Der Chef von Deutschlands größtem Fleischkonzern im WESTFALEN-BLATT-Interview
Clemens Tönnies: „Ich stehle mich aus keiner Verantwortung“

Rheda-Wiedenbrück (WB). Nach dem massenhaften Corona-Ausbruch in seinem Fleischwerk in Rheda-Wiedenbrück steht der Tönnies-Konzern weiter im Blickpunkt. Am Freitag kam es rund um den Betrieb erneut zu Demonstrationen. Klima- und Tierschützer hatten zu Protesten aufgerufen. Auf der Gegenseite hatten Landwirte aus der Region zum Grillen vor der Firmenzentrale eingeladen. Derweil richtet die Staatsanwaltschaft Bielefeld ihre Ermittlungen jetzt gegen die Tönnies-Geschäftsführung.

Samstag, 18.07.2020, 04:01 Uhr aktualisiert: 18.07.2020, 15:54 Uhr
Clemens Tönnies. Foto: Friso Gentsch/dpa
Clemens Tönnies. Foto: Friso Gentsch/dpa

Grund dafür seien aber keine neuen Erkenntnisse, sondern das übliche Fortschreiben des Verfahrens, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Die Behörde hatte die Ermittlungen wegen des Anfangsverdachts auf fahrlässige Körperverletzung und Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz zunächst gegen Unbekannt eingeleitet. Inzwischen liegen rund 50 Strafanzeigen vor.

Clemens Tönnies im WESTFALEN-BLATT-Interview

Im Interview mit dem WESTFALEN-BLATT betonte Clemens Tönnies (64), der Konzern habe sich „immer an Recht und Gesetz gehalten“ . Er trage aber als Unternehmer Verantwortung. Zugleich gibt sich der Chef des größten deutschen Fleischkonzerns selbstbewusst und kämpferisch. Tönnies sagte aber auch: „Mir tut es unendlich leid, dass wir der Auslöser des Lockdowns waren. Und natürlich leide ich emotional, weil der Kreis Gütersloh meine Heimat ist.“ Mit Blick auf die Anfeindungen ihm ge­genüber sagte er: „Was mich getroffen hat, sind auch einige ernst zu nehmende Morddrohungen gegen meine Familie und mich.“

Für manchen Vorwurf seitens der Politik habe er kein Verständnis. „Wir wissen bis heute nicht, welchen Rechtsbruch wir begangen haben sollen. Ich stehle mich aus keiner Verantwortung. Doch ich bin nicht Corona.“ Offensichtlich gebe es viele Leute, die sich auf Kosten des Konzerns politisch profilieren wollten.

Auch die Empörung über den Antrag auf Erstattung von Lohnkosten kann Tönnies nicht nachvollziehen: „Die Frage ist doch: Ist unser Mitarbeiter weniger wert als andere Beschäftigte, die auch Quarantänehilfen bekommen? Das ist für mich eine Frechheit. Wir müssen verhindern, dass Mitarbeiter hier stigmatisiert werden und Dienstleister, die ja nicht nur bei uns arbeiten, in die Insolvenz getrieben werden.“

NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hatte erst am Donnerstag bekräftigt, dass das Land alles daran setzen werde, „dass Tönnies keinen Cent erhält“. Tönnies erklärte, notfalls vor Gericht zu ziehen.

Derweil kündigte er auch Veränderungen im Umgang mit Werkvertragsarbeitern an. „Wir werden die Wohnsituation der Beschäftigten in unsere Verantwortung bringen.“ Zugleich solle ein Teil der Arbeiter fest eingestellt werden. Tönnies sprach sich auch dafür aus, „den Mindestlohn für die Fleischwirtschaft erheblich zu erhöhen und allgemeinverbindlich zu machen“. Dabei müsse aber die gesamte Branche mitziehen.

