Experten von Uni Bonn und RKI vor Ort - Laschet erwägt Kontaktbeschränkungen
Corona-Ausbruch bei Tönnies: Weitere Tests durch mobile Teams

Gütersloh/Rheda-Wiedenbrück (dpa). In dem vom massenhaften Corona-Ausbruch in Deutschlands größter Fleischfabrik besonders betroffenen Kreis Gütersloh gehen die Tests am Montag weiter.

Montag, 22.06.2020, 08:01 Uhr aktualisiert: 22.06.2020, 13:14 Uhr
Verl: Ein Bundeswehr-Soldat im Schutzanzug und mit Mund-Nasenschutz betritt ein Wohnhaus, in dem Personen getestet werden. Foto: David Inderlied/dpa
Verl: Ein Bundeswehr-Soldat im Schutzanzug und mit Mund-Nasenschutz betritt ein Wohnhaus, in dem Personen getestet werden. Foto: David Inderlied/dpa

Erneut sollen mobile Teams in den Städten und Gemeinden Abstriche bei Haushaltsangehörigen von Tönnies-Mitarbeitern machen und ihnen Unterstützung anbieten. Nachdem am Sonntag 32 solcher Teams im Einsatz waren, soll deren Zahl am Montag aufgestockt werden, sagte eine Sprecherin des Kreises.

An den Teams beteiligt sind jeweils Mitarbeiter des zuständigen Ordnungsamtes, des Deutschen Roten Kreuzes, der Bundeswehr sowie Dolmetscher. Die örtlichen Kräfte werden dabei durch Fachpersonal aus anderen Landesteilen unterstützt. Auch alle anderen Bürger des Kreises sollen in den kommenden Tagen die Möglichkeit bekommen, sich kostenlos testen zu lassen.

Nachdem die Reihentests auf dem Gelände der Firma am Wochenende abgeschlossen wurden, werden am Montag die restlichen Befunde erwartet. Bei insgesamt 6139 Beschäftigten wurden Proben genommen. 240 Ergebnisse standen am Sonntag noch aus. 1331 Infizierte wurden bislang registriert. In den vier Krankenhäusern im Landkreis wurden am Sonntag 21 Covid-19-Patienten stationär behandelt. Sechs Personen lagen auf der Intensivstation, zwei von ihnen müssen beatmet werden. Fünf der sechs sind nach Angaben des Kreises Tönnies-Beschäftigte.

Spahn: „Ausbruch umgehend eindämmen“

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte der „Rheinischen Post“: „Jetzt gilt es, jeden regionalen Ausbruch umgehend einzudämmen und die Infektionsketten zu unterbrechen.“ Deswegen müsse die für die Tönnies-Beschäftigten angeordnete Quarantäne dringend durchgesetzt werden. „Nur mit entschlossenem Handeln vor Ort in Ostwestfalen kann ein Übergreifen auf ganz Deutschland verhindert werden“, mahnte Spahn. Es sei gut, dass die Landesregierung dem Geschehen höchste Priorität einräume.

Hartmann: „Versagen an verschiedenen Stellen“

Der Vorsitzende der NRW-SPD, Sebastian Hartmann, kritisierte hingegen Firmenleitung und Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) scharf. „Das Tönnies-Desaster ist ein Versagen an verschiedenen Stellen“, sagte Hartmann dem „Handelsblatt“. „Firmenchef Tönnies und Regierungschef Laschet standen beide in der Verantwortung. Beide haben gar nicht oder zu spät gehandelt.“

Experten von Uni Bonn und RKI vor Ort

Die Ursachenermittlung dauert unterdessen an. In dem geschlossenen Werk haben dazu am Wochenende erste Untersuchungen begonnen. Am Samstag habe eine detaillierte technische Kontrolle durch den Arbeitsschutz der Bezirksregierung Detmold, das Gesundheitsamt im Kreis Gütersloh und die Uniklinik Bonn stattgefunden, teilte das Unternehmen mit. An der Ursachenforschung ist laut Laschet unter anderem der Bonner Hygiene-Experte Martin Exner beteiligt. Auch Experten des Robert-Koch-Instituts seien in Gütersloh, um zu untersuchen, „was war der Grund, dass es zu diesen Infektionen kommen konnte“.

Laschet erwägt Kontaktbeschränkungen

Laschet unterstrich im „Heute Journal“ des ZDF am Sonntagabend erneut, dass er einen regionalen Lockdown nicht ausschließen könne - darunter versteht man das massive Herunterfahren des öffentlichen Lebens. „Wir haben die Schulen und Kitas geschlossen, das ist der erste Teil eines Lockdowns. Und wir werden weitere Schritte in diesen Tagen prüfen.“ Er führte aus: „Ich könnte mir vorstellen, dass wir Kontaktbeschränkungen ebenfalls wieder erlassen, so wie sie im Lockdown gegolten haben.“

Bislang haben die Behörden auf einen Lockdown im Kreis Gütersloh verzichtet. Laschet hatte am Sonntag argumentiert, das Infektionsgeschehen sei klar bei der Firma Tönnies lokalisierbar, und es gebe keinen „signifikanten Übersprung“ hinein in die Bevölkerung.

Kommentare

Hermann  schrieb: 22.06.2020 12:20
"[...]es gebe keinen „signifikanten Übersprung“ hinein in die Bevölkerung. " (Laschet, MP NRW)
Diese Feststellung erschließt sich mir nicht.

Zu den Gründen:
Es finden Reihen-/Massentests bei der Firma Tönnies statt, so dass insbesondere auch diejenigen Menschen getestet und ggf. als infiziert ausgemacht werden können, die nur schwache Symptome aufweisen oder (wie wohl häufig) gar völlig symptomlose potentielle "Überträger" des SARS-CoV-2 sind. Insbesondere Letztere (symptomfrei, schwache Symptome) haben doch in den Tagen und Wochen zuvor nicht isoliert in ihren Wohnräumlichkeiten in Bielefeld, Verl und anderswo gelebt. Jedenfalls unkontrollierte und viele Kontakte mit der "Allgemeinbevölkerung" werden somit zweifelsohne stattgefunden haben.

In der ("Allgemein-")Bevölkerung hingegen wird nicht getestet. Menschen, die nur geringe Symptome (bspw. ein "Halskratzen") aufweisen, werden wohl kaum ihren Hausarzt aufsuchen. Und ob dieser bei geringen Symptomen einen einschlägigen Infektionstest anordnet darf aus Gründen bezweifelt werden. Die großen "Testzentren" (wie in der Nähe des Verfassers etwa "Hangar Detmold" und anderswo) sind längst geschlossen. Somit kann die aktuelle Infektionslage in der Allgemeinbevölkerung (insbesondere dieser aktuell besonders betroffenen Gebiete) doch gar nicht beurteilt werden.

Ein "Übersprung" in die Bevölkerung kann m. E. nur durch flächendeckende (oder repräsentative) symtomunabhängige Tests (wie etwa bei der Firma Tönnies) in der Bevölkerung der betroffenen Gemeinden ermittelt werden.
Ohne diese bleiben die vermeintlich beruhigenden Worte (der Verantwortlichen des betroffenen Unternehmens sowie der politisch Veranwtortlichen) Worthülsen und befördern fatalerweise die Zweifel der Bevölkerung.
1 Kommentare
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