Rheda-Wiedenbrück
System unter dem Radar der Behörden

Rheda-Wiedenbrück (lani) - 200? 400? Oder gar 650 und mehr? Der Massenausbruch von Coronainfektionen hat zu Tage befördert, dass deutlich mehr Wohnungen im Stadtgebiet für die Unterbringung von Werkvertragsarbeitnehmern aus südosteuropäischen Ländern genutzt werden, als zuletzt bekannt war.

Dienstag, 30.06.2020, 18:09 Uhr aktualisiert: 30.06.2020, 18:31 Uhr
Rheda-Wiedenbrück: System unter dem Radar der Behörden

Die Frage, wie viele Personen darin leben, lässt sich laut Verwaltung noch nicht final beantworten. Unter dem Radar der Kommunen im Kreis Gütersloh hat sich in den vergangenen Jahren ein System entwickelt, das auf Undurchsichtigkeit fußt und entsprechend nur schwierig nachzuverfolgen ist. Zwar habe man im Rhedaer Rathaus die These vertreten, dass die abschließende Grundliste des Unternehmens, anhand der mögliche Infektionsketten nachverfolgt werden sollten, nicht vollständig sei. In der Größenordnung habe der Zuwachs an Adressen, der letztlich durch den Kreis ermittelt werden konnte, jedoch überrascht, betonte Dr. Georg Robra, Erster Beigeordneter der Stadt, im Rahmen der Ratssitzung am Montagabend.

Fokus  liegt derzeit auf der Versorgung

Das Mehr an Menschen, das sich hinter den Listeneinträgen verberge, steht laut Robra wenig überraschend im direkten Zusammenhang zu Werkvertragsarbeitnehmern, namentlich aus Polen, Bulgarien und Rumänien. Die zugrundeliegenden familiären Konstellationen seien ersten Erkenntnissen zufolge ganz unterschiedliche. Unter den in den Wohnungen angetroffenen Personen befanden sich Singles, Paare und Familien. Wie hoch die Zahl derer ist, die nicht in der Stadt gemeldet sind, obwohl sie dort leben, und welche Personengruppen sich dahinter verbergen, „interessiert auch uns brennend“, unterstrich Dr. Georg Robra. Bislang habe man dazu keine verlässlichen Daten ermitteln können.

Derzeit liege der Fokus auf der Versorgung der unter Quarantäne stehenden Werkvertragsarbeitnehmer und ihrer Angehörigen sowie deren Begleitung. Volker Brüggenjürgen (Bündnis 90/Die Grünen) vermutet hinter dem wenig transparenten Gebaren „gewerbliche Vermieter und Subs und ganz sicher nicht Kleinvermieter wie die Müllers und Meiers“. Zudem liege der Verdacht nahe, dass auch soziale Tragödien wie Menschenhandel und Prostitution im Spiel seien. Beigeordneter Robra dazu: „Bislang sind uns keine strafrechtlichen Vorgänge in diesem Zusammenhang bekannt. Ich möchte das zu diesem Zeitpunkt aber auch nicht ausschließen.“ Man tue gut daran, sich das Ganze sehr genau anzugucken. Sobald dazu neue Erkenntnisse vorlägen, werde man diese auf einer derzeit gebotenen faktenbasierten Kommunikation öffentlich machen.

Erkenntnisse bergen Chancen

Jetzt, wo existenzielle Daten auf dem Tisch lägen, gehe es darum, eine umfangreiche Nachbereitung anzustoßen, damit Licht ins Dunkel komme und auch dort bleibe, erläuterte Uwe Henkenjohann (CDU) in der Sitzung des Kommunalparlaments, das coronabedingt in der Stadthalle tagte. Er fragte sich, wie es sein könne, dass sich ein System habe entwickeln können, das sich nicht nachvollziehen lasse. Für Bürgermeister Theo Mettenborg (Foto) ergeben sich aus den neu gewonnenen Erkenntnissen auch Chancen.

Erst verlässliche Zahlen und nachvollziehbare Kausalzusammenhänge machten es möglich, allen Menschen in der Stadt eine öffentliche Daseinsfürsorge zukommen zu lassen. Gleichwohl müsse es nun auch darum gehen, mögliche Verstöße der Vermieter gegen Meldeauflagen zu prüfen. Ein solches Vorgehen hatte die SPD gefordert. Auch finanzielle Auswirkungen, die sich daraus ergeben, dass mehr Menschen in der Stadt leben und höhere Zuweisungen durch das Land fließen müssten, gelte es, im Blick zu behalten.

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