Rheda-Wiedenbrück
Caritasverband scharrt mit den Füßen

Rheda-Wiedenbrück (bit) - Die neue Beratungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte des Caritasverbands für den Kreis Gütersloh im denkmalgeschützten ehemaligen Haus des Bauern am städtebaulichen Eckpunkt Nordring/Bielefelder Straße in Wiedenbrück macht richtig gute Fortschritte.

Dienstag, 20.10.2020, 17:00 Uhr aktualisiert: 20.10.2020, 17:16 Uhr
Rheda-Wiedenbrück: Caritasverband scharrt mit den Füßen

Anfang November wird der markante Hauptflügel, der weiterhin den alten Namenszug trägt, vom Fachbereich Beratung bezogen. „Der kann sein Angebot für Familien damit konzentrieren. Beratung ist für uns ein Arbeitsschwerpunkt“, sagt Caritasvorstand Volker Brüggenjürgen. Im Frühjahr 2021 kommt der andere Flügel mit Räumlichkeiten für Bildung und Begegnung hinzu. Völlig saniert wird der Zwischentrakt, in dem eine begehbare Brücke entstand. Brüggenjürgen kündigt ein gestalterisches Highlight an: Ein gläsernes Multifunktionshaus „mit Willkommensgeste“, das künftig die Zugangssituation zum Gebäude-Ensemble bestimmen wird.

Wohltuender Kontrast zu 1937

Der Rhedaer Architekt Frank Hurlbrink mit reichlich denkmalpflegerischer Erfahrung und sein bauleitender Kollege Andre Liscioch schildern die reizvolle Aufgabe, für Menschen planen zu können, die in ihrer Situation der Beratung bedürfen. Das sei ein wohltuender Kontrast zum 3. November 1937, als die damalige Landwirtschaftsschule dem nationalsozialistischen Reichsnährstand unterstellt wurde. Es sei eine Zeit gewesen, in der den Menschen unter dem Dach der Hakenkreuz-Partei gezeigt wurde, wie klein sie seien, ruft Hurlbrink bei einem Rundgang mit Medienvertretern in Erinnerung.

Brüggenjürgen konkretisiert: „Wir wollen keine neuen Dienste. Wir wollen sie verbessern, die haupt- und ehrenamtlichen Strukturen stärker vernetzen.“ Als hauptamtlicher Vorstand wertet er es als „Quantensprung für die Arbeit“, wenn demnächst 40 Beschäftigte des Wohlfahrtsverbands unter einem Dach soziale Dienstleistungen für die Region erbringen können.

Lob von Bürgermeister Mettenborg

Bürgermeister Theo Mettenborg (CDU) lobt die Entscheidung der Caritas, das Haus des Bauern hochwertig umzubauen. Der Entschluss sichere die Strukturqualität der Beratungsangebote in Rheda-Wiedenbrück und verbessere die familienfreundliche Ausrichtung der Stadt, für die nicht zuletzt ein bedeutsames Denkmal dauerhaft gesichert sei. Für den Wunsch der Caritas nach einer Außenspielfläche für Kinder gegenüber zeigte sich Mettenborg aufgeschlossen.

Bezug nach und nach

Das neue Beratungszentrum des Caritasverbands für den Kreis Gütersloh bezieht nach und nach die sanierten Gebäudetrakte im Haus des Bauern an der Bielefelder Straße in Wiedenbrück. Die Altbauten werden zu einer Bereicherung für die Stadt.

Wunsch nach lebendigem und offenem Haus

Wie Volker Brüggenjürgen in einem Pressegespräch schilderte, sollen in der ehemaligen Landwirtschaftsschule das Stadtfamilienzentrum Rheda-Wiedenbrück, die Familienberatungsstelle, die Fachstelle für Suchtvorbeugung sowie weitere Dienste der Sucht-, Drogen- und Jugendhilfe eine neue Heimat finden. „Die Caritas wünscht sich für die Zukunft ein lebendiges, offenes Haus der Beratung, Begegnung und Bildung“, bekräftigt der Caritasvorstand. Er geht von jährlich etwa 10 000 Nutzern der vielfältigen Hilfsangebote aus. Für den Verband sei die Nutzung einer Gebrauchtimmobilie wirtschaftlich günstiger als die eines vergleichbaren Büroneubaus, erläutert Brüggenjürgen. Für den Umbau, der sich im vorgesehenen Finanzrahmen bewege, erhalte die Caritas auch Mittel von der Stiftung Wohlfahrtspflege und Aktion Mensch.

Gebäudesubstanz im gutem Zustand

Die Stadt Rheda-Wiedenbrück kam dem Wohlfahrtsverband entgegen, indem sie das für die Caritas zu eng gewordene Haus in der Bergstraße kaufte. In seiner Projektbeschreibung zum Haus des Bauern kommt Architekt Frank Hurlbrink zu der Feststellung: „Die Gebäudesubstanz ist in einem sehr guten Zustand. Bauliche Maßnahmen können sich auf die Schaffung der Barrierefreiheit und die Anpassung der neuen Nutzung beschränken.“

1936 konzipiert, 2015 von der Caritas gekauft

Das 1936 konzipierte und 1937 bezogene heute denkmalgeschützte Gebäude diente als Landwirtschaftsschule für Jungen und Mädchen in streng getrennten Räumen. 2015 kaufte die Caritas den Flügelbau. Die Landwirtschaftskammer blieb noch bis 2017, das Kreisarchiv sogar bis 2018.

Nationalsozialistische Landwirtschaftsschule

Die Nutzungsdauer des Schulgebäudes „Haus des Bauern“ in Wiedenbrück durch den Reichsnährstand dauerte nur von 1937 bis 1945. Mit Ende des Zweiten Weltkriegs war auch Schluss mit dem Reichsnährstand. Dieser Zwangszusammenschluss von Landwirtschaft, Gartenbau und Fischerei sollte im Dritten Reich die Erzeugung von Lebensmitteln steigern und deren Verteilung durch die Festsetzung von Preisen steuern. Wiedenbrück war 1936 eine der ersten Standorte für eine nationalsozialistische Landwirtschaftsschule im Deutschen Reich. Die Bauweise der zurückgesetzten mehrflügeligen Anlage mit ihrem Hauptkörper aus roten Klinkersteinen sollte Vorbildcharakter für ähnliche Einrichtungen haben. Im Haus des Bauern hielt in der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre auch die Wirtschaftsberatung des Reichsnährstandes Einzug. Heimatforscher Dr. Wolfgang A. Lewe erklärt: „Daher war es selbstverständlich, auch die übrigen bäuerlichen Dienststellen in dem Schulgebäude unterzubringen.“ Nach dem Krieg beschlagnahmten die Alliierten die Landwirtschaftsschule als Dienstsitz.

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