Rheda-Wiedenbrück
„Habe das Ziel, besser zu werden“

Rheda-Wiedenbrück (kaw) - Konzentriert visiert sie das Ziel an und bringt sich in die passende Position. Nun gilt es nur noch, den kleinen Ball mit Fingerspitzengefühl ins Rollen zu bringen. „Ach, es ist einfach toll hier“, stellt Brigitte Frisch-Linnhoff fest, nachdem der Schlag getan ist.

Dienstag, 01.09.2020, 20:16 Uhr aktualisiert: 01.09.2020, 20:46 Uhr
Rheda-Wiedenbrück: „Habe das Ziel, besser zu werden“

Dabei verfolgt sie den Lauf der roten Kugel, die dem Loch am Ende der weißen Bahn entgegenstrebt. Die Rheda-Wiedenbrücker Bürgermeisterkandidatin der Sozialdemokraten hat sich die Minigolfanlage im Flora-Westfalica-Park als Ort für das Gespräch mit dieser Zeitung ausgesucht. Früher, als ihre drei Kinder noch klein waren, habe sie mit der Familie viele Stunden hier verbracht, blickt die 58-Jährige gerne zurück. Auch an diesem sonnigen Nachmittag genießen Eltern mit ihrem Nachwuchs das Freizeitangebot in der Spielerei – tummeln sich am Wasserlauf, den Schwimmfässern und bei den Ziegen.

Es fehlt etwas für die Älteren

„Für junge Familien haben wir Angebote, doch es fehlt etwas für die Älteren“, konstatiert die gebürtige Rhedaerin, die zum zweiten Mal bei der Kommunalwahl Amtsinhaber Theo Mettenborg herausfordert. „Wir müssen etwas tun, damit Rheda-Wiedenbrück für Jugendliche interessanter wird“, betont sie. Zwar gebe es Angebote wie den Skatepark und Jugendhäuser, doch es mangele an weiteren Freiräumen. Denkbar wäre es beispielsweise, Schulgelände für diesen Zweck einzubeziehen, regt Frisch-Linnhoff an. „Auch ein Kino fehlt“, befindet sie und merkt an, dass Rheda-Wiedenbrück dafür doch groß genug sei.

Das rote Rund plumpst ins Loch. Die Minigolferin notiert zufrieden drei Schläge auf ihrem Spielblock, lächelt und fügt wissend hinzu: „Die Bahnen werden aber immer schwieriger.“ Sie erläutert, dass es ihr unabhängig vom Projekt wichtig sei, dass sich die Heranwachsenden miteinbringen. Politik sei im Grunde nichts anderes. „Es geht darum, seine Lebensräume zu gestalten“, erläutert die an der Moritz-Fontaine-Gesamtschule tätige Abteilungsleiterin für die Jahrgänge acht bis zehn. Dieses Mitgestalten sei, was auch sie nach wie vor an der Lokalpolitik begeistere: „Hier vor Ort kann man direkten Einfluss auf sein Leben nehmen. Etwa darauf, ob und wo ein Wohnbaugebiet oder eine Schule entsteht.“ Selbst, wenn man etwas nicht durchsetzen könne, und das sei ihr durchaus schon des Öfteren passiert, so habe man doch zumindest versucht, etwas zu erreichen.

Kein schlechter Verlierer

Die Anwärterin auf das Bürgermeisteramt hat sichtlich Spaß an dem Spiel, bei dem jeder mitmachen kann. Gerät die Kugel auf die schiefe Bahn, tröstet sie: „Ein Linksdrall kann nicht schaden“. Ein paar Stationen weiter jubelt sie ganz unbefangen. Ein Schlag hat genügt: Ihr ist ein Ass gelungen. Und wenn es einmal nicht so gut läuft? „Ich bin kein schlechter Verlierer“, berichtet die spielfreudige Emsstädterin. Was die politische Niederlage vor sechs Jahren angeht, gesteht sie: „Ich war schon enttäuscht“. Sie hatte sich mehr erhofft, als über 17 Prozent zu liegen. Doch selbstbewusst strebt sie an: „Ich habe das Ziel, besser zu werden.“ Es sei auffällig, dass sich bei unterschiedlichen Parteien ähnliche Themen auf der Agenda fänden. Dies zeige, dass sich Probleme angestaut hätten und nicht gelöst worden seien.

