Stadt Rheda-Wiedenbrück hat Produktionsstopp mit sofortiger Wirkung aufgehoben
Tönnies darf wieder schlachten

Rheda-Wiedenbrück (dpa/WB/ca). Rund vier Wochen nach dem Corona-Ausbruch bei Deutschlands größtem Fleischbetrieb Tönnies in Rheda-Wiederbrück darf das Unternehmen an seinem Hauptstandort wieder schlachten.

Mittwoch, 15.07.2020, 16:16 Uhr aktualisiert: 15.07.2020, 21:06 Uhr
Rheda-Wiedenbrück: Frisch geschlachtete Schweine hängen in einem Kühlhaus des Fleischunternehmens Tönnies. Foto: Bernd Thissen/dpa
Rheda-Wiedenbrück: Frisch geschlachtete Schweine hängen in einem Kühlhaus des Fleischunternehmens Tönnies. Foto: Bernd Thissen/dpa

Die Stadtverwaltung hat den angeordneten Produktionsstopp für die Schlachtung am Mittwoch mit sofortiger Wirkung aufgehoben.

Damit kann das Unternehmen in Rheda-Wiederbrück wieder Tiere von Landwirten annehmen und die Produktion schrittweise hochfahren. Ab den frühen Morgenstunden würden die ersten Tiere angeliefert, sagte ein Konzernsprecher am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur.

Noch keine Erlaubnis für die Zerteilung der Tiere

Für die Zerteilung der Tiere hat die Stadt Rheda-Wiedenbrück vorerst noch keine Genehmigung erteilt. Für diesen Produktionsschritt soll es am Donnerstag zunächst nochmals eine Begehung der Behörden geben. Gutachter sollen sich beispielsweise Trennelemente aus Plexiglasscheiben anschauen. Am Freitag soll der Bereich nach Angaben der Stadt zunächst in einem Probebetrieb wieder aufgenommen werden.

Bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück würden normalerweise pro Tag je nach Marktlage zwischen 20.000 und 25.000 Schweine geschlachtet. 30.000 sind von den Behörden genehmigt.

Nun soll der Betrieb langsam hochgefahren werden. „Wir wollen am Donnerstag mit 6000 bis 8000 Tieren beginnen”, sagte Unternehmenssprecher André Vielstädte. Deshalb würden auch nicht alle 600 Arbeiter sofort benötigt. Die geschlachteten Tiere lagert Tönnies zunächst in einem Kühlhaus.

Mehr Pausen wahrscheinlich

Die Behörden haben die Auflage gemacht, dass Schlachtarbeiter ständig eine medizinische, dreilagige Mund-Nase-Maske tragen müssen – selbst wenn der Mindestabstand eingehalten wird. „Das ist extrem anstrengend, und wenn die Arbeiter schwitzen, werden die Masken auch durchnässt. Das wird dazu führen müssen, dass es mehr Pausen gibt”, sagt Armin Wiese, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätte (NGG) in Ostwestfalen-Lippe. Auch Tönnies-Sprecher Vielstädte sprach von einer „großen Herausforderung”, die auf alle Mitarbeiter zukomme.

Durch den Produktionsstopp in Deutschlands größtem Schlachtbetrieb hatte sich ein Stau bei den Schweinemästern gebildet. Sie wurden ihre Tiere nicht los und in den Ställen wurde der Platz eng. Die Vertrags-Lieferanten, rund 20 Prozent, konnten auf andere Tönnies-Standorte im Emsland (Sögel), Schleswig-Holstein (Kellinghusen) und Sachsen-Anhalt (Weißenfels) ausweichen. Die anderen Mäster mussten sich auf dem freien Markt neue Schlachthöfe suchen.

Stadt kündigt intensivere Kontrollen an

Die Stadt Rheda-Wiedenbrück kündigte an, den Schlachtbetrieb bei Tönnies künftig intensiver zu kontrollieren. Auch auf die massiv in die Kritik geratene Unterbringung der Werkarbeiter will die Stadt ein besonderes Auge haben. Bei landesweiten Überprüfungen von Unterkünften für Arbeiter der Fleischindustrie waren zuletzt in NRW zahlreiche Mängel festgestellt worden - von Schimmelpilzen in armseligen Behausungen, undichten Dächern bis hin zu überbelegten oder sogar einsturzgefährdeten Gebäuden, wie NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) berichtete.

Ministerin fordert Kehrtwende

Nach dem Neustart bei Tönnies fordert Nordrhein-Westfalens Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) eine Kehrtwende. „Ein ’Weiter so’ kann und darf es nicht geben - zum Schutze der Menschen und zum Schutze der Tiere“, sagte sie am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur in Düsseldorf. „Wir müssen jetzt die Weichen neu stellen und vom Stall bis zur Ladentheke neujustieren.“

Wenn der Ausfall eines Glieds reiche, die ganze Kette ins Stocken zu bringen, sei das System nicht gesund. „Dies muss ein Weckruf sein.“ Tönnies stelle allein etwa 40 Prozent der Schlachtkapazität in NRW. „Man muss sich auch mal angucken, ob wirklich im Akkord geschlachtet und zerlegt werden muss“, sagte die Ministerin. Am Freitag beschäftigt sich der Landwirtschaftsausschuss des NRW-Landtags in einer Sondersitzung mit der Lage.

 

 

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