Neuer Corona-Ausbruch und ASP belasten – Fleischkonzern wächst in Großbritannien
Tönnies und Bauern unter Druck

Rheda-Wiedenbrück (WB). Deutschlands größter Fleischkonzern Tönnies hat schwer zu kämpfen – und mit ihm viele Schweinebauern hierzulande. Der akute Corona-Ausbruch bei der Tochter Weidemark im emsländischen Sögel sorgt für neue Probleme. Zudem belastet das wegen der Afrikanischen Schweinepest (ASP) für deutsche Standorte verhängte Exportverbot für den wichtigen Auslandsmarkt China das Unternehmen. Dem Konzern droht auch wirtschaftlich eines der schwierigsten Jahre seiner Geschichte.

Freitag, 09.10.2020, 03:00 Uhr
Der Fleischkonzern Tönnies versucht, eine behördliche Schließung seines Schlachthofs Weidemark zu verhindern. Foto: dpa
Der Fleischkonzern Tönnies versucht, eine behördliche Schließung seines Schlachthofs Weidemark zu verhindern. Foto: dpa

Auch deshalb will Tönnies notfalls juristisch gegen die vom Landkreis Emsland ab Montag verfügte Schließung des Schlachthofs Weidemark vorgehen. Auch wenn ein Eilantrag beim Verwaltungsgericht Osnabrück am Freitagvormittag eingereicht werden soll, sucht der Konzern parallel im Dialog mit den Behörden eine Lösung. Die Schließung des Betriebs, in dem seit 1. Oktober 72 der rund 2000 Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet worden sind, sei unverhältnismäßig, argumentiert die Firma. Sie habe Gegenmaßnahmen ergriffen, die nun Wirkung zeigten.

Seit Dienstag sei die Zahl der neuen Positivfälle drastisch rückläufig. Am Mittwoch seien nur noch drei Neuinfektionen innerhalb der Belegschaft gefunden worden. Die Arbeiter werden inzwischen nicht nur für die Reihenuntersuchungen täglich getestet, sondern vor Arbeitsbeginn auch mit Corona-Schnelltests. Insgesamt waren in den vergangenen drei Wochen 112 positive Befunde bei Weidemark-Beschäftigten registriert worden. Inzwischen hat der Kreis Emsland die kritische Marke von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen überschritten - der Region drohen noch weitergehende Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens.

Staus in den Schweineställen

Neben der wirtschaftlichen Seite für den Tönnies-Konzern gehe es auch darum, durch den Weiterbetrieb des Schlachthofes den Tierschutz auf den Höfen in der Region sicherzustellen, betont das Unternehmen. Schon länger klagen Schweinebauern über einen Stau in ihren Ställen . Sie fordern Lösungen von der Politik wie die Aussetzung von Schlachtobergrenzen und die Ausweitung der Arbeitszeiten in Schlachthöfen bis hin zu Ausnahmeregeln in den Ställen, weil die Kapazitäten der Schlachthöfe in der Corona-Krise gedrosselt wurden. So läuft die Produktion bei Weidemark in Sögel nur noch auf 60 Prozent, der ebenfalls von Corona-Fällen betroffene Wettbewerber Vion im benachbarten Kreis Cloppenburg musste die Kapazität um die Hälfte reduzieren. Aleine durch diese Einschränkungen fehlten in Niedersachsen pro Woche die Schlachtkapazitäten für etwa 120.000 Schweine.

Die Verzweiflung der Tierhalter sei sehr groß. Weinende Frauen und Männer riefen sie an, sagte Niedersachsens Agrarministerin Barbara Otte-Kienast (CDU) mit stockender Stimme. Sie würden ihre Schweine nicht mehr los. „Ich wäre froh, wenn ich diesen Menschen sagen könnte, dass das Schlimmste schon überstanden ist“, sagte die Ministerin, selber den Tränen nah. Doch damit könne nicht gerechnet werden. Die Tierhalter müssten ihre Erzeugung drosseln, auch wenn das erst in einigen Monaten greife.

Tönnies mit Belastungen im höheren zweistelligen Millionenbereich

Auch das Tönnies-Stammwerk in Rheda-Wiedenbrück, der größte Schweine-Schlachthof Deutschlands, arbeitet seit dem massenhaften Corona-Ausbruch im Juni nur noch mit 75 Prozent der normalen Leistung. Im Zuge der damals vierwöchigen Betriebsschließung sind Belastungen im höheren zweistelligen Millionenbereich angefallen. Ob dem Konzern für das Gesamtjahr auch vor dem Hintergrund des Exportverbots nach China sogar ein Verlust droht, wollte Firmensprecher André Vielstädte auf Anfrage nicht kommentieren.

Fleischkonzern investiert 25 Millionen in Ausbau der britischen Werke

Derweil treibt Tönnies seine Internationalisierung weiter voran. Das Unternehmen investiert 25 Millionen Euro in den Ausbau der Produktionskapazitäten an seinen drei britischen Stand­orten. In Großbritannien werde Tönnies in diesem Jahr erstmalig die Umsatzmarke von 500 Millionen Euro überschreiten, teilte der Konzern mit. Der Gruppenumsatz lag zuletzt bei 7,3 Milliarden Euro.

„Der britische Markt ist für uns ein Wachstumsmarkt“, erklärt Tönnies-Geschäftsführer Frank Duffe. Die Tochter CPC Meats sei bereits heute Marktführer für Bacon – den in Großbritannien so beliebten Frühstücksspeck. „Aufgrund der weiter steigenden Nachfrage“ investiere der Konzern in den Ausbau der Produktion an den drei Standorten Suffolk, Coventry und Malton. Dabei stehe auch der Markt für Fleisch aus Freilandhaltung im Fokus. Die britischen Verbraucher setzten verstärkt auf regionale Produkte. Tönnies produziert vor Ort für den lokalen Markt – und sei mit den Zukäufen vergangener Jahre für den Brexit gewappnet. Das Preisniveau von Fleisch sei auf der Insel um 15 Prozent niedriger als in Deutschland.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7623736?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198389%2F2730030%2F
EU-Staaten einigen sich auf Agrarreform
Die EU-Staaten verständigen sich auf eine Agrarreform.
Nachrichten-Ticker