Laschet: „Kein Ausreiseverbot“ – Geschäfte bleiben geöffnet – Maßnahmen gelten vorerst bis 30. Juni - Abstriche ab Dienstagnachmittag am Berufskolleg in Gütersloh
Nach Corona-Ausbruch bei Tönnies: Beschränkungen für öffentliches Leben im Kreis Gütersloh

Gütersloh (dpa/WB). Nach dem Corona-Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies schränken die NRW-Behörden das öffentliche Leben im Kreis Gütersloh mit einem Lockdown massiv ein.

Dienstag, 23.06.2020, 11:21 Uhr aktualisiert: 23.06.2020, 20:54 Uhr
Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). Foto: dpa
Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). Foto: dpa

Erstmals in Deutschland werde ein gesamter Kreis - dort leben rund 370.000 Menschen – wegen des Corona-Infektionsgeschehens wieder auf die strengen Pandemie-Schutzmaßnahmen zurückgeführt, die noch vor einigen Wochen gegolten hätten.

Das sagte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) am Dienstag in Düsseldorf. Im Kreis Gütersloh handele es sich um das bisher „größte Infektionsgeschehen“ in NRW und auch bundesweit. Die Maßnahmen sollen zunächst bis zum 30. Juni gelten.

Behörden im Kreis Gütersloh verbieten demnach ab diesem Mittwoch unter anderem wieder Sport in geschlossenen Räumen und auch zahlreiche Kulturveranstaltungen. Fitnessstudios würden im Kreisgebiet ebenso geschlossen wie Kinos und Bars.

Hier geht es zum Wortlaut der Coronaregionalverordnung des Landes NRW.

Grund für den zunächst für eine Woche geltenden Lockdown ist der Corona-Massenausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies . Beim Schlachtbetrieb des Marktführers in Rheda-Wiedenbrück hatten sich mehr 1550 Beschäftigte nachweislich mit dem Coronavirus infiziert.

So liefen die Tests bei Tönnies ab

Aufgrund von Nachfragen hat der Kreis Gütersloh am Dienstag erläutert, wie die Tests abgelaufen sind.

Die Stellungnahme im Wortlaut:

„Die erste Reihentestung auf dem Gelände der Firma Tönnies im Mai hatte das Land NRW angeordnet und der Kreis Gütersloh hat mit dem Personal seines Rettungsdienstes – unterstützt durch Malteser Hilfsdienst und Deutsches Rotes Kreuz – die Tests gemacht. Das Unternehmen selbst hatte zusätzliche Eigentests gemacht, unter anderem bei neuem Personal oder solchen Personen, die sich länger nicht mehr auf dem Werksgelände aufgehalten hatten. Als bei diesen Tests die Zahlen auffällig wurden – die Befunde dieser Eigentests durch die Firma meldeten die Labore an den zuständigen Kreis – veranlasste der Kreis Gütersloh einen erneuten Reihentest bei der Belegschaft. Dieser erneute Reihentest mit Unterstützung der Hilfsorganisationen und der Bundeswehr wurde am vergangenen Samstag, 20 Juni, abgeschlossen.“

Bislang 24 Infektionen unabhängig von Tönnies bekannt

Bis zum 30. Juni werde man mehr Klarheit haben, inwieweit sich das Virus womöglich auch bei Nicht-Tönnies-Beschäftigten ausgebreitet habe, betonte der Ministerpräsident. Bisher gebe es hier nur 24 nachgewiesene Infektionen. Man wolle besondere Vorsicht walten lassen. Die Behörden würden die Tests in der Bevölkerung zudem massiv ausweiten.

Der Regierungschef warnte davor, die Menschen aus dem Kreis Gütersloh nun unter „Pauschalverdacht“ zu stellen. Man dürfe die Bewohner des Kreises „nicht stigmatisieren“.

Zentrum in der Fleischzerlegung

Rund 7000 Tönnies-Mitarbeiter stehen mitsamt ihren Familien seit einigen Tagen unter Quarantäne. Das Zentrum des Corona-Ausbruchs bei Tönnies liegt Laschet zufolge in der Fleischzerlegung. In dieser Abteilung gebe es die meisten Infizierten.

Die Einhaltung der Quarantäne-Maßnahmen gestaltet sich seit Tagen sehr schwierig. Die Landesregierung habe drei Einsatzhundertschaften der Polizei in den Kreis Gütersloh geschickt, schilderte Laschet. Die Polizisten sollten die Quarantäne der Mitarbeiter von Tönnies kontrollieren. Die Polizei werde die mobilen Testteams begleiten. Zur Not müssten die Behörden auch mit Zwang die Anordnungen durchsetzen. Es werde auch zusätzliche humanitäre Maßnahmen zur Unterstützung der Betroffenen geben.

