Chronologie der Corona-Krise rund um den Fleischkonzern Tönnies und den Kreis Gütersloh
Das Lockdown-Protokoll

Rheda-Wiedenbrück (WB). Mehr als 1500 positive Coronafälle in kürzester Zeit, die Schließung des Stammwerks von Deutschlands größtem Fleischkonzern Tönnies in Rheda-Wiedenbrück, 13 Tage mit Einschränkungen, Anfeindungen und Benachteiligungen für 364.000 Einwohner im Kreis Gütersloh: Der Teil-Lockdown sorgte bundesweit für Schlagzeilen. Die Ereignisse hatten eine Vorgeschichte – und sie wirken weiter nach. Eine Chronologie der Krise.

Mittwoch, 15.07.2020, 18:36 Uhr aktualisiert: 18.07.2020, 05:02 Uhr
Im Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück infizierten sich mehr als 1400 Mitarbeiter mit dem Corona-Virus. Das ließ die Fallzahlen im Kreis Gütersloh ab Mitte Juni explodieren – führte zu Massentests und zum Lockdown. Grafik: Kathrin Fischer, Fotos: dpa Foto:
Im Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück infizierten sich mehr als 1400 Mitarbeiter mit dem Corona-Virus. Das ließ die Fallzahlen im Kreis Gütersloh ab Mitte Juni explodieren – führte zu Massentests und zum Lockdown. Grafik: Kathrin Fischer, Fotos: dpa

8. Mai: Das Fleischwerk des Tönnies-Wettbewerbers Westfleisch im münsterländischen Coesfeld wird nach einem Corona-Ausbruch in der Belegschaft von den Behörden vorübergehend geschlossen. Das Land NRW beschließt zudem, die sonst landesweit am 11. Mai in Kraft tretenden Lockerungen der Corona-Regeln bei Kontaktbeschränkungen, Öffnung von Gaststätten, Fitnessstudios oder großen Geschäften im Kreis Coesfeld um eine Woche zu verschieben. Landesgesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) ordnet Tests in allen größeren Schlachthöfen in NRW an sowie Kontrollen der Unterkünfte ausländischer Werkvertragsarbeiter. Damit entbrennt eine neue Debatte um die Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter in der Fleischindustrie.

Fleischfabrikant Clemens Tönnies meldet sich zu Wort. Im Interview mit dem WESTFALEN-BLATT kritisiert er den „Generalverdacht“ gegen die Branche.

11. Mai: Auch bei Branchenprimus Tönnies startet der Massentest der rund 7000 Beschäftigten am Stammsitz in Rheda – fast die Hälfte davon sind osteuropäische Werkvertragsarbeiter. Angesichts der Belegschaftsgröße ist klar, dass der Betrieb in Corona-Zeiten einem Pulverfass gleicht, sollte sich das Virus hier ausbreiten.

13. Mai: Die ersten 800 Tests bei Tönnies sind allesamt negativ. Bei einer Pressekonferenz in Rheda führt der Konzernchef dies vor allem auf die Ende Februar eingeleiteten Schutzmaßnahmen im Werk zurück. Zugleich kritisiert er Laumann, der sich immer wieder die Fleischindustrie herausgreife. Das sei fast eine Manie, sagt Tönnies.

Dr. Gereon Schulze Althoff, Leiter des Pandemie-Krisenstabs bei Tönnies, erläutert zudem einen Aktionsplan mit 14 Punkten, der das Hygienekonzept erweitere. „Wir setzen damit unsere Strategie zur Risiko-Minimierung seit Beginn der Pandemie im Februar fort und schaffen verbindliche Vorgaben in den Bereichen Wohnen, Transport und Arbeit.“ Kernelement des Konzepts ist der Aufbau eines eigenen Zentrums für Corona-Tests. Dort will der Konzern Mitarbeiter auf eigene Kosten vorsorglich testen.

