Fleischkonzern widerspricht Vorwurf der Umgehung des Werkvertragsverbots
Tönnies verteidigt Tochterfirmen

Rheda-Wiedenbrück (WB). Der Fleischkonzern Tönnies weist Vorwürfe zurück, dass er mit 15 neuen Tochterfirmen die zum Jahreswechsel geplante Abschaffung von Werkverträgen und Leiharbeit in der Branche umgehen wolle. Auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat bekräftigt, dass es Ausnahmen nur für Handwerksbetriebe bis 49 Mitarbeitern gebe, nicht für die Fleischindustrie.

Freitag, 31.07.2020, 06:21 Uhr aktualisiert: 31.07.2020, 06:30 Uhr
Bislang sind bei Tönnies die Werkvertragsarbeiter in den Kernbereichen Schlachtung, Zerlegung und Verpackung gegenüber der Stammbelegschaft in der Überzahl. Bis zum Jahreswechsel sollen die oft osteuropäischen Arbeiter direkt bei Tönnies-Firmen angestellt werden. Foto: dpa
Bislang sind bei Tönnies die Werkvertragsarbeiter in den Kernbereichen Schlachtung, Zerlegung und Verpackung gegenüber der Stammbelegschaft in der Überzahl. Bis zum Jahreswechsel sollen die oft osteuropäischen Arbeiter direkt bei Tönnies-Firmen angestellt werden. Foto: dpa

Indes könnte für Werkvertragsarbeiter der Wechsel in eine Direktanstellung bei Konzernen wie Tönnies, Westfleisch und Co zumindest zunächst Nachteile mit sich bringen. Das erklärt Armin Wiese, Geschäftsführer der Gewerkschaft NGG in OWL.

Der Rheda-Wiedenbrücker Fleischkonzern hatte, wie berichtet, Mitte Juli 15 neue Unternehmen ins Handelsregister eintragen lassen. Die Firmen tragen den Namen „Tönnies-Production“ und als Zusatz römische Ziffern von 1 bis 15. Als Geschäftsführer sind Konzern-Justiziar Martin Bocklage und Personalleiter Sven Geier eingetragen. Der Konzern mit bislang schon mehr als 400 Tochterfirmen spricht von Vorratsgesellschaften und einem völlig normalen Vorgang in der derzeitigen Lage, um flexibel reagieren zu können.

„Sind mitten in diesem Prozess“

Wir haben angekündigt , alle Mitarbeiter in den Kernbereichen der Produktion direkt anzustellen. Dabei bleibt es. Wir sind mitten in diesem Prozess und wollen im September die ersten 1000 bisherigen Werkvertragsarbeiter in Rheda-Wiedenbrück fest eingestellt haben“, sagt ein Konzernsprecher. Am Stammsitz sind derzeit die Hälfte der 6500 Mitarbeiter Werkvertragler, der überwiegende Teil ist in Schlachtung, Zerlegung sowie Verpackung tätig.

„Für die Festanstellungen braucht es rechtliche Grundlagen. Es ist momentan noch völlig unklar, welche Organisationsformen das geplante Gesetz vorsieht. Vorsorglich haben wir deshalb diese Gesellschaften gegründet“, erklärt der Sprecher. Mit diesen Vorratsgesellschaften könne Tönnies Direkteinstellungen an verschiedenen Standorten und für die verschiedenen Gesellschaften im Konzern schnell umsetzen.

Individuelle Vertragsangebote

Zur Vorbereitung der Übernahme möglichst vieler Werkvertragsarbeiter sei der Konzern derzeit „in guten Gesprächen“ mit bisherigen Werkvertragsunternehmen, auch um über Formen „der künftigen Zusammenarbeit zu reden. Wir können diese Strukturen nicht komplett selbst aufbauen, brauchen weiterhin kompetente Ansprechpartner etwa bei der Rekrutierung der Arbeitskräfte“, sagt der Sprecher. Vor allem Vorarbeiter, die sowohl deutsch als auch die Heimatsprache der osteuropäischen Werkvertragsarbeiter sprechen, gelten als Schlüsselpersonen. Ablöse- oder Provisionszahlungen für die Übernahme von Arbeitern werde der Konzern aber nicht leisten, betont der Sprecher. Den Arbeitern würden nun nach und nach individuelle Vertragsangebote gemacht. Die Spanne des Stundenlohnes reiche vom Mindestlohn mit 9,35 Euro bis zu 16 oder 17 Euro.

Einen Betriebsübergang, mit dem die Kräfte durch ihre Arbeitsjahre bei den Werkvertragsfirmen erworbene Rechte wie Kündigungsschutz behalten würden, hält der Konzern für nicht gegeben. „Wir kaufen ja keinen Dienstleister auf.“

Befristete Arbeitsverträge erwartet

Gewerkschafter Wiese sieht indes einen möglichen Betriebsübergang, wenn ganze Abteilungen oder Kolonnen übernommen würden. „Grundsätzlich bietet den Werkvertragsarbeitern eine Festanstellung beim Konzern mehr Sicherheit“, sagt Wiese. „Aber jetzt können die Arbeiter durch den Wechsel erst einmal auch Nachteile haben.“ Ohne Betriebsübergang böten die neuen Arbeitsverträge zunächst „keinen Kündigungsschutz und in den ersten vier Wochen keinen Anspruch auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall“. Zudem sei zu erwarten, dass die Arbeitsverträge in den ersten zwei Jahren befristet würden.

Dass die Anstellung über neue Firmen erfolgen soll, wertet Wiese als Zeichen, dass „Tönnies die Einheiten nicht zu groß werden lassen will. Ein Motiv könnte sein, dass die Betriebsräte mit mehreren freigestellten Mitgliedern nicht zu stark und unser Einfluss als Gewerkschaft nicht zu groß werden soll.“ Aktuell habe die NGG mehr Mitglieder unter den Werkvertragsarbeitern als in der Tönnies-Stammbelegschaft.

Der Tönnies-Sprecher betont, dass „Mitbestimmung im Konzern stattfindet“. Es gebe mehr als 100 Betriebsräte. Dass es für die Arbeiter bei einem Wechsel in eine Direktanstellung zu Verschlechterungen kommen könnte, weist er indirekt zurück mit dem Hinweis auf Abwerbeversuche vor allem aus anderen Branchen: „Wir müssen markt- und wettbewerbsfähig sein. Sonst bleiben die Leute nicht bei uns.“ Zuletzt hatte sich Konzernchef Clemens Tönnies für höhere branchenweite Mindestlöhne ausgesprochen.

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