Cultura: Einblick in das Leben eines polnischen Zwangsarbeiters
Der Krieg lässt ihn nicht los

Rietberg (WB). Rückblende – Polen 1942: Aus heiterem Himmel wird der damals 15-jährige Ferdinand Wladislaw Matuszek von den Nazis in seiner ostgalizischen Heimat verhaftet und zum Bau der kriegswichtigen Eisenbahnlinie Lemberg-Kiev gezwungen.

Donnerstag, 16.01.2020, 10:00 Uhr
Seelenschmerz: Solo-Schauspieler Michael Grunert schlüpft in die Rolle des Ferdinand Wladislaw Matuszek. Foto: Simon Steinberg
Seelenschmerz: Solo-Schauspieler Michael Grunert schlüpft in die Rolle des Ferdinand Wladislaw Matuszek. Foto: Simon Steinberg

Michael Grunert schlüpft in die Rolle des Ferdi Matuszek

Im Theaterstück „Im Herzen ein Nest aus Stacheldraht“ schlüpfte der Solo-Schauspieler Michael Grunert dafür in die Rolle des Ferdi Matuszek und begeisterte rund 80 Zuschauer in der Cultura mit seiner von Zerrissenheit und qualvollen Erinnerungen geprägten Biographie. Als 16-Jähriger wurde er dann für Zwangsarbeit auf einem Bauernhof im ostwestfälischen Rehme deportiert, bei dem er bis Kriegsende auf dem Hof der Familie Körtner bei der Kartoffelernte helfen musste und auch seine spätere Frau Käthe kennenlernte.

Den Grund dafür hat Matuszek, der zusammen mit Friedhelm Schäffer und Oliver Nickel von der Gedenkstätte Stalag 326 VI K Senne sein eigenes Buch veröffentlicht hat, nie vergessen: „ Ich habe in Ostgalizien damals russischen Zwangsarbeitern Brot über den Zaun geworfen – daraufhin wurden 20 von ihnen erschossen.“

Michael Gruner zeigte mit seiner Rolleninterpretation hervorragend, wie Matuszek, von Erinnerungen gequält, innerlich zerrissen und heimatlos, lange Zeit nicht fähig ist, über seine Erlebnisse zu sprechen. Ein Stacheldraht schwebt vor seinem vom Leben gezeichneten Gesicht: Der Krieg lässt Ferdinand Matuszek auch noch Jahre danach nicht los.

Chaos im Kopf: schreiende Kinder, Schüsse und Marschmusik

In seinem Kopf herrscht Chaos. Er hört die Stimmen von schreienden Kindern und ihren Müttern, die voneinander getrennt werden, von Schüssen, von Zugdurchsagen und Marschmusik. Der Krieg weckt seine Erinnerungen an Grausamkeiten und Leid und wirft auch Fragen nach der eigenen Schuld auf. Nach dem Krieg hat Matuszek, der erst nach München geht und später in seiner „Zwangsheimat“ Rehme eine deutsche Frau heiratet, keinen Anspruch auf Wiedergutmachung.

„Sie hatten es ja gut bei den Bauern“, wird ihm gesagt „Ja. Ich bin und war ein Glückspilz.“ Das karge Bühnenbild unterstreicht die triste Stimmung die das Stück von Grunert und der Regisseurin Regina Berges vermitteln soll. Ein kleiner angestrahlter Holztisch, ein Topf mit Kartoffeln, ein Schälmesser, sowohl im Vorder- als auch im Hintergrund Stacheldrahtzaun und eine Videoleinwand, die abwechselnd Bilder aus Matuszeks Leben und heutigen Bootsflüchtlingen zeigt.

Frage- und Diskussionsrunde im Anschluss an die Vorführung

Im Anschluss an die rund einstündige Vorführung nutzten viele Zuschauer die Frage- und Diskussionsrunde mit Michael Grunert noch für Fragen und vor allem auch für viel Lob. „Ein großes Kompliment, wie sie die Rolle so einfühlsam rübergebracht haben. Hoffentlich fühlen die vielen Schüler vor denen sie immer mal wieder auftreten das auch so mit, wie wir Erwachsenen“, sagte eine Zuschauerin an den Solo-Schauspieler gerichtet. Und mit dieser Meinung stand sie offenbar nicht alleine da.

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