15. Mai: Das Dezernat für Arbeitsschutz der Bezirksregierung Detmold stellt bei einer Kontrolle im Tönnies-Werk in Rheda keine gravierenden Mängel fest, beanstandet aber Abweichungen vom Hygienekonzept: zu geringer Abstand zwischen Mitarbeitern der Produktion, zwischen Nutzern der Kantine sowie das nicht korrekte Tragen von Mund-Nasen-Schutz. Bei einer Nachkontrolle Ende Mai sind die Mängel abgestellt.

16. Mai: Bei Westcrown in Dissen (Landkreis Osnabrück), einem gemeinschaftlich von Westfleisch und Danish Crown betriebenen Schlacht- und Zerlegebetrieb, sind fast 100 Beschäftigte mit dem Coronavirus infiziert. Weitere Tests ergeben später positive Befunde bei der Hälfte der fast 300 Mitarbeiter. Der Betrieb muss danach für einige Tage ruhen.

18. Mai: Westfleisch nimmt den Betrieb in Coesfeld mit einem Testlauf ohne Tiere wieder auf.

20. Mai: Westfleisch startet in Coesfeld Teil zwei der Testphase – mit der Schlachtung von 1500 Schweinen unter behördlicher Beobachtung. Derweil beschließt die Bundesregierung, Werkverträge in der Fleischindustrie zum 1. Januar 2021 abschaffen zu wollen.

Clemens Tönnies bietet der Politik einen Dialog an, um „faire Werkverträge für die gesamte deutsche Wirtschaft” zu schaffen. Ein generelles Verbot des Instruments in der Fleischindustrie gefährde die heimische Produktion und könne zu einer Verlagerung von Tierhaltung, Schlachtung und Veredelung in andere europäische Länder führen, warnt er.

22. Mai: Der Kreis Gütersloh teilt mit, das von bislang gut 6400 Tests bei Tönnies in Rheda nur fünf positiv ausgefallen seien.

27. Mai: Bei den freiwilligen Untersuchungen des Tönnies-Konzerns im eigenen Testcenter werden zwei Infektionsherde erkannt: Einerseits wird ein Urlaubsrückkehrer positiv getestet. Zudem sind in einer Produktionsabteilung die Befunde von 18 der 120 Beschäftigten positiv. Zuvor hatten zwei Mitarbeiter mitgeteilt, an einem Kirchgang teilgenommen zu haben, bei dem auch im Nachhinein positiv getestete Westcrown-Mitarbeiter gewesen seien. Die infizierten Mitarbeiter und ihre direkten Kontaktpersonen gehen in Quarantäne.

8. Juni: Der Kreis Gütersloh teilt mit, dass zehn neue Infektionen überwiegend in Zusammenhang mit Tönnies-Mitarbeitern stehen.

10. Juni: Von 29 neuen Corona-Fällen im Kreis entfallen 27 auf Tönnies-Werkvertragsarbeiter. Zugleich wird das Endergebnis des am 8. Mai angeordneten Massentests bei Tönnies bekanntgegeben: Von 6335 Abstrichen waren 6328 negativ und sieben positiv.

12. Juni: Von 14 weiteren Infektionen im Kreis stehen 12 erneut in Zusammenhang mit Tönnies.

15. Juni: Über das lange Wochenende nach Fronleichnam sind weitere 48 Coronafälle gemeldet worden – 46 davon haben direkten Bezug zum Fleischkonzern in Rheda. Binnen einer Woche sind im Kreis Gütersloh 94 Neuinfektionen zu verzeichnen – der Großteil geht auf Tönnies zurück. „Das Unternehmen Tönnies und seine Werkvertragsnehmer tragen als Arbeitgeber eine außerordentlich große Verantwortung, dass es im Kreis Gütersloh nicht wieder zu einem Anstieg der Infektionen in der Bevölkerung kommt. Die Infektionszahlen müssen wieder sinken! Und wenn die bisherigen Maßnahmen nicht gereicht haben, müssen weitere ergriffen werden“, erklärt Kreis-Krisenstabsleiter Thomas Kuhlbusch. Der Kreis stehe mit dem Land und dem Dezernat für Arbeitsschutz in Kontakt.

