rumänisch unter Telefon 05241/85-4513 montags, mittwochs und freitags jeweils von 9 bis 12 Uhr sowie dienstags und donnerstags jeweils von 15 bis 18 Uhr erreichbar.

Die Hotline für Menschen der Muttersprache Polnisch ist unter Telefon 05241/85-4573 montags, mittwochs und freitags jeweils von 15 bis 18 Uhr sowie dienstags und donnerstags jeweils von 9 bis 12 Uhr erreichbar.

Unterstützt wird die Telefonhotline von den Sprachlotsen des Kommunalen Integrationszentrum des Kreises Gütersloh in Zusammenarbeit mit den hiesigen Beratungsstellen wie dem Caritasverband, der Willkommensagentur und der AWO, die beratend den Südosteuropäern im Kreis Gütersloh zur Verfügung stehen. Falls erforderlich, werden zu einem späteren Zeitpunkt weitere Sprachen, wie beispielsweise Bulgarisch, angeboten, informiert der Kreis Gütersloh.

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Letzte Zerlegungen werden noch bis zum Wochenende abgearbeitet

Am Tönnies-Stammsitz wird derweil das bis Mittwochmittag geschlachtete Fleisch weiterverarbeitet. „Die noch im Betrieb befindliche Ware wird bis zum Wochenende versandfertig gemacht, damit diese nicht verdirbt“, ehe der Betrieb dann auf Anordnung des Kreises bis auf Weiteres ruhe, sagte Konzernsprecher André Vielstädte.

Die Zahl der Mitarbeiter und die Produktionsgeschwindigkeit seien deutlich reduziert worden, um die Abstände zwischen den Menschen zu vergrößern. Die eingesetzten Arbeiter stünden unter Arbeitsquarantäne – sie dürfen sich nur in ihrer Wohnung und am Arbeitsplatz aufhalten. Davon ausgenommen seien die Mitarbeiter der Verwaltung und Lkw-Fahrer ohne Kontakt zum Produktionspersonal.

Um den Gesundheitsschutz weiter zu erhöhen und die örtlichen Praxen zu entlasten, wurde eine mobile Arztpraxis auf dem Gelände eröffnet. Dort können sich Mitarbeiter vor Ort untersuchen lassen. Eine zweite Corona-Praxis wird im Klinikum Gütersloh eingerichtet.

Robert Tönnies kritisiert seinen Onkel und Konzernchef Clemens Tönnies

Derweil fordert 50-Prozent-Mitgesellschafter Robert Tönnies den Rücktritt der Firmenspitze um seinen Onkel und Konzernchef Clemens Tönnies. Der Neffe beklagt „unverantwortliches Handeln und die Gefährdung des Unternehmens“. Bis heute sei trotz mehrerer Vorstöße seinerseits die 2017 vereinbarte Abschaffung der Werkverträge nicht erfolgt. Selbst nach der Entscheidung des Bundeskabinetts Mitte Mai zur Abschaffung der Werkverträge in der Fleischbranche zum Jahreswechsel habe es kein Umdenken gegeben, sondern seien Auswege gesucht worden.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) will nach Angaben seines Ministeriums „in Kürze“ den geplanten Gesetzentwurf für verschärfte Regeln vorlegen. Der Fall Tönnies zeige „den dringenden Handlungsbedarf“. Im Sommer wolle er ein Gesetz vorlegen, das eine digitale Erfassung der Arbeitszeit in der Fleischindustrie vorschreibt. Zudem solle es an „ein Grundübel“ gehen, indem Werkverträge in der Branche untersagt werden. Damit solle die Verantwortung für gute Bedingungen bei der Arbeit, aber auch in Unterkünften und Transporten klar werden.

Heil nannte die Nachrichten aus Rheda-Wiedenbrück „schockierend“. Dort sei zu erleben, was passiere, „wenn mit Arbeitnehmern aus Mittel- und Osteuropa bei uns nicht fair umgegangen wird“. Dies habe zudem Gesundheitsrisiken und wirtschaftlichen Schaden in einem ganzen Landkreis zur Folge.

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) fordert eine Generalunternehmerhaftung für die Lebensverhältnisse von Werkvertragsarbeitern für den Auftraggeber.

Die Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen im Bundestag, Britta Haßelmann aus Bielefeld, hat wegen der Corona-Fälle bei Tönnies derweil Strafanzeige wegen möglicher Körperverletzung gestellt. Die Staatsanwaltschaft Bielefeld müsse etwaige Verstöße des Arbeitgebers prüfen.

Kommentare

Driese, Werner  schrieb: 18.06.2020 22:07
Corona bei Tönnies
In diesem Fall gibt es nur eine Konsequenz:
Tönnies muss die gesamten Kosten für den Aufwand tragen. Der Betrieb darf erst wieder öffnen, wenn alle gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden. So wie jeder Bürger verpflichtet ist und sofort mit Bußgeld bestraft wird bei Nichteinhaltung.
1 Kommentare
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