Mit Blick auf die weiteren Aufgaben erklärte Tönnies: „Wir haben in erster Linie für unsere Mitarbeiter, für die Bauern und unsere Kunden dafür zu sorgen, dass wir eine sichere Produktion haben. Ich fühle mich verantwortlich und bin immer einer, der Probleme abstellt, wenn sie auftauchen.“

Zu Plänen der Politik, einen Aufschlag beim Fleischpreis einzuführen, sagte Tönnies: „Das wird sich im Laden garantiert nicht unerheblich auswirken. Wir haben kein Problem damit, wenn das für alle gleichermaßen gilt. Der Verbraucher muss wissen, dass er tiefer in die Tasche greifen muss.“

Kreis stimmt Wiederaufnahme des Betriebs bei Tönnies zu

Derweil teilte der Kreis Gütersloh am Freitagabend mit, dass er „dem Wiederanlaufen des Betriebes beim Fleischkonzern und Schlachthof Tönnies zugestimmt“ habe. Auf dieser Grundlage werde die Stadt Rheda-Wiedenbrück als zuständige Behörde eine Verfügung mit weiteren Auflagen zum Infektionsschutz für das Unternehmen erlassen. Im Auftrag des Kreises habe zuvor ein Expertenteam aus Arbeitsmedizinern und Arbeitshygienikern am Freitag den laufendem Betrieb mit verringerten Stückzahlen in der Zerlegung bei Tönnies begutachtet. „So wurde die Wirkung aller Maßnahmen, die nun in einem Hygienekonzept umgesetzt wurden, getestet“, teilte der Kreis mit.

Hygiene-Experte: „Blaupause für andere Betriebe“

Der Bonner Hygiene-Experte Prof. Dr. Martin Exner erklärte: „Wir haben jetzt ein sehr abgewogenes Hygienekonzept, das kann eine Blaupause für andere Betriebe in ganz Deutschland werden.“ Den aktuellen Stand verdeutlichte Exner anhand eines Ampel-Systems. Nach der Rot-Phase, in der ein Betrieb geschlossen ist, folge die Gelb-Phase, in der ein neues Hygienekonzept in der Anwendung überprüft werde. „Wir sind in der Gelb-Phase, wir sind noch nicht auf grün, sondern in der weiteren Beobachtung“, sagte Exner. Es gebe aktuell keine offensichtlichen Mängel in der Funktionsweise. Wenn die Tragfähigkeit des Konzeptes – kenntlich an der Infektionsrate – sich bestätigt habe, erst dann gehe man in die Grün-Phase. Es sei nicht auszuschließen, dass in der Zwischenzeit Maßnahmen – bis hin zur Schließung des Werks – auferlegt werden müssen.

In der Verantwortung sieht Exner in erster Linie das Unternehmen selbst. Die Zerlegung ist der Hotspot der Infektionen gewesen. „Dort ist eine wesentliche Verbesserung durch ein neues Lüftungskonzept, die Einhaltung von Mindestabständen und das Tragen von Mund-Nasen-Schutz erzielt worden“, teilte der Kreis mit. Reihentestungen, die in einer neuen Verfügung festgeschrieben werden, sollen die Probezeit flankieren. Die Kontrollen der Neuerungen im Konzept würden zudem durch die Behörden engmaschig durchgeführt. „Wer 100prozentige Sicherheit will, der muss Betriebe schießen“, sagte Exner. Landrat Sven-Georg Adenauer erklärte: „Jetzt ist es das Unternehmen Tönnies, das beweisen kann, dass es aus der Vergangenheit gelernt hat.“

Sondersitzung des NRW-Landtag

In einer Sondersitzung des NRW-Landtags erklärte Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser (CDU), die coronabedingte Schließung von Schlachthöfen habe allein in NRW zu einem wöchentlichen „Schweine-Stau“ von etwa 70.000 Tieren geführt. Ein ähnlicher „Rückstau“ habe sich bei den Ferkelzüchtern gebildet. Notschlachtungen von Schweinen wegen Platzmangels in den Ställen werde NRW keinesfalls erlauben, betonte sie.

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Am Freitag gab es erneut Proteste vor dem Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück.

Am Freitag gab es erneut Proteste vor dem Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück. Foto: dpa

Kommentare

Denis  schrieb: 18.07.2020 21:42
Wenn er wirklich die Verantwortung übernimmt, zahl er jeden Cent (aus privater Tasche) die der Corona-Ausbruch gekostet hat, inklusiver sämtlicher Einsatzstunden etc. der Hilfsorganisationen und alle sonstigen Kosten damit dies nicht der Steuerzahler machen muß.
1 Kommentare
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