Kuhlbusch weist erstmals auch auf die mögliche Gefahr von Beschränkungen für die Allgemeinheit hin, sollte der Grenzwert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche überschritten werden. Auf die Bevölkerung im Kreis Gütersloh bezogen entspricht dieser Wert 182 Fällen in einer Woche.

16. Juni: Inzwischen sind 128 Tönnies-Beschäftigte binnen einer Woche positiv getestet worden. Alle arbeiten in der Sauenzerlegung, in der insgesamt 1000 Mitarbeiter tätig sind. Um das Risiko einer weiteren Ausbreitung zu minimieren, sagt der Fleischkonzern zu, insbesondere den Personaleinsatz in diesem besonders betroffenen Bereich der Zerlegung zu halbieren. Damit sollen die Abstände zwischen den Arbeitern vergrößert werden. Zudem solle die Belüftung mit Frischluft sowie UV-Strahlen verbessert und das Raumklima verändert werden, erklärt der Konzern. „In unseren Zerlegebe­reichen herrschen sozusagen spätwinterliche Temperaturen. Es mehren sich die Erkenntnisse, dass die dortigen mikro­klimatischen Bedingungen die Verbreitung besonders begünstigen können“, sagt Konzern-Krisenstabsleiter Schulze Althoff. In der Vorwoche seien der Einsatz medizinischer Mund-Nasen-Schutzmasken und optimierte Lüftungskonzepte beschlossen worden.

Der Kreis ordnet einen Test sämtlicher Mitarbeiter der Abteilung an. Selbst im Falle eines weiteren Anstiegs der Infektionszahlen über den festgelegten Grenzwert von 50 will Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) aber einen Lockdown unbedingt verhindern. Es handele sich um ein klar lokalisierbares Infektionsgeschehen.

17. Juni: 983 Befunde vom Test der Mitarbeiter in der Sauenzerlegung liegen vor – 657 davon sind positiv! Der Kreis überschreitet damit die Marke von 182 Neuinfektionen binnen sieben Tagen deutlich. Der Krisenstab des Kreises beschließt daraufhin mehrere Maßnahmen, um eine Weiterverbreitung des Virus zu minimieren: Die Schulen und Kitas werden vom nächsten Tag an geschlossen. Für den Fleischkonzern wird die unverzügliche Schließung des Schlachtbetriebs in Rheda verfügt. Die nachgelagerte Produktion ist sukzessive herunterzufahren. Alle positiv getesteten Mitarbeiter und deren Kontaktpersonen sowie alle noch nicht getesteten Beschäftigten in der Tönnies-Produktion werden in Quarantäne geschickt. Die Krise strahlt damit auch auf Nachbarkreise aus. Erneut soll die gesamte Belegschaft getestet werden. „Einen allgemeinen Lockdown im Kreis Gütersloh wird es nicht geben“, teilt die Kreisverwaltung mit. Dies hätten Landrat Adenauer und NRW-Gesundheitsminister Laumann gemeinsam festgelegt. Tönnies-Pressesprecher Dr. André Vielstädte entschuldigt sich im Namen der Inhaberfamilie und des Konzerns.

Derweil fordert 50-Prozent-Mitgesellschafter Robert Tönnies seinen Onkel Clemens zum Rücktritt auf. Dass der Konzernchef die vom Neffen seit 2017 immer wieder geforderte Abschaffung der Werkverträge blockiert habe, sei mitursächlich für den Ausbruch.

18. Juni: Von nun 1106 ausgewerteten Abstrichen von Tönnies-Beschäftigten sind 730 Befunde positiv. Davon abgesehen gebe es im Kreisgebiet weiterhin in nur wenigen Einzelfällen aktive Corona-Infektionen. Eltern protestieren gegen die Schul- und Kita­schließungen. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) äußert die Vermutung, dass das ­Virus bei Tönnies von Heimatbesuchen der Arbeiter aus Bulgarien und Rumänien stamme. Eine Aussage, die viel Kritik hervorruft.