Dem massiv unter Druck geratenen Branchenriesen Tönnies warf Laschet mangelnde Kooperationsbereitschaft vor. Daher hätten die Behörden die Herausgabe von Daten der Werkarbeiter durchsetzen müssen. „Da wurde nicht mehr kooperiert, da wurde verfügt.“

Einschränkungen für den Kreis Warendorf

Schulen und Kitas im Kreis Gütersloh waren bereits am 17. Juni geschlossen worden. Für die größte deutsche Fleischfabrik war zudem ein vorübergehender Produktionsstopp verhängt worden. Auch für den Kreis Warendorf kündigte das Land Einschränkungen an. Dort war die Zahl der Neuinfektionen ebenfalls über die kritische Grenze von 50 gestiegen.

29 Patienten mit Tönnies-Bezug

Am Montag wurden im Regierungsbezirk Detmold nach Auskunft des Gesundheitsministeriums insgesamt 29 Menschen mit Bezug zu Tönnies in Krankenhäusern behandelt. Acht Patienten seien auf Intensivstation, zwei davon mit Beatmung. Ein Kapazitätsengpass werde derzeit von den Krankenhäusern nicht erwartet. Wie viele Tönnies-Beschäftigte im Kreis Warendorf mit einer Covid-19-Erkrankung derzeit im Krankenhaus liegen, wurde zunächst nicht bekannt.

Kein Ausreiseverbot

Für die Bewohner des Kreises Gütersloh gilt kein Ausreiseverbot aus dem Kreisgebiet. „Wir haben keine Ausreiseverbote erteilt“, sagte Laschet. Das verhängte Kontaktverbot und die Lockdown-Maßnahmen „gelten immer bezogen auf den Kreis“. Es würden damit die gleichen Regeln gelten wie während der bundesweiten Kontaktverbote im März. Laschet appellierte aber an die Einwohner in Gütersloh, „jetzt nicht aus dem Kreis heraus in andere Kreise zu fahren“.

Usedom schickt 14 Urlauber zurück, Bayern erlässt Beherbergungsverbot

Auf der Urlaubsinsel Usedom sind am Montag 14 Menschen aus Corona-Risiko-Gebieten aufgefordert worden, vorzeitig abzureisen. Sie müssen sich unverzüglich bei ihrem heimischen Gesundheitsamt melden, sagte Achim Froitzheim, Sprecher des Kreises Vorpommern-Greifswald am Dienstag. Beim Zahlen der Kurtaxe sei das Problem auffällig geworden. Am Montag wurde ein Ehepaar aus Gütersloh aufgefordert, die Insel vorzeitig zu verlassen. Ob die zurückgeschickten Urlauber alle aus Gütersloh kommen, sagte der Sprecher zunächst nicht. Laut Froitzheim sei von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. Die 14 Fälle repräsentierten lediglich den Montag.

Derweil untersagt Bayern die Beherbergung von Menschen, die von dort und aus anderen schwer betroffenen Landkreisen in das südliche Bundesland einreisen. Beherbergungsbetriebe in Bayern dürfen künftig keine Gäste mehr aufnehmen, die aus einem Landkreis einreisen, in dem die Zahl der Neuinfektionen in den zurückliegenden sieben Tagen bei mehr als 50 pro 100 000 Einwohner liegt. Das teilte Staatskanzleichef Florian Herrmann (CSU) nach einer Kabinettssitzung am Dienstag in München mit. «Das ist eine Schutzmaßnahme, die wir für wirklich notwendig halten», sagte er. Eine Ausnahme gibt es nur für Menschen, die einen aktuellen negativen Corona-Test vorweisen können.

Stellungnahme des Kreises Gütersloh zu den Beschränkungen

In einer Mitteilung des Kreises Gütersloh heißt es, die von der Landesregierung vorgestellten Maßnahmen, die die weitere Ausbreitung des Coronavirus im Kreis Gütersloh verhindern soll, seien nach Abstimmung mit dem Kreis Gütersloh, den Experten des Robert-Koch-Instituts und des Landeszentrums Gesundheit vereinbart worden.

Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) wird wie folgt zitiert: “Wir haben durch die positiven Befunde im häuslichen Umgebung der Beschäftigten eine neue Situation. Unsere wichtigste Aufgabe ist der Schutz der Bevölkerung und wir tun alles dafür, was notwendig ist. Deswegen werden jetzt auch die Tests erheblich ausgeweitet.”

Die Einschränkungen seien weniger umfangreich als im März: “Das war mir besonders wichtig. Ich bin froh, dass zum Bespiel die Geschäfte weiter geöffnet bleiben dürfen. Viele Dinge, an die wir uns wieder gewöhnt haben, bleiben uns erhalten. Ich appelliere an alle Bürgerinnen und Bürger im Kreis Gütersloh, sich an die allgemeinen Hygieneregeln zu halten und an die neuerlichen Regeln wie etwa Abstandsbeschränkungen. Dann kommen wir da zusammen durch.”