Soziale Gerechtigkeit steht ganz oben

Allen voran stehe das ihr wichtige Thema der sozialen Gerechtigkeit. „Ich habe schon vor sechs Jahren gesagt, dass etwas gegen die ausbeuterischen Bedingungen, unter denen die Werkvertragsarbeiter leben und arbeiten, getan werden muss“, unterstreicht die 58-Jährige. Auch bezogen auf die Wohnverhältnisse seien diese Menschen „abgezogen“ worden. „Es wurde solange gemacht, weil so lange so viele daran verdient haben“, sagt die Sozialdemokratin. Sie fordert, dass ihnen endlich etwas zurückgegeben wird. In ihrer Schularbeit habe sie mit Zuwandererfamilien zu tun, von denen viele in Rheda-Wiedenbrück bleiben wollten. Deshalb sei es wichtig, dass die Stadt in der Bildungspolitik mehr für die Integration tue, erläutert die studierte Geschichts- und katholische Religionslehrerin. Das Angebot der internationalen Klassen zum Beispiel müsse über die Dauer von zwei Jahren hinausreichen. „Dafür muss die Stadt Geld in die Hand nehmen“, sagt Frisch-Linnhoff. Sie merkt an: „Wir sind durch den Zuzug jung geblieben und würden ansonsten demografisch überaltern.“

Wohnraum fehlt

Zudem müsse endlich bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden. „Der freie Markt löst diesen Bedarf nicht“, ist sich die SPD-Politikerin sicher, deshalb sei steuernd einzugreifen. „Wir brauchen eine eigene Wohnungsbaugesellschaft.“ Wie die 58-Jährige beim Minigolfspiel in der Spielerei verrät, wohnt sie selbst mitten in Rheda, in einem rund 350 Jahre alten Fachwerkhaus. Zwei ihrer erwachsenen Kinder sind schon ausgezogen, das Dritte verlasse bald das Elternhaus, um zu studieren. In der Wohnbaupolitik vermisst Brigitte Frisch-Linnhoff konsequentes Vorgehen. Drei Gutachten habe es bereits gegeben, berichtet sie und fügt hinzu: „Man muss auch den Mut haben, zu entscheiden.“

Mehrere Wege führen zum Ziel

Zwar fehlt der Minigolferin, die sich früher auch schon im Laufen und Bauchtanz geübt hat und noch immer mit ihrem Mann gerne tanzt, die einstige Spielroutine, doch als sie die Bahn mit dem Labyrinth vor sich sieht, weiß sie, was zu tun ist. Entschlossen schwingt sie den Schläger, der kraftvoll den genoppten Ball trifft. Nur so kann er die Steigung in Richtung Ziel überwinden.

„Hier führen mehrere Wege zum Ziel“, erläutert die Bürgermeisterkandidatin, die sich als Teamplayerin versteht, zu der Bahn. „Diskussionskultur ist mir wichtig, anders geht es nicht“, bekräftigt sie mit Blick auf das Amt, das sie anstrebt. Ihr sei daran gelegen, auch für Ideen anderer offen zu sein, um gemeinsam etwas entwickeln zu können. „Bestimmte Sachen sind einfach festgefahren“, beklagt die SPD-Politikerin, die bereits zum zweiten Mal als Bürgermeisterkandidatin ins Rennen geht, und fügt hinzu: „Ein Perspektivwechsel nach langer Zeit schadet nicht.“

Zur Person

Brigitte Frisch-Linnhoff, Bürgermeisterkandidatin der Sozialdemokraten, ist 58 Jahre alt, verheiratet und die Mutter dreier erwachsener Kinder. Die gebürtige Rhedaerin hat die Ernst-Barlach-Realschule und das Einstein-Gymnasium besucht, bevor sie in Münster Geschichte und katholische Religion auf Lehramt studierte. In der Domstadt ist sie vor rund 30 Jahren der SPD beigetreten. Die Pädagogin ist in Rheda an der Moritz-Fontaine-Schule als Abteilungsleiterin tätig. Die Rheda-Wiedenbrücker Ratsfrau und zweite stellvertretende Bürgermeisterin war von 2013 bis 2019 Vorsitzende des hiesigen SPD-Ortsvereins. Zudem ist sie stellvertretende Vorsitzende des Schulausschusses.

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