19. Juni: 25 Soldaten der Bundeswehr unterstützen die Massentests beim Fleischkonzern. Die Zwischenbilanz: 803 positive Befunde, 463 negative. Die vorsorgliche 14-Tage-Quarantäne wird erweitert auf alle Beschäftigten bei Tönnies, inklusive Verwaltung und Konzernspitze um Clemens Tönnies. Auch die Betriebsschließung gilt zunächst bis 2. Juli. Laschet schließt einen regionalen Lockdown nicht mehr aus.

Bei der Staatsanwaltschaft Bielefeld sind mehrere Strafanzeigen gegen den Konzern wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung und Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz eingegangen. Die Behörde leitet ein Ermittlungsverfahren ein – zunächst gegen Unbekannt.

Derweil stiftet ein Video aus der Tönnies-Kantine, das Arbeiter dicht an dicht zeigt, Verwirrung. Der Konzern erklärt schließlich, die Aufnahmen stammten von Ende März – bevor es strengere Vorgaben für Kantinen gab.

20. Juni: Im Tönnies-Werk laufen die letzten Arbeiten in nachgelagerten Abteilungen. Dann ruht der Betrieb. 3127 Befunde liegen nun vor – davon sind 2098 negativ und 1029 positiv. Der Kreis bemängelt fehlende Kooperation des Konzerns und der Subunternehmen bei der Herausgabe von Adressen der Werkvertragsarbeiter. Die Firmen verweisen auf datenschutzrechtliche Probleme. Die Behörden beschaffen sich die Listen schließlich in einer mehrstündigen Aktion am späten Abend auf dem Werksgelände.

In Verl wird zur Sicherstellung der Quarantäne eine ganze Siedlung, in der hunderte Tönnies-Mitarbeiter wohnen, eingezäunt.

21. Juni: Die Testung von 6139 Tönnies-Mitarbeitern ist abgeschlossen – nach Angaben des Kreises halten sich einige noch im Mai getestete Arbeiter nicht mehr im Kreis auf. Sie seien offenbar in ihre Heimat zurückgekehrt. 5899 Befunde liegen vor: 4568 sind negativ, 1331 positiv. Ministerpräsident Laschet und Minister Laumann kommen nach Gütersloh. Es gebe zwar weiterhin „ein enormes Pandemie-Risiko“, sagt Laschet. Das Infektionsgeschehen sei aber klar bei der Firma Tönnies lokalisierbar. Es gebe keinen „signifikanten Übersprung“ in die Bevölkerung. Daher gelte weiter, „dass wir einen flächendeckenden Lockdown im Moment nicht ausschließen können“, aber solange ein Überspringen vermieden werden könne, gebe es „andere, bessere, zielgerichtetere Maßnahmen“.

Krisenstabsleiter Kuhlbusch sagt vor allem mit Blick auf den Ärger um die Adresslisten: „Das Vertrauen, das wir in die Firma Tönnies setzen, ist gleich Null.“

Konzernchef Clemens Tönnies äußert sich erstmals persönlich. Er spricht von einer „existenziellen Krise des Unternehmens“. Seinen Rücktritt schließt der 64-Jährige aus. Er werde sein Unternehmen und die Mitarbeiter nicht im Stich lassen, sondern aus der Krise führen. Zudem sagt Tönnies: „So werden wir nicht weitermachen. Wir werden die Branche verändern.“ Und er sagt zu, die Kosten für die Tests der Bürger im Kreis Gütersloh zu übernehmen.

22. Juni: Die Zahl der positiven Befunde bei Tönnies steigt zum Vortag um weitere 222 auf 1553. Der Kreis betont aber, dass mögliche Doppelerfassungen der Getesteten geprüft werden müssten, da auch mobile Teams in den Unterkünften Abstriche bei Mitarbeitern und Mitbewohnern nehmen.

