Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften habe dagegen „keine wesentliche Rolle“ gespielt
Helmholtz-Studie: Corona-Übertragungen bei Tönnies im Mai erfolgten über weite Distanzen in klimatisiertem Arbeitsbereich

Hamburg/Braunschweig/Rheda-Wiedenbrück (WB/epd). Einer Studie zufolge waren für den Corona-Ausbruch im Fleischwerk Tönnies im Mai 2020 die Arbeitsbedingungen verantwortlich, nicht etwa die Wohnsituation der Arbeiter.

Donnerstag, 23.07.2020, 15:38 Uhr aktualisiert: 23.07.2020, 18:12 Uhr
Illustration. Foto: picture alliance / dpa
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In einer gemeinsamen Studie des Heinrich-Pette-Instituts, Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie (HPI), des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) und des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig waren die Ursprünge des ersten SARS-CoV-2-Ausbruchs im Mai 2020 bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück, dem größten Fleischverarbeitungskomplex Deutschlands, untersucht worden. Die Studien-Ergebnisse sind nun auf der Preprint-Plattform SSRN erschienen. Eine Publikation in einem Fachjournal mit Peer-Review-Verfahren soll folgen.

Virusübertragung über mehr als acht Meter hinweg festgestellt

Die Ergebnisse rekonstruieren einer Mitteilung vom Donnerstag zufolge die initialen Übertragungsereignisse im Mai 2020: Ausgehend von einem einzigen Mitarbeiter sei das Virus auf mehrere Personen in einem Umkreis von mehr als acht Metern übertragen worden. Die hauptsächliche Übertragung fand demnach im Zerlegebereich des Betriebes statt, in dem Luft fortwährend umgewälzt und auf zehn Grad Celsius gekühlt werde . Demgegenüber habe die Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften während der untersuchten Phase des Ausbruchs keine wesentliche Rolle gespielt.

Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung HZI in Braunschweig.

Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung HZI in Braunschweig. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Neue Virusmutationen gefunden: fortlaufendes Ausbruchsgeschehen?

Zudem zeige eine Auswertung der Virussequenzen, dass sich alle SARS-CoV-2-positiv getesteten Personen aus dem Infektionscluster im Mai 2020 einen Satz von acht Mutationen teilten, der zuvor noch nicht beobachtet worden sei. Die gleiche Kombination von Mutationen habe auch in Proben aus der Zeit zwischen dem anfänglichen Infektionscluster und dem nachfolgenden, sehr viel größeren Ausbruch im Juni 2020 in derselben Fleischverarbeitungsanlage nachgewiesen werden können - eine Beobachtung, die auf ein fortlaufendes Ausbruchsgeschehen hindeute.

Prof. Adam Grundhoff, Mitautor der Studie und Forschungsgruppenleiter am HPI: „Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Bedingungen im Zerlegebetrieb – also die niedrige Temperatur, eine niedrige Frischluftzufuhr und eine konstante Luftumwälzung durch die Klimaanlage in der Halle , zusammen mit anstrengender körperlicher Arbeit – die Aerosolübertragung von SARS-CoV-2-Partikeln über größere Entfernungen hinweg förderten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Faktoren generell eine entscheidende Rolle bei den weltweit auftretenden Ausbrüchen in Fleisch-oder Fischverarbeitungsbetrieben spielen. Unter diesen Bedingungen ist ein Abstand von 1,5 bis 3 Metern alleine ganz offenbar nicht ausreichend, um eine Übertragung zu verhindern.“

Was heißt das für andere Lebensbereiche?

Melanie Brinkmann, Professorin an der Technischen Universität Braunschweig und Forschungsgruppenleiterin am HZI: „Unsere Studie beleuchtet SARS-CoV-2-Infektionen in einem Arbeitsbereich, in dem verschiedene Faktoren aufeinandertreffen, die eine Übertragung über relativ weite Distanzen ermöglichen. Es stellt sich nun die wichtige Frage, unter welchen Bedingungen Übertragungsereignisse über größere Entfernungen in anderen Lebensbereichen möglich sind.“

Mehr als 2100 Corona-Infektionen im Zusammenhang mit Tönnies?

Mehr als 2100 Corona-Infektionen stehen nach Angaben des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministers Karl-Josef Laumann (CDU) im Zusammenhang mit dem Tönnies-Schlachthof. Bei weiteren 67 Fällen gelte ein Zusammenhang als möglich, sagte Laumann der „Neuen Osnabrücker Zeitung“.

Laumann: 41 im Krankenhaus, keine Toten

„Von den sicher dem Ausbruch zuzuordnenden Fällen sind meiner Kenntnis nach insgesamt 41 Personen stationär versorgt worden. Verstorben ist bisher offenbar zum Glück niemand“, sagte Laumann. Die Lage im Kreis Gütersloh, in dem der Schlachthof liegt, habe sich beruhigt.

Die Gesundheit von Arbeitnehmern hänge eng mit Arbeitsschutz und Wohnkultur zusammen, sagte Laumann. Er erwarte, dass das von der Bundesregierung angekündigte Verbot der Werkverträge in der Fleischindustrie umgesetzt wird. „Viele Politiker, auch in meiner Partei, die ja bislang durchaus kritisch waren, sagen: Jetzt reicht es“, sagte Laumann der Zeitung.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat angekündigt, das Werkvertragssystem in der Fleischindustrie zum 1. Januar 2021 zu beenden. Zudem sollen Bußgelder bei Arbeitszeitverstößen erhöht und die Kontrollen verschärft werden. Heil will noch in diesem Monat einen Gesetzentwurf vorlegen.

 

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