Bezirksregierung Detmold ließ offenbar „gravierende Mängel“ im Schlachtbetrieb in Rheda-Wiedenbrück öffentlich unerwähnt
Corona-Ausbruch bei Tönnies: Behörde unter Druck

Rheda-Wiedenbrück/Detmold (WB). Das Bekanntwerden gravierender Mängel beim Corona-Schutz des Fleischkonzerns Tönnies im Mai bringt nicht nur das Unternehmen in Bedrängnis, sondern auch die Bezirksregierung Detmold in Erklärungsnot. Anders als von der für den Arbeitsschutz zuständigen Behörde noch Ende Juni auf WESTFALEN-BLATT-Anfrage mitgeteilt , sind bei Kontrollen nicht einfache „Abweichungen vom Hygienekonzept“ festgestellt worden, sondern „gravierende Mängel“, wie es in dem nun bekanntgewordenen Prüfbericht heißt. Jetzt steht die Frage im Raum: Warum hat die Behörde die Probleme öffentlich heruntergespielt?

Dienstag, 22.09.2020, 02:00 Uhr aktualisiert: 22.09.2020, 12:32 Uhr
Die Bezirksregierung in Detmold. Foto: Oliver Schwabe
Die Bezirksregierung in Detmold. Foto: Oliver Schwabe

Laut Bericht keine Mundschutzmasken

In dem Prüfbericht vom 18. Mai hat die Bezirksregierung die Ergebnisse einer Arbeitsschutzkontrolle vom 15. Mai festgehalten – rund einen Monat vor dem massenhaften Corona-Ausbruch im Fleischkonzern. Demnach habe das Unternehmen sein eigenes Hygienekonzept auf Basis der Arbeitsschutzstandards des Bundesarbeitsministeriums in mehreren Punkten missachtet. „Im gesamten Bereich der Schlachtung tragen die Mitarbeiter keine Mund-Nasen-Bedeckung“, heißt es in dem Prüfbericht. Dabei sei „in dem Konzept Mundschutz in allen Bereichen des Betriebes zwingend vorgeschrieben und nicht als freiwillige Maßnahme vorgesehen“. Wie NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) zwischenzeitlich mitteilte, ging es um 460 Mitarbeiter mehrerer Schichten. „Der vorgeschriebene Mindestabstand wird während der Tätigkeit regelmäßig unterschritten“, hielten die Kontrolleure fest.

Probleme demnach auch in Kantine und Toiletten

Darüber hinaus seien Mindestabstände in der Kantine nicht eingehalten worden, und es hätten an verschiedenen Stellen Desinfektionsspender gefehlt – unter anderem in allen zwölf in­spizierten Toilettenräumen, bemängelt die Behörde. Die Toiletten seien teils „erheblich verunreinigt“ gewesen. „Die Reinigungsintervalle reichen in bestimmten, stark frequentierten Bereichen offensichtlich nicht aus“, heißt es im Bericht. Und weiter: „Hier bestehen gravierende Mängel im Hinblick auf die Vorgaben der Sars-Cov-2-Arbeitsschutzstandards. Insbesondere für den Bereich der Schlachtung muss kurzfristig eine tragfähige Lösung für den Gesundheitsschutz der Beschäftigten gefunden werden.“

Der Konzern besserte nach, stellte Mängel ab – und erklärte, Ende Mai, die Vorgaben „fast vollständig“ erfüllt zu haben. Das bestätigte auch eine Nachkontrolle der Bezirksregierung am 29. Mai.

Warum keine detaillierte Auskunft?

Nach dem Corona-Ausbruch bei Tönnies teilte die Bezirksregierung auf WESTFALEN-BLATT-Anfrage am 26. Juni jedoch nur mit, dass bei der Kontrolle Mitte Mai „zunächst Abweichungen vom Hygienekonzept des Unternehmens festgestellt worden“ seien. Dieses wurde bei nochmaliger Nachfrage am 10. Juli bekräftigt. Von den gravierenden Mängeln war keine Rede – auch nicht von den meisten der nun bekannt gewordenen Beanstandungen. Damals hieß es zu Abweichungen: „zu geringer Abstand zwischen den Mitarbeitern der Produktion, zu geringe Abstände zwischen den Nutzern der Kantine sowie das nicht korrekte Tragen von Mund-Nasen-Schutz“. Kein Wort von fehlendem Mund-Nase-Schutz im Schlachtbereich und von Missständen bei Desinfektionsmitteln und Toiletten.

Die Bezirksregierung erklärte am Montag, sie habe „Abweichungen beispielhaft erläutert”. Zudem verweist sie im Kampf gegen die Pandemie auf die kommunalen Behörden, die sie unterstütze.

NRW-Landtag befasst sich erneut mit Fall Tönnies

Bei Tönnies vermutet man derweil einen neuerlichen Versuch, die Vorgänge rund um den Corona-Ausbruch politisch zu skandalisieren. Fakt ist, dass sich der NRW-Landtag in einer Anhörung an diesem Mittwoch wieder mit dem Fall Tönnies befasst.

Pikant: Wie aus einer Aufstellung der Landesregierung hervorgeht, sind weder bei Tönnies noch bei allen anderen großen Fleischbetrieben in NRW zwischen Anfang März und Mitte Mai Arbeitsschutzkontrollen hinsichtlich der Einhaltung der Corona-Schutzkonzepte erfolgt. Erst der Ausbruch bei Westfleisch in Coesfeld ließ die Behörden auf Anweisung Laumanns aktiv werden.

Dazu ein Kommentar von Oliver Horst:

Der Fall Tönnies zieht Kreise und lässt die Frage nach Fehlern von Behörden aufkommen. Dass der Arbeitsschutz aller fünf Bezirksregierungen in der Corona-Krise die Schutzkonzepte großer Fleischbetriebe erst kontrollierte, als es bei Westfleisch in Coesfeld zu hunderten Infektionen gekommen war, spricht Bände. Und dass im Fall Tönnies die Detmolder Behörde der Öffentlichkeit trotz Nachfrage die halbe Wahrheit verschwiegen hat, widerspricht dem obersten Gebot in der Krise: volle Transparenz. Womöglich sollten so auch eigene Versäumnisse verschleiert werden.

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