23. Juni : Ministerpräsident Laschet verkündet einen zunächst auf eine Woche befristeten „Lockdown“ für den Kreis Gütersloh als „Vorsichtsmaßnahme“, später kommt auch der Kreis Warendorf hinzu, in dem weitere infizierte Tönnies-Beschäftigte leben, und der nun ebenfalls eine Infektionsrate über dem Grenzwert aufweist. Konkret werden die Kontaktbeschränkungen verschärft, so dass sich im öffentlichen Raum nur Personen aus einem Haushalt oder zwei Personen treffen dürfen. Hallenbäder, Kinos, Bars und Museen werden geschlossen, Geschäfte und Restaurants dürfen aber weiter öffnen. Um sich ein Bild über das Infektionsgeschehen zu machen, ruft das Land Bürger zu freiwilligen Massentests auf. Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe richtet ein Corona-Diagnosezentrum für die Bevölkerung ein, auch um Hausärzte zu entlasten. Die Zahl der nachweislich akut Infizierten steigt auf 1228 Menschen – gerade einmal 24 haben keinen Bezug zu Tönnies. Aus Städten im Kreis, in denen keine oder kaum Infektionsfälle bekannt sind, wird Kritik laut, dass der Lockdown auch dort gilt.

24. Juni: Die Nachbarstädte und Kreise Münster und Osnabrück verhängen für Bürger aus Gütersloh und Warendorf Einschränkungen. Landrat Adenauer kritisiert dies als Stigmatisierung und absurd. Es gibt Berichte über Anfeindungen von Menschen, die mit ihrem Auto in diese Regionen fahren. Erste Bundesländer sprechen zudem Beherbergungsverbote für Bürger aus den Kreisen Gütersloh und Warendorf aus. Sie brauchen einen negativen Coronatest, um reisen zu können. Vor dem Testzentrum bilden sich Warteschlangen. Schon vormittags wird ein Stopp verhängt, weil der Ansturm sonst nicht abzuarbeiten wäre.

Derweil stellt der Bonner Hygieniker Professor Martin Exner erste Erkenntnisse zur möglichen Ursache der umfassenden Verbreitung des Virus bei Tönnies vor. Demnach könne die Umluft-Lüftungsanlage wie eine Virenschleuder gewirkt haben.

Die Opposition im Landtag – SPD und Grüne – wirft Laschet vor, auf den Corona-Ausbruch bei Tönnies zu spät reagiert zu haben.

25. Juni: Zu den freiwilligen Tests von Bürgern liegen erste Befunde vor. Von 1655 Proben sind drei positiv. Laumann spricht von einem „Hoffnungsschimmer“. Angesichts des großen Andrangs wird die Zahl der Testzentren auf sechs erhöht. Der Kreis veröffentlicht zudem das Endergebnis der Reihenuntersuchung bei Tönnies: von 6139 Tests waren 1413 positiv.

26. Juni: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) telefoniert mit Landrat Adenauer. Die Bürger des Kreises Gütersloh seien unverschuldet in die aktuelle Situation gekommen, sagt sie nach Angaben Adenauers. Durch den Lockdown und die damit verbundenen Beschränkungen leiste die Bevölkerung einen sehr wichtigen Beitrag, damit sich das Virus nicht über den Kreis hinaus auch in Deutschland ausbreiten könne. Derweil sagt Laschet, „es wird derzeit sehr genau geprüft, ob und gegen welche Regeln das Unternehmen verstoßen hat und wo es in Haftung genommen werden kann“.

27. Juni: Nach Einschätzung des Kreises und des RKI steigt die Zahl der Infizierten in der Bevölkerung „merklich“ an. Nun seien 75 Fälle von Bürgern bekannt – viele der Betroffenen zeigten aber keinerlei Symptome. Derweil gibt es Unmut, weil die Ergebnisse von Tests in einigen Diagnosezentren nicht der jeweiligen Personen zuzuordnen sind. Kreis und Labor bessern schließlich nach. 637 Einsatzkräfte plus Polizei sind inzwischen im Kreis im Einsatz, um die Quarantäne zu überwachen und die Versorgung der Menschen sicherzustellen sowie Tests zu machen.

