Eltern und Kinder protestieren – Politik, Gewerkschaft und Experten kritisieren Konzern
Krisenstimmung wegen Tönnies

Rheda-Wiedenbrück (WB). Der kunterbunte Protest dürfte auch für Konzernchef Clemens Tönnies kaum zu übersehen sein. Nachdem der Kreis Gütersloh wegen des Corona-Massenausbruchs in seinem Rheda-Wiedenbrücker Schlachthof alle Schulen und Kitas geschlossen hat, bringen am Donnerstag 50 Eltern und Kinder auf der Straße vor dem Privatanwesen des Fleischfabrikanten ihren Unmut zum Ausdruck – mit aufgemalten Regenbögen. Einem Zeichen der Hoffnung zur Hochzeit der Corona-Krise hierzulande.

Freitag, 19.06.2020, 03:25 Uhr aktualisiert: 19.06.2020, 15:34 Uhr
Am Tönnies-Stammsitz laufen bis zum Wochenende noch Restarbeiten – dann soll der Betrieb bis auf Weiteres ruhen. Foto: dpa
Am Tönnies-Stammsitz laufen bis zum Wochenende noch Restarbeiten – dann soll der Betrieb bis auf Weiteres ruhen. Foto: dpa

Jetzt ist die Krise wieder zurück – zumindest im Kreis Gütersloh. Wegen der massenhaften Ansteckung von Mitarbeitern des Tönnies-Konzerns. Bis Donnerstagabend sind 730 von 1106 Tests am Stammsitz des größten deutschen Fleischkonzerns positiv ausgefallen. Das hat Auswirkungen auf viele – und die Rufe nach Konsequenzen werden immer lauter. Am Donnerstag sind die Massentests der Tönnies-Beschäftigten gestartet.

Eltern sind sauer

Groß ist der Ärger vor allem bei Eltern, die wegen der Schul- und Kitaschließungen die Betreuung ihrer Kinder organisieren und ­ihnen erklären müssen, warum nach nur wenigen Tagen Normalität nun wieder Ausnahmezustand herrscht. Kritik gibt es in diesem Zusammenhang nicht nur am Konzern als Auslöser, sondern auch an der Entscheidung des Kreises. Per Mail, Telefon oder über die sozialen Medien habe die Kritik den Kreis Gütersloh erreicht, heißt es in einer Mitteilung.

Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) hat Verständnis für den Ärger. „Das ist Mist“, sagt er. Aber die Entscheidung, Schulen und Kitas dicht zu machen, habe sich in vergleichbaren Fällen als „probates Mittel erwiesen, die Ausbreitung einzudämmen“. Und: Mit diesem Schritt solle verhindert werden, dass sich das Coronavirus unter den Schülern und Kita-Kindern über die Familien bis in die allgemeine Bevölkerung im Kreis ausbreite.

Auswirkungen in angrenzenden Regionen Kreisen

In der kreisfreien Stadt Hamm wurden drei Schulklassen in Quarantäne geschickt, weil unter den Schülern drei positiv auf Corona getestete Kinder von Tönnies-Mitarbeitern seien. Das teilte Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann am Freitag in Hamm mit. Betroffen von der Quarantäne sind laut Mitteilung eine Grund-, eine Real- und eine Hauptschule. Wie viele Tönnies-Mitarbeiter mit ihren Familien genau in Hamm wohnen, sei offen – die Stadt vermutet 50 bis 100.

Bereits am Mittwoch hatte die Stadt Oelde im Kreis Warendorf Schulen und Kitas vorsorglich geschlossen. Am Montag soll der Betrieb wieder aufgenommen werden. Laut Mitteilung der Stadt liegen jetzt Informationen zu rund 40 Tönnies-Mitarbeitern vor, die in Oelde wohnen. Die Kinder dieser Familien sollen vom Schul- und Kitabesuch ab Montag befreit werden.

...