Das Sicherheits- und Schutzpaket habe insgesamt fünf Bereiche, unter anderem Kontaktverbote wie bereits im März. Die Maßnahmen sollen zurückgenommen werden, wenn es Klarheit über das Infektionsgeschehen gibt.

Diese Grafik hat der Kreis Gütersloh am Dienstag veröffentlicht. Zu Details wird auf Landesgesundheitsminister Laumann verwiesen.

Diese Grafik hat der Kreis Gütersloh am Dienstag veröffentlicht. Zu Details wird auf Landesgesundheitsminister Laumann verwiesen.

Corona-Diagnose am Berufskolleg, Behandlung am Klinikum

Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) hat bekannt gegeben, dass sie ab Dienstag, 23. Juni, ein Corona-Diagnosezentrum für die allgemeine Bevölkerung des Kreises Gütersloh am Carl-Miele-Berufskolleg in Gütersloh einrichtet. Das Zentrum solle um 14 Uhr eröffnet werden. Auch die niedergelassenen Ärzte im Kreis Gütersloh könnten nun Corona-Tests an Personen ohne coronatypische Symptome wie Atemwegsbeschwerden oder Fieber durchführen.

Der Kreis weist auf verschiedene Regeln für Corona-Tests hin, hier im Wortlaut:

„Im Diagnosezentrum am Carl-Miele-Berufskolleg in Gütersloh, Wilhelm-Wolf-Straße 2-4, werden ausschließlich Abstriche bei Personen durchgeführt, die keine coronatypischen Symptome wie Atemwegsbeschwerden oder Fieber aufweisen. Öffnungszeiten sind heute, 23. Juni, ab 14 Uhr, danach regulär montags bis sonntags von 8 bis 20 Uhr.

Corona-Behandlungszentrum am Klinikum Gütersloh

Menschen, die coronatypische Symptome aufweisen, wenden sich bitte nach wie vor an ihren Haus- bzw. Facharzt oder an den Patientenservice unter der Telefonnummer 116 117. Diese werden betroffene Patienten mit Symptomen beim Behandlungszentrum der KVWL in einem Nebengebäude des Klinikums Gütersloh, Virchowstraße 19, anmelden. Infektpatienten sollten keinesfalls unangemeldet das Klinikgebäude aufsuchen!

Testzentrum auf dem Werksgelände der Firma Tönnies

Auf dem Werksgelände der Firma Tönnies werden ausschließlich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Unternehmens und ihre Angehörigen getestet. Diese werden eigens mit einem Fahrdienst aus der Quarantäne zu den Tests gebracht und im Anschluss wieder zu ihren Wohnungen gefahren.“

 

 

Kommentare

DJTom72  schrieb: 23.06.2020 12:42
Ich weiss nicht.....
....warum meine Kommentare hier ständig geblockt werden? Nur weil ich Pro Lauterbach bin???

Nun hierzu:
Laschet hat hier wieder viel zu spät reagiert, aber immerhin hat er überhaupt reagiert, er musste quasi, weil der Druck zu groß wurde. Sonst hätte er sich nächste Woche seinen Rücktritt überlegen müssen (was er von mir aus jetzt auch schon tun kann). Hier wird das umgesetzt was die Ministerpräsidenten mit den Landräten abgesprochen haben: Lockdown für den Ausbruchskreis regionaler Art. Der Lockdown geht m. E. nicht weit genug: Hier hätte sofort eine Ausgangssperre für den Kreis GT verhängt werden müssen. Was nicht ist kann ja noch kommen, aber dann wieder mit Verzögerungen, die man sich eigentlich in dieser schnellen dynamischen Phase nicht leisten kann. So werden die Gütersloher auf die umliegenden Kreise ausweichen und den Virus auch hier weiträumig verbreiten.....
Ich bleibe dabei, was Prof. Dr. Karl Lauterbach von sich gibt und vor Wochen prophezeit hat, ist nun in der Realität angekommen.......
Matthias F:  schrieb: 23.06.2020 12:31
Leicht dahergesagt
Das ist immer leicht dahergesagt, wenn man selber nicht betroffen ist!
Klaus Müller  schrieb: 23.06.2020 11:50
Kein Ausreiseverbot ist grob fahrlässig von Laschet
Was glaubt Laschet was passiert, wenn kein Ausreiseverbot gilt???
Natürlich werden die Gütersloher in die benachbarten Kreise fahren und dort machen, was sie zuhause nicht können. Wie kurzsichtig kann man sein?
3 Kommentare
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