28. Juni: Die Zahl der positiv getesteten Menschen in der Allgemeinbevölkerung steigt auf 107 Fälle binnen einer Woche.

29. Juni: In Düsseldorf treten Laschet, Laumann und die Landräte der Kreise Gütersloh und Warendorf vor die Presse. Für den Kreis Gütersloh wird der Lockdown „aus Vorsicht“, wie Laschet erneut sagt, um eine weitere Woche verlängert. Für den Kreis Warendorf werden die Beschränkungen indes mit Ablauf des 30. Juni aufgehoben – auch, weil die Infektionsrate dort unter den Grenzwert von 50 fällt. Der Kreis Gütersloh mietet derweil eine früher von britischen Soldaten genutzte Siedlung an, um bis zu 500 Personen dort getrennt in Quarantäne unterbringen zu können. Aus den Testzentren für Bürger im Kreis Gütersloh liegen 11.593 Befunde vor: nur 23 sind positiv.

30. Juni: Landrat Adenauer kritisiert Probleme bei der Versorgung von Werkvertragsarbeitern in Quarantäne. Einige Subunternehmen kämen ihrer Versorgungspflicht nicht nach. Hilfsdienste müssten einspringen. Die Infektionsrate im Kreis sinkt unter 100 Fälle pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen. Dass 109 Bürger positiv getestet wurden, führen Kreis und RKI auch auf die Dunkelziffer zurück: Viele zeigten eine Restpositivität nach einer länger zurückliegenden Infektion.

1. Juli: Das NRW-Gesundheitsministerium verlängert die Quarantäne für Tönnies-Beschäftigte und deren Mitbewohner um weitere 14 Tage bis zum 17. Juli – nur ein erneuter Negativtest kann diese vorzeitig beenden. Wegen sinkender Auslastung der sechs Testzentren wird eines geschlossen. Die 7-Tage-Inzidenz sinkt auf 78.

2. Juli: Es wird bekannt, dass der frühere SPD-Parteichef und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel von März bis Ende Mai als Berater für den Tönnies-Konzern tätig war. Sein Honorar: 10.000 Euro pro Monat und eine vierstellige Pauschale pro Reisetag. Vor allem in der SPD ist die Empörung groß. Derweil gelten im Kreis 1550 Menschen als akut infiziert. Die Infektionsrate liegt nun bei 76.

3. Juli: Die mobilen Teams suchen vorrangig Haushalte auf, in denen bislang nur negativ getestete Tönnies-Beschäftigte leben. Ein weiterer Negativtest hebt die Quarantäne auf. 1111 Menschen gelten 14 Tage nach dem positiven Befund als genesen – sie zeigten keine Anzeichen der Erkrankung.

4. Juli: Die Infektionsrate sinkt auf 66,5. Die Hoffnung auf ein Ende des Lockdowns wächst weiter.

5. Juli: Auf Basis von Zahlen der Kreisverwaltung sinkt die Infektionsrate unter den für den Lockdown maßgeblichen Grenzwert von 50 Fällen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche. Von den Tests durch mobile Teams in den Tönnies-Haushalten liegen 1000 Befunde vor – fast alle negativ. Auf dieser Basis soll die Quarantäne erster Mitarbeiter aufgehoben werden. Das gilt auch für Clemens Tönnies. Das Land lässt offen, wann eine Entscheidung über ein Auslaufen oder eine Verlängerung des Lockdowns fällt.

6. Juli: Vertreter von Behörden und Tönnies kommen zu Gesprächen über ein Konzept zur Wiederaufnahme des Betriebs zusammen. Das RKI gibt die – in der Regel um einen Tag verzögerte – Infektionsrate mit 50,5 an. Am Nachmittag dann der Paukenschlag: Das Oberverwaltungsgericht des Landes NRW kippt den Lockdown im Kreis Gütersloh mit sofortiger Wirkung. Die flächendeckenden Beschränkungen seien zu Beginn der Krise angemessen gewesen, um einen Überblick über das Infektionsgeschehen gewinnen zu können. Zwischenzeitlich sei aber eine differenziertere Regelung möglich und erforderlich gewesen. Auf Basis der Massentests unter den Einwohnern variiere die Verteilung der Neuinfektionen innerhalb der Kommunen erheblich, so dass für einige Städte und Gemeinden die Beschränkungen eine nicht mehr zulässige Benachteiligung gegenüber anderen Kommunen in NRW darstelle.