Dass dies nun auch alle Schulen im weitgehend coronafreien Norden des Kreises trifft, sei in dieser Situation nicht zu verhindern. Die Klärung, wo Kinder von Tönnies-Mitarbeitern in die Schule oder den Kindergarten gehen, sei in der Kürze der Zeit nicht möglich. Eine erweiterte Notbetreuung werde aber angeboten. Die Schließung sei auch mit Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann abgestimmt, so der Kreis Gütersloh.

Der Krisenstab habe am Donnerstag auch über eine Ferienbetreuung im Rahmen des offenen Ganztags an den Schulen beraten. „Eine Entscheidung dazu wird am kommenden Montag, 22. Juni, bekannt gegeben.“

Darüber hinaus sei die „Bürger- und Medienarbeit“ im Krisenstab bemüht, alle E-Mails von Bürgern „möglichst umfänglich zu beantworten“. Aufgrund des großen Aufkommens liege man damit aber deutlich zurück.

Zeugnisvergabe für Abschlussklassen

Derweil erlaubt die Kreisverwaltung die Übergabe von Abschlusszeugnissen unter Einhaltung der Corona-Schutzregeln. Viele Schulen hatten dafür extra Konzepte ausgearbeitet. Allen anderen Schülern sollen die Zeugnisse per Post geschickt werden.

Wenn die Lage bei Tönnies im Griff ist, könnten Kitas in den Schulferien wieder öffnen, heißt es. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) betonte, die Schließungen seien eine Entscheidung des Kreises. Er könne diese, „um jegliches Risiko auszuschließen“, verstehen.

Derweil rufen die Jugendamtselternbeiräte in OWL mit einem offenen Brief Konzernchef Clemens Tönnies zu einem Gespräch auf. Sie wollen mit ihm über die Auswirkungen der Konsequenzen der Corona-Welle in seinem Betrieb auf Eltern und Kinder in der Region reden. Eltern drohten nun wieder Einkommensverluste, weil sie ihre Kinder durch die Schließungen rund um die Uhr betreuen müssten. Sie regen deshalb an, dass Tönnies einen Fonds für betroffene Familien auflegen und Einrichtungen in der Region finanziell unterstützen könne.

Konzernchef erkrankt

Der Konzernchef selbst zeigt sich derzeit nicht in der Öffentlichkeit. Clemens Tönnies habe sich vergangene Woche einem medizinischen Eingriff unterzogen, erklärt Konzernsprecher André Vielstädte.

Er sei zwar wieder im Unternehmen und stehe mit den Behörden in Kontakt, arbeite aber noch nicht mit dem üblichen Pensum, sagt Vielstädte. Mit Verweis auf die Privatsphäre wollte er sich nicht zum Grund für den Krankenhausaufenthalt äußern. Nur soviel: Mit Corona habe sich Tönnies nicht infiziert.

Das sagt die Gewerkschaft

Kritiker der Lebens- und Arbeitsbedingungen osteuropäischer Werkvertragsarbeiter begrüßen die Aussicht auf ein Ende dieses Systems. Armin Wiese, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in OWL hofft, dass der Druck jetzt weiter wächst und der Gesetzgeber die Werkverträge wie angekündigt zeitnah verbietet. Der Corona-Ausbruch komme für ihn nicht überraschend.

„So etwas kann in jedem Betrieb passieren. Schlachthöfe sind dafür aber besonders anfällig, wie Fälle weltweit zeigen.“ Größere Abstände zwischen den Arbeitern hätten das Risiko minimieren können, dazu hätte die Produktion gedrosselt werden müssen, sagt Wiese.

Dass sich nicht nur viele Werkvertragsarbeiter, sondern auch Tönnies-Stammkräfte angesteckt haben, sei ein klarer Beleg dafür, dass es zu Übertragungen innerhalb des Betriebs gekommen sei. Das feucht-kalte Klima in der Zerlegung begünstige offenbar die Ausbreitung des Coronavirus. Am Tönnies-Stammsitz sind etwa die Hälfte der 6600 Beschäftigten für externe Subunternehmen tätige Werkvertragsarbeiter.

Experten zum Ausbruch

Die hohe Anzahl betroffener Mitarbeiter des Unternehmens weise auf ein unbemerktes, schon länger vor sich gehendes Superspreading-Event in dem Betrieb hin, sagt Isabella Eckerle, Expertin für Infektionskrankheiten der Uni Genf. „Bei engem Kontakt und unter ungünstigen Arbeits- sowie Wohnbedingungen können ein Einzelner oder nur sehr wenig initial Infizierte zu einer sehr hohen Anzahl an Sekundärinfektionen führen.“

Die Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen seien offenbar mit den aktuell notwendigen Hygienemaßnahmen nicht gut vereinbar, so Eckerle. Ein weiterer Faktor könne eventuell die körperliche Anstrengung während der Arbeit sein, die zu höherer ­Virusausscheidung führe.

NRW-Gesundheitsminister Laumann kündigte an, das Ausbruchsgeschehen bei Tönnies wissenschaftlich untersuchen lassen zu wollen, um weitere Erkenntnisse zu gewinnen. Derzeit sei noch nicht zu sagen, welche Rolle der Schlachtbetrieb, die Unterkünfte der Werkvertragsarbeiter, deren Transport oder die Reisen in ihre Heimatländer, in denen das Infektionsrisiko aber nicht höher sei als hier, bei der Ausbreitung spielten.

Laschet rudert zurück

In einer ersten Stellungnahme am Mittwochabend hatte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) erklärt, der Ausbruch bei Tönnies stehe in keinem Zusammenhang mit den Lockerungen der Corona-Beschränkungen. Er führte als möglichen Grund vielmehr Reisen rumänsicher und bulgarischer Werkvertragarbeiter in ihre Heimatländer als Grund an. Dies rief scharfe Kritik hervor. Am Donnerstag ruderte Laschet zurück. „Menschen gleich welcher Herkunft irgendeine Schuld am Virus zu geben, verbietet sich. Mir ist wichtig klarzumachen, dass das für mich wie für die gesamte Landesregierung selbstverständlich ist“, erklärte Laschet.

„Was bei Tönnies passiert ist, das ist nicht eingeschleppt. Schuld sind die Arbeitsbedingungen, die wir hier haben“, sagte Katrin Göring-Eckardt (Grüne) im Bundestag. Auch der SPD-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Thomas Kutschaty, bezeichnete die Äußerung Laschets als „absurd“. Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Landeskirche, warnte vor einer Stigmatisierung und rief zu Besonnenheit in der Krise und Vorsicht im Umgang mit Schuldzuweisungen auf.

Kommentare

Bernd K.  schrieb: 19.06.2020 14:59
Herrn Tönnies pesönlich haftbar machen
Ich bin der Meinung man sollte endlich mal Herrn Tönnies persönlich haftbar machen für sein Verhalten. Im Interview gross sich hinzustellen und sagen es ist alles Top wir halten uns an Regeln und alle Auflagen , siehe hierzu die Aufnahmen der Kantine als Beispiel.
Wir alle müssen uns einschränken, im Lokal abstände einhalten usw. Und alles ist nicht mehr gültig hinter dem Werkstor ?
Wer trägt die Kosten für die erneuten Einschränkungen in Schulen Kitas Betreuung ?
Hier könnte Herr Tönnies einspringen! Durch sein verhalten hat er ja genug verdient und kann den grossen Max spielen. Unglaublich was sich solche geldgierigen Personen alles herausnehmen können und ungeschoren davon kommen.
1 Kommentare
Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7456945?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198389%2F2730030%2F
Neuer Erlass für Spiele ohne Fans
Arminia Bielefeld musste Mitte Oktober wegen hoher Coronazahlen in der Stadt das Spiel gegen Bayern München ohne Fans austragen – andere Bundesligisten in NRW spielten noch vor 300 Fans. Die Einhaltung der Regelung in der Coronaschutzverordnung soll nun ein Erlass des Gesundheitsministeriums sicherstellen. Foto: Thomas F. Starke
Nachrichten-Ticker