Chef des größten Schlachtunternehmens in Deutschland kämpft um seinen Ruf
So einfach gibt Clemens Tönnies nicht klein bei

Rheda-Wiedenbrück (WB). Schlechte Presse, Anfeindungen, Kundgebungen, die sich gezielt gegen ihn als Person richten: Die schönen Zeiten, in denen sich Clemens Tönnies (64) im Glanz seines erfolgreichen Unternehmens sonnen konnte, sind auch schon vor dem massenhaften Ausbruch des Corona-Virus unter seinen Beschäftigten in Rheda-Wiedenbrück vorbei gewesen. Und daran hat er selbst Anteil.

Dienstag, 23.06.2020, 03:59 Uhr aktualisiert: 23.06.2020, 05:00 Uhr
Clemens Tönnies. Foto: dpa
Clemens Tönnies. Foto: dpa

Dabei hätten die jahrelangen Auseinandersetzungen mit dem Neffen und Miteigentümer Robert Tönnies (42) – auch vor Gericht – vielleicht sogar unterhaltenden Charakter, ginge es nicht um die Zukunft von Deutschlands größtem Schlachtkonzern. Sich selbst anlasten muss Clemens Tönnies den Wirbel, den seine als rassistisch empfundene Äußerung über angeblich besonders geburtenfreudige Afrikaner am Tag des Handwerks beim Libori-Fest 2019 in Paderborn ausgelöst hat. Er entschuldigte sich dafür, musste aber gleichwohl als Aufsichtsratsvorsitzender des Fußball-Bundesligisten Schalke 04 eine Zeit lang auf Tauchstation gehen.

Im persönlichen Umgang ist Clemens Tönnies sehr jovial. Er ist gut verdrahtet mit vielen, die in der Politik das Sagen haben. Minister, selbst Staatspräsidenten, und selbst Altkanzler Gerhard Schröder, mit dem ihm eine Nähe zur russischen Führung verbindet, haben Tönnies in Rheda-Wiedenbrück besucht. Legendär sind seine Auftritte als Sänger – bis hin zum ­Duett mit Helene Fischer beim eigenen 60. Geburtstag.

Angeblich wäre er gern Musiker geworden. Stattdessen ist er Unternehmer und mit einem geschätzten Vermögen von 1,4 Milliarden Euro einer der reichsten Deutschen.

Am Anfang stand die handwerkliche Metzgerei, die die Eltern von Clemens und dem vier Jahr älteren Bernd Tönnies in der Rhedaer Altstadt betrieben. Es war, wie er selbst immer wieder erzählte, die Idee seines Bruders, aus dem Betrieb einen großen Schlachthof zu machen. Rückblickend sieht sich Clemens am Anfang nur in der zweiten Reihe. Letztlich sei er durch ein Versprechen, das ihm der jung verstorbene Bruder 1994 schon sterbenskrank abnötigte, zum Unternehmer geworden.

Heute beschäftigt der Konzern 16.000 Mitarbeiter, davon 7000 am Stammsitz in Rheda-Wiedenbrück. Insgesamt produziert Tönnies an 29 Standorten. 2019 erzielte er einen Rekordumsatz von 7,3 Milliarden Euro. Nach eigenen Angaben stellt der Konzern täglich 750 Tonnen frisches SB-Fleisch und 100 Tonnen Tiefkühlprodukte her. Damit gehört er zu den größten Schlacht­unternehmen der Welt. Nummer 1 in Deutschland ist Tönnies ohnehin.

Nach Angaben von „Agrar heute“ wird jedes dritte Schwein in Deutschland bei Tönnies geschlachtet – insgesamt 16,6 Millionen. Verpackte Convenience-Produkte verkauft er unter dem Namen Tillman‘s – benannt nach dem langjährigen Geschäftsführer und Wegbegleiter Josef Tillmann.

Bei unverpacktem Fleisch ist schwer zu erkennen, ob das Tier bei Tönnies geschlachtet wurde. Anders bei verpackten Lebensmitteln. Die Verbraucherzentrale NRW nennt drei Identifikationszeichen, die auf der Verpackung auf Tönnies-Unternehmen verweisen: DE NW 20202 EG. DE NW 20028 EG und DE NW 20045 EG.

Seit 2017 gehört auch die ZurMühlen-Gruppe vollständig zu Tönnies – und mit ihr zum Beispiel die ostwestfälischen Wurstmarken Nölke, Gutfried, Marten sowie Böklunder, Zerbster Original, Plumrose, Schulte, Zimbo und Hareico. Geschäftsführer ist Clemens Tönnies’ Sohn Maximilian.

Ebenfalls 2017 übernahm der Konzern vom insolventen Mitbewerber Lutz einen Schlachthof in Badbergen im Kreis Osnabrück. Er soll zum Hauptstandort für Rindfleisch ausgebaut werden.

Ob es dazu kommt und ob Clemens Tönnies dann noch am Ruder sein wird, ist nach der jüngsten Zuspitzung um den Corona-Ausbruch fraglich geworden. Er selbst hat zwar erklärt, er werfe in der schweren Krise nicht das Handtuch. Doch fordern nicht nur Demonstranten und Politiker seinen Rücktritt, sondern auch Mitgesellschafter Robert Tönnies.

Weil der Konzern immer bereit war größere Mengen an Schlachtschweinen abzunehmen, hat er unter den großen Schweinemästern viele Freunde – und entsprechend auch Gegner in kleinen Bauernhöfen. Und bei Tierschützern. Angesichts der öffentlichen Diskussionen kam Clemens Tönnies nicht umhin, auf ihre Argumente einzugehen. Er investierte und legte Studien vor, dass seine Schlachtungen bei Tönnies sogar besonders tierschonend seien. Ein Versuch, auch vegane Lebensmittel anzubieten, wurde aufgegeben.

Vor allem die Zerlegung der toten Tiere – aktuell wohl der größte Virusherd – wird weit überwiegend von Arbeitskräften aus Osteuropa durchgeführt, die bei Subunternehmen unter Vertrag stehen. Die Gewerkschaften kritisieren schon lange, dass die Menschen von diesen und damit indirekt von Tönnies ausgebeutet würden. Mindestlohn werde nur formal gezahlt. In Wirklichkeit leisteten die Menschen nicht nur unentgeltlich Überstunden; ihnen werde auch zu viel Miete für ihre Unterkunft, für Werkzeug und einiges mehr vom Lohn abgezogen. Auf dem Höhepunkt der Diskussion bot Clemens Tönnies öffentlichkeitswirksam jedem Deutschen, der eine Arbeitsstelle im Schlachtbetrieb wolle, einen regulären Arbeitsvertrag mit Tariflohn an. Angeblich habe es aber kaum Interessenten gegeben.

Grundsätzlich wollte Clemens Tönnies stets auch der gesamten Branche ein besseres Image verpassen. Ihn nervte, dass Schlachthöfe zu den beliebtesten Kulissen für Fernsehkrimis zählen.

Umso mehr trifft ihn der jüngste Schlag, die Corona-Pandemie. Anfangs schien sie noch am Tönnies-Konzern vorbeizugehen. Nachdem in Coesfeld bei Westfleisch mehr als 280 Mitarbeiter positiv auf das Virus getestet worden waren, wurden auf Anordnung der NRW-Landesregierung auch in allen übrigen Schlachtbetrieben die Beschäftigten getestet – mit überschaubarem Ergebnis. Auch die Kontrollen der Wohnungen, in denen die Arbeiter aus Osteuropa leben, brachten kaum Beanstandungen. Doch das war Ende Mai. Jetzt ist alles anders – und Clemens Tönnies dabei, alle Unterstützer im Kreis Gütersloh zu verlieren, die früher nicht zuletzt auch sein großzügiges Sponsoring für die Region schätzten. Vor allem, dass jetzt Kitas und Schulen schließen mussten, nehmen ihm die Familien übel.

Noch gibt Clemens Tönnies nicht klein bei. Einfach will er nicht aufgeben. „So werden wir nicht weiter machen. Wir werden diese Branche verändern”, verspricht er. Er will für den Schaden bereitstehen. Als die Kreisverwaltung in Gütersloh das Unternehmen mit dem Vorwurf an den Pranger stellte, es hätte Listen mit den Adressen der Beschäftigten erst sehr zögerlich und dann nur unvollständig herausgegeben, trat Clemens Tönnies am Samstag in einer improvisierten Pressekonferenz auf dem Firmengelände an die Öffentlichkeit. Sein Argument, er habe die Adressen aus Datenschutzgründen gar nicht herausgeben dürfen, ist noch nicht widerlegt. Hat er recht, muss das Gesetz geändert werden, erklärte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet am Sonntag.

Clemens Tönnies ist auf Schalke nicht nur Aufsichtsratschef, er fühlt wie jeder echte Fußballfan mit seinem Club. Bekanntlich aber ist der Himmel nicht nur blauweiß. Niederlagen gehören, das weiß er, zum Leben und müssen möglichst mit Anstand durchgestanden werden – auch dann, wenn sie vielleicht mit gutem Grund als ungerecht empfunden werden. Auch bei Schalke stehen zum Saisonende wieder wichtige Entscheidungen an. Die Geisterspiele zerren am Ruf der gesamten Branche. Zudem hat der Revierclub fast 200 Millionen Euro Schulden. Zur Debatte steht, ob die Profiabteilung in eine Kapitalgesellschaft ausgegliedert wird. Da ist Tönnies als Aufsichtsratschef gefragt. Kann er auch das – zusätzlich zur Unternehmenskrise – in der Quarantäne regeln?

Man sagt Clemens Tönnies eine gewisse Sturheit nach. Aber vielleicht erinnert er sich an den Satz, mit dem er zum 60. Geburtstag ankündigte, mit 63 oder 65 sei für ihn Schluss: „Ich muss weder bei Schalke noch bei Tönnies mit dem Rollator rausgeschoben werden.”

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