Sven-Georg Adenauer (CDU) kritisiert den Umgang mit den Menschen in Quarantäne
Landrat: Versorgung der Tönnies-Werkvertragsarbeiter klappt nicht

Rheda-Wiedenbrück (WB). Tönnies-Mitarbeiter und Werkvertragsarbeiter – die Zwei-Klassen-Gesellschaft in der Fleischproduktion setzt sich auch in der Quarantäne fort. Nach Angaben von Güterslohs Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) werden die Arbeiter der Fleischfabrik in ihrer häuslichen Quarantäne gut versorgt, die Mitarbeiter der Subunternehmer dagegen nicht.

Donnerstag, 02.07.2020, 04:00 Uhr aktualisiert: 02.07.2020, 09:16 Uhr
In Verl reicht ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes einem Mann, der unter Quarantäne steht, ein Brot. Foto: dpa
In Verl reicht ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes einem Mann, der unter Quarantäne steht, ein Brot. Foto: dpa

Fast 7000 Beschäftigte des Fleischkonzerns und ihre Angehörigen sind in Quarantäne. Marcus Stühlinger, Geschäftsführer der Tönnies-Logistiktochter Tevex, koordiniert die Versorgung der Tönnies-Mitarbeiter, die keine Verwandten oder Nachbarn haben, die ihnen helfen können. Bisher seien mehr als 8000 Lebensmittelpakete auf den Weg gebracht worden, sagt er. „Die Kollegen packen die Kisten im Akkord.” Enthalten seien Brot, Eier, Milch, Aufschnitt, Fleisch, Wurst, Getränke, Babynahrung, Windeln, Toilettenpapier und andere Pflegeartikel. Auch den Transport organisiert das Unternehmen.

Subunternehmer kommen laut Kreis Pflichten nicht nach

Bei den Mitarbeitern der Subunternehmen, die in Quarantäne sind, sieht es dagegen anders aus. „Das erleben unsere Teams, wenn sie die Wohnungen aufsuchen, um Abstriche zu nehmen”, sagt Kreis-Sprecher Jan Focken.

Für die Versorgung der Rumänen, Bulgaren und Polen seien die zahlreichen Werkvertragsfirmen verantwortlich, aber das klappe nicht, sagt Landrat Adenauer: „Wir haben die Subunternehmer schon vergangene Woche aufgefordert, ihre Fürsorgepflicht wahrzunehmen. Deutliche Verbesserungen haben unsere Leute vor Ort aber nicht festgestellt.”

Nach Angaben von Tönnies-Logistikgeschäftsführer Marcus Stühlinger können die Subunternehmer ihren Bedarf bei Tönnies anmelden und die entsprechenden Lebensmittelpakete dort abholen. Das geschieht aber nach Angaben des Kreises kaum. Landrat Adenauer: „Es kann nicht sein, dass 60 Mitarbeiter von Rotem Kreuz, Maltesern, Johannitern und THW deshalb im Dauereinsatz sein müssen.“ Der Kreis habe die Werkvertragsunternehmen verpflichtet, die Auslieferung der Lebensmittel schriftlich zu dokumentieren. Sie hätten zugesagt, das zu tun, aber die Versorgung habe sich kaum verbessert.

Bei Tönnies wurden nach Konzernangaben bisher 8000 Lebensmittelpakete für Menschen in Quarantäne gepackt.

Bei Tönnies wurden nach Konzernangaben bisher 8000 Lebensmittelpakete für Menschen in Quarantäne gepackt. Foto: Tönnies

„Wir sind mit den Behörden in Gesprächen”

Dass das System der Subunternehmer für viele auch in der Quarantäne mit Nachteilen verbunden sei, ärgere ihn, sagt Adenauer – zumal der Krisenstab immer wieder Hinweise auf einen bedenklichen Umgang mit Mitarbeitern und deren Angehörigen bekomme und in einem Fall deshalb die Polizei informiert habe.

Die Versorgungssituation könnte sich in Kürze etwas entspannen, denn in der Nacht zum Freitag endet für etliche Tönnies-Mitarbeiter die Quarantäne. Unklar ist, was dann mit ihnen geschieht, denn die Fleischfabrik ist weiter stillgelegt. Müssen sie sich arbeitslos melden? Können sie anderenorts arbeiten? „Wir sind mit den Behörden in Gesprächen“, sagt Tönnies-Sprecher Dr. André Vielstädte.

Quarantäne in NRW verlängert

Die Quarantäne endet für alle nach dem 16. Juni positiv Getesteten 14 Tage nach dem Erstnachweis des Erregers, wenn sie 48 Stunden symptomfrei sind. Die Quarantäne endet auch für negativ Getestete, wenn der Test mindestens 14 Tage nach dem letzten Kontakt zu einem Infizierten oder nach dem letzten Besuch auf dem Firmengelände stattfand.

Dagegen verlängert das Land NRW die Quarantäne bis zum 17. Juli für alle, die zwischen dem 3. und dem 17. Juni mindestens einen Tag auf dem Betriebsgelände in Rheda-Wiedenbrück waren, sowie für deren Mitbewohner.

Der Kreis Gütersloh ist weiterhin die Region mit den bundesweit meisten Neuinfektionen. Am Mittwoch gab das NRW-Gesundheitsministerium die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen mit 78 an. Am Dienstag vergangener Woche betrug sie noch 270.

Kommentare

Marlies Hamm  schrieb: 02.07.2020 14:23
Was Ausbeutung alles zu verantworten Hat!
Ich kann nicht begreifen, wie es möglich ist, dass unter den Augen unserer Politiker das, was bei der Firma Tönnies passiert ist, nicht von Anfang an verhindert worden ist. Wie dumm muss man sein, nicht vorauszusehen, dass dieses gewissenlose Vorgehen sich einmal rächen wird. Tönnies hätte alle Menschen , die in seinem Werk gearbeitet haben, gleich behandeln müssen. Die Werksverträge hätten von Anfang an besonders gut überwacht werden müssen. Auch für die eigenen Mitarbeiter hätte die Firma Tönnies bessere Arbeitsbedingungen schaffen müssen. Die Corona-Pandemie ist nur die Spitze des Eisbergs, die Firma Tönnies hat ihn mit den schlechten Arbeitsverhältnissen und der Gier noch mehr Kohle zu machen, zum Schmelzen gebracht. Auf die fünfte Milliarde muss Herr Tönnies jetzt wohl noch etwas warten.
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