7. Juli: Das RKI gibt die 7-Tage-Inzidenz mit nur noch 35,4 an. Als erste Bundesländer heben Bayern und Mecklenburg-Vorpommern das Beherbergungsverbot auf.

8. Juli: Die Kitas im Kreis öffnen wieder. Die Auslastung der Testzentren sinkt derweil weiter. Deshalb bleiben nur zwei noch geöffnet. Von rund 15.000 Tönnies-Mitarbeitern und Mitbewohnern sind noch rund 4500 in Quarantäne.

9. Juli: Die Verwaltung des Tönnies-Konzerns darf unter strengen Vorgaben die Arbeit wieder aufnehmen. Techniker beginnen mit der Umrüstung der als Virenschleuder identifizierten Lüftungsanlage in der Zerlegung des Tönnies-Stammwerks.

10. Juli: Der Tönnies-Konzern und Subunternehmen beantragen Lohnkosten-Erstattungen vom Land NRW für die Zeit der behördlich verfügten Betriebsschließung. Das Vorgehen trifft in der Politik auf Kritik und Unverständnis. Derweil fordern Schweinebauern eine baldige Wiederaufnahme des Betriebs bei Tönnies. In den Ställen stauen sich Zehntausende schlachtreife Tiere.

13. Juli: Die Behörden erlauben unter strengen Schutzauflagen die Wiederaufnahme des Betriebs der Tönnies-Tochter „Tillman’s“, die mit 1200 Mitarbeitern Fertiggerichte und abgepacktes Frischfleisch produziert. Im Schlacht- und Zerlegebereich laufen Tests mit der Belüftungsanlage.

14. Juli: Bei „Tillman’s“ startet der Betrieb nach Firmenangaben mit einigen hundert Mitarbeitern.

16. Juli: Der Schlachtbetrieb bei Tönnies in Rheda wird wieder aufgenommen.

17. Juli: Auch in der besonders vom Corona-Ausbruch bei Tönnies betroffenen Zerlegung darf nach vierwöchiger Pause wieder gearbeitet werden – zunächst aber nur im Testbetrieb unter behördlicher Aufsicht. Dort setzt der Konzern nun auf neue Filtertechnik, Trennscheiben und mehr Frischluft. Das neue Hygienekonzept sei zwei Wochen lang von verschiedenen Behörden geprüft worden, sagt Landrat Sven-Georg Adenauer. „Ganz wichtig ist, dass durch die jetzt aufgestellten Filter es möglich ist, im gesamten Zerlegebereich, in dem sich das Virus ja auch ausgetobt hat, innerhalb von einer Stunde die Luft drei Mal komplett auszutauschen.“

Der Hygiene-Professor Martin Exner sieht die Anti-Corona-Maßnahmen bei Tönnies als mögliches Vorbild für andere Unternehmen. „Wir haben jetzt ein sehr abgewogenes Hygienekonzept, das kann eine Blaupause für andere Betriebe in ganz Deutschland werden.“

Inzwischen sind bei der Staatsanwaltschaft rund 50 Strafanzeigen im Fall Tönnies eingegangen. Die Behörde ermittelt wegen des massiven Corona-Ausbruchs nun gegen die Geschäftsführung des Konzerns. Grund dafür sei aber kein neuer Ermittlungsstand, sondern das übliche Fortschreiben eines solchen Verfahrens, sagt ein Sprecher der Bielefelder Staatsanwaltschaft. Die Behörde hatte das Ermittlungsverfahren wegen des Anfangsverdachts auf fahrlässige Körperverletzung und Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz zunächst gegen Unbekannt eingeleitet.

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