Trotz „enormem Pandemie-Risiko“ – 1331 Infizierte bei Tönnies
Laschet: Kein Lockdown im Kreis Gütersloh

Gütersloh (dpa/WB). Nach dem Corona-Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies sehen die Behörden weiterhin keinen Grund für einen Lockdown im Kreis Gütersloh, also das massive Runterfahren des öffentlichen Lebens.

Sonntag, 21.06.2020, 14:44 Uhr aktualisiert: 21.06.2020, 18:52 Uhr
NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hat sich am Sonntagnachmitag gegen einen flächendeckenden Lockown im Kreis Gütersloh ausgesprochen. Foto: dpa
NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hat sich am Sonntagnachmitag gegen einen flächendeckenden Lockown im Kreis Gütersloh ausgesprochen. Foto: dpa

Es gebe zwar „ein enormes Pandemie-Risiko“, sagte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) am Sonntag. Das Infektionsgeschehen sei aber klar bei der Firma Tönnies lokalisierbar und es gebe keinen „signifikanten Übersprung“ hinein in die Bevölkerung. Deshalb gelte weiterhin der Satz, „dass wir einen flächendeckenden Lockdown im Moment nicht ausschließen können, aber solang wir alles tun, dass es gelingt, dass es nicht überspringt auf die Bevölkerung, können wir andere bessere zielgerichtetere Maßnahmen ergreifen“, sagte Laschet.

Bevölkerung soll Regeln einhalten

Der Ministerpräsident appelliert, „mehr als sonst“ die Regeln einzuhalten. „Achten Sie auf Abstand, auf die Masken. Vermeiden Sie große Veranstaltungen. Veranstaltungen über 50 Teilnehmer sollten in der nächsten Zeit - wenn es geht - nicht stattfinden“. Jeder einzelne könne jetzt seinen Beitrag dazu leisten, „dass wir auch durch diese Krise kommen“.

Ebenfalls warnte Laschet die Mitarbeiter aus anderen Ländern vor einer überstürzten Abreise in ihre Heimat. Im Fall einer Infizierung bekämen die Arbeiter die „bestmögliche medizinische Behandlung“ in Deutschland, sagte Laschet. Das liege auch im eigenen Interesse der Arbeiter. Es würden nun in unbegrenzter Größenordnung so viele Dolmetscher wie möglich in die Unterkünfte der Beschäftigten geschickt.

Drei Hundertschaften der Polizei unterstützten die Ordnungsämter dabei, die Quarantäne durchzusetzen. Die Zahl der Corona-Infizierten in der Tönnies-Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück stieg bis Sonntag nach Angaben des Kreises auf 1331.

Laschet nimmt Clemens Tönnies in die Pflicht

Zu einer Aussage von Clemens Tönnies, das Unternehmen habe aus datenschutzrechtlichen Gründen den Behörden nicht die Wohnadressen aller Mitarbeiter nennen können, sagte Laschet: „Wir müssen einen Zustand herstellen - gerade als Lehre aus der Pandemie -, dass zu jeder Zeit feststellbar ist: welcher Mitarbeiter arbeitet im Unternehmen und wo wohnt er“.

In dieser Frage gebe es im Moment verschiedene Rechtsauffassungen. Gegebenenfalls müssten Gesetze entsprechend geändert werden. „Wir werden auch Herrn Tönnies beim Wort nehmen, dass er gesagt hat, es kann keinen Zustand geben wie zuvor. Wir brauchen neue Regeln, neue Bedingungen – und das ist auch das, was wir vom Unternehmen erwarten“, so Laschet am Sonntag.

Tönnies übernimmt Kosten für flächendeckenden Coronatest

Clemens Tönnies selbst meldet sich direkt im Anschluss zu Wort und verspricht Unterstützung: „Wir stehen zu unserer Verantwortung und übernehmen die Kosten für einen freiwilligen flächendeckenden Coronatest im Kreis Gütersloh. Die Details stimmen wir mit dem Kreis Gütersloh ab.“

Kommentare

Clever & Smart  schrieb: 22.06.2020 05:45
Wie hier gehandelt wird, finde ich mehr als fahrlässig
Es wurde beschlossen, dass bei 50 Infektionen auf 100.000 Einwohner ein erneuter Lockdown verhängt wird. Das NICHT-Handeln von Herrn Laschet finde ich mehr als fahrlässig. Denn es sollte mittlerweile bekannt sein, dass das Coronavirus bereits vor Ausbruch bei einer Person ansteckend ist. Es kann also niemand sagen, wie viele Menschen außerhalb des Schlachthofes angesteckt wurden oder das Virus bereits weiter getragen haben. Dies auch über die Grenzen hinaus.
Das ein Herr Tönnies jetzt die Corona Tests zahlen will, liest sich für mich wie ein 'Freikaufen'. Meiner Meinung nach ist es an der Zeit, das für die Missachtung sämtlicher Vorschriften in Unternehmen ein Exempel statuiert werden muss und Tönnies aus diesem Grund dauerhaft geschlossen wird.
Der R-Wert ist mittlerweile auf 2,88 in Deutschland gestiegen. Das sind Werte wie zu Beginn der Pandemie. Ich finde es ist Zeit, das die Damen und Herren Politiker wie Herr Laschet beschlossene Maßnahmen auch durchsetzen/ umsetzen und dies nicht mit einem regionalen begrenztem Bereich abtun.
Horst  schrieb: 21.06.2020 21:56
Hätte der Kreis Gütersloh bereits am 10. Juni einschreiten müssen ?
Laut Pressemitteilung des Kreises Gütersloh vom 08.06.2020 gab es bereits 10 im Zusammenhang mit Tönnies Mitarbeiter stehende Neuinfektionen. Gemäß der Pressemittelung vom 10.06.2020 kamen dann noch einmal 27 Neuinfektionen hinzu, die auf Personen, die für Werkvertragsnehmer der Firma Tönnies in Rheda-Wiedenbrück beschäftigt sind, entfielen. De Kreise sollten bei 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner tätig werden, bei 10 + 27 Neuinfektionen im Zusammenhang mit ca. 7.000 bei Tönnies tätigen Personen wurde aber nichts weiter unternommen, obwohl bekannt war, dass gerade in der Fleischindustrie ein besonderes Infektionsrisiko besteht ? Wurde hier ggf. vom Kreis Gütersloh, welcher sich selbst als wirtschaftsnahe Verwaltung bezeichnet aus wirtschaftlichen Gründen gezögert und damit eine Ausbreitung in nie dagewesener Form in kauf genommen ?

Bereits zum 10.06.2020 sah der Leiter des Krisenstabes und Ordnungsdezernent des Kreises Thomas Kuhlbusch den Anstieg der Neuinfektionen mit Sorge. „Mit dem Wegfall der Quarantäneverpflichtung hat die Fluktuation im Bereich der Personen zugenommen, die in den Schlachtbetrieben tätig sind. Das Risiko, das damit Infektionen in die Betriebe eingetragen werden und sich dort verbreiten, ist dementsprechend gestiegen. Deshalb ist es sehr wichtig, dass die Firma Tönnies ihre Verantwortung als Arbeitgeber und Auftragnehmer durch eigene Testungen in besonderer Art und Weise ernst nimmt. Sie informiert uns aktuell zeitnah über die geplanten eigenen Screenings, deren Anlass und die getesteten Personengruppen." Nach diesseitiger Auffassung hätte man bereits zu diesem Zeitpunkt nicht allen auf die Verantwortung der Firma als Arbeitgeber und Auftragnehmer verweisen dürfen.

Es wird berichtet, dass die Tests für die bei Tönnies tätigen Personen heute abgeschlossen werden konnten. Keine Aussagen werden dazu getroffen, ob auch Firmen oder Dienstleister getestet wurden oder werden, die z.B. Wartungsarbeiten bei der Fima Tönnies durchgeführt haben oder ob auch die zahlreichen LKW-Fahrer getestet wurden, welche z.B. die Tiere zur Firma gebracht haben oder Material für die Produktion geliefert haben. Wurde hier überhaupt schon versucht, diese betroffenen Personen, die aus ganz Deutschland und teilweise auch aus europäischen Nachbarländern kommen, zu ermitteln ?
Die vom Kreis Gütersloh eingerichtete Hotline konnte dazu gestern keine Auskünfte erteilen und verwies immer nur "hilflos" auf die laufenden Testungen der "Tönnies-Mitarbeiter" und dass man halt schrittweise vorginge. Bleibt zu hoffen, dass schrittweise nicht bedeutet, dass die vorgenannten Personen auch erst im nächsten Schritt ermittelt werden und damit weitere wertvolle Zeit verschenkt wird.

Die Schließung von 3 Schulen in der Stadt Hamm im Zusammenhang mit dem Coronavirus bei der Firma Tönnies zeigt zudem, wie schnell die Infektionskette weitergehen könnte und dass sie sich nicht auf den Kreis Gütersloh beschränkt. Hier wird somit offenbar ein großes Risiko gefahren, um den "ungewünschten" erneuten Lockdown auf jeden Fall zu vermeiden.

Peinlich war zudem, dass der Landrat des Kreises Gütersloh beim Eintreffen des Bundesministers Armin Laschet keine Mund-Nase-Bedeckung trug, wo doch gerade die Bürger des Kreises Gütersloh die Hygiene-Regelung jetzt besonders beachten sollen ! Als Landrat des Kreises, welcher einen nie dagewesenen Corona-Hotspot aufweist, hätte Herr Landrat Adenauer diese Grundregel beachten müssen !
Auch die Äußerung unseres Landrates, dass die Überwachung von 7.000 Menschen "ein bißchen wie ein Flohzirkus" wäre, ist angesichts der Lage und der Tatsache, dass es sich um unsere (Mit-)Menschen handelt, die nun zum Schutz der Allgemeinheit erhebliche Einschränkungen ihrer Rechte hinnehmen müssen, weder angebracht noch passend. Aber vielleicht ist es ja auch wichtiger sich in Videoansprachen zu präsentieren und über den Stand zu informieren.
Neu  schrieb: 21.06.2020 15:29
Die ersten erkrankten Werksarbeiter liegen schon im Krankenhaus
19 Werksarbeiter liegen schon in den Krankenhäusern im Kreis Gütersloh und es werden noch mehr werden. Die Erfahrungen der vergangenen Monate mit Corona zeigen, dass einige der Infizierten lebensbedrohlich erkranken werden. 5 Erkrankte liegen schon auf der Intensivstation und das sind keine Ü70 Patienten. Für das Personal in den Krankenhäusern im Kreis Gütersloh und den angrenzenden Regionen bricht eine harte Zeit an. Der Patientenzulauf nimmt zu und das bei wieder aufgenommenen Regelbetrieb der Krankenhäuser. Ich grüße alle Pflegekräfte, Ärzte, Verwaltungsmitarbeiter, Reinigungskräfte und das Küchenpersonal. Ihr müsst nun das Versagen von Politik und die Profitgier eines Herrn Tönnies ausbaden.
Bleibt